Ein ehemaliger BZ-Praktikant ist jetzt Pulitzerpreisträger - wegen dieses Flüchtlingsfotos

Marius Buhl

Pulitzerpreis, größer geht es im Journalismus nicht. Der deutsche Fotograf Daniel Etter hat letzte Woche einen gewonnen - für das Bild eines Flüchtlings, das um die Welt ging. Im Interview erzählt Etter, wie ihm das Bild gelang - und erinnert sich an seine Zeit als BZ-Praktikant:



Daniel, dein Bild eines weinenden Flüchtlingsvaters ging um die Welt. Letzte Woche bekamst du dafür den Pulitzerpreis, die größtmögliche Auszeichnung für einen Journalisten. Wie entstand das Bild?

Etter: Ich stand frühmorgens am Strand von Kos, einer griechischen Insel. Ich hatte über mehrere Tage jeden Morgen dort gewartet. An diesem Strand waren damals noch keine Helfer und keine anderen Journalisten, ich war alleine. Da sah ich in der Ferne einen schwarzen Punkt, es war kurz vor Sonnenaufgang.

Als der Punkt näher kam, erkannte ich ein Boot, in dem kaum Luft war. Es ist gerade noch an den Strand gekommen. Mit als erster sprang dann der Vater an Land. Er hat gezittert, konnte kaum gehen. Er hat seine Familie um sich geschart, sie lagen sich in den Armen, haben geweint, waren erleichtert. Alles auf einmal. Denn Moment habe ich fotografiert.

Ein extrem intimer Moment. Wie schwer fiel es dir, tatsächlich abzudrücken?

Die Familie war sicher an Land, es konnte nichts mehr passieren. Was hätte ich tun sollen? Da kann ich als Fotograf nur meine Arbeit gut machen und versuchen, die Emotionen in einem Bild einzufangen. Damit erreiche ich möglicherweise tausende andere. Hinterher kann ich mich gegenüber den Menschen erklären und schauen, ob ich helfen kann.

Wie lange beschäftigt dich das Schicksal einer solchen Familie?

Ich habe sehr lange an diese Familie gedacht, einfach, weil der Moment am Strand so emotional war. Ich habe viele dieser Ankünfte gesehen, oft läuft das überraschend kühl ab. Die Menschen kommen an und fragen: "Wo geht es weiter?" oder "Wo ist die Polizeistation?"

In dem Fall war das anders. Als das Bild dann zwei Tage später in der New York Times veröffentlicht wurde, war die Reaktion weltweit gigantisch - das hat für mich den Moment im Nachhinein nochmal verstärkt.

Was für Fähigkeiten braucht es, um so ein Bild zu machen?

Vor allem Geduld - und Glück. Dazu aber sicherlich auch etwas Instinkt. Und man darf sich im entscheidenden Moment nicht so sehr von seinen Gefühlen überwältigen lassen und wissen, was man mit der Kamera tut. Bei diesem Bild war es ja noch dunkel, die Kamera fokussierte nicht richtig, zudem haben die Menschen sich viel bewegt. Das Bild scharf zu kriegen war nicht leicht.

In Zeitungen und Magazinen, bei Facebook und Twitter sehen wir täglich Dutzende Fotos mit Flüchtlingen. Denkst du daran, wenn du ein Bild machst - dass es aus der Masse herausragen sollte?

Nein, sicher nicht. Ich mache meine Arbeit und versuche, sie gut zu machen. Natürlich hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst, der besteht aber unabhängig der anderen Bilder.

Du hast vor ein paar Jahren auch ein Praktikum bei der Badischen Zeitung gemacht. Damals hast du zu einem Kollegen, der dich nach deinen Plänen gefragt hat, gesagt: "Bilder aus Kriegsgebieten in großen Magazinen veröffentlichen". Ganz schön selbstbewusst.

Die Idee trage ich schon sehr lange mit mir herum. Wenn ich das damals so gesagt habe, hatte ich mir das nicht da mal eben ausgedacht. Ich wollte das so machen, es war mein Traum.

Was fasziniert dich an deiner Arbeit?

Die Reisen als Fotograf sind ein ständiges Abenteuer. Man erlebt Geschichte live mit, lernt neue Länder und Menschen kennen. Das ist da große persönliche Privileg, dass dieser Beruf mit sich bringt. Auf der anderen Seite denke ich immer noch, dass es sehr wichtig ist, was wir machen: Wir können Diskussionen ankurbeln.

Der Job ist aber auch entbehrungsreich.

Ein Kollege, der mit mir den Preis gewonnen hat, Mauricio Lima, hat gar kein Zuhause mehr. Er hat keine Anschrift oder feste Telefonnummer. Wenn er am Flughafen ist, kauft er sich als erstes eine Sim-Karte.

Das ist bei mir anders. Ich renoviere in Girona in Spanien ein altes Bauernhaus, da verbringe ich viel Zeit. Momentan kommen neue Ziegel aufs Dach. Diese Balance zwischen Abenteuer und sicherem Ankommen ist mir sehr wichtig.

Klingt nach Traumjob.

Das ist es. Es gibt keinen anderen Grund, warum man das machen sollte. Man wird nicht reich durchs Fotografieren, hat keine Stabilität im Leben. Zudem ist es auch gefährlich. Aber das wird gutgemacht durch die Geschichten, die man erlebt, die Menschen, die man trifft.

Gab es Momente, die zu gefährlich wurden?

Ja, die gibt es ständig. Du willst ein starkes Foto machen, musst eine Geschichte fertig bekommen, aber gleichzeitig steigt natürlich das Risiko mit jedem Tag, den du in Kriegsgebieten bist. Aber ich bin ja nicht das ganze Jahr über in Kriegsgebieten und werde beschossen. Das ist mal zwei Wochen so, dann bin ich aber auch wieder froh, nach Hause zu können.

Du hast jetzt einen Pulitzerpreis gewonnen, größer geht es im Journalismus nicht. Was treibt dich weiter an?

Natürlich will man Anerkennung für seine Arbeit - aber macht man das wegen diesem Preis, anderen Preisen? Deswegen sicher nicht. Das ist das einzige, von dem ich weiß, dass ich es gut machen kann.

Was bedeutet dir der Preis?

Das ist natürlich eine große Ehre, aber was es langfristig bedeutet, kann ich dir noch nicht beantworten.

Du solltest nach dem Gewinn im Newsroom der New York Times auch eine kleine Rede halten. Wie war das?

Ich hätte nie gedacht, dass ich auf den heiligen Stufen dieses Newsrooms mal zu den Redakteuren und Reportern sprechen würde. Ich war der letzte von uns vier Fotografen – nur eins von den 18 Bildern, die wir eingereicht haben, war von mir.

Als ich sprach, waren viele Redakteure schon wieder bei der Arbeit, der Zeitdruck und die Taktung sind dort natürlich auch ziemlich hoch. Trotzdem war das ein sehr erhebendes Gefühl. Ich habe kurz die Geschichte hinter dem Bild erzählt und mich bei meinen Redakteuren bedankt.

Das Foto:



Laith Majid, der Familienvater im Bild, ist mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Etter fotografierte ihn am Strand von Kos im August 2015. Inzwischen ist Majid wieder zurück in den Irak gereist, wie internationale Medie berichteten. [Foto: Daniel Etter/New York Times/Redux/laif]

Zur Person



Daniel Etter, 34, ist ein deutscher Fotograf, der freiberuflich für internationale Medien arbeitet. Sein bekanntestes Bild, das einen Flüchtlingsvater zeigt, entstand auf der Insel Kos und erschien zuerst in der New York Times. Etter absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und macht einst auch ein Praktikum bei der Badischen Zeitung. Für seine Arbeiten gewann er mehrere Preise, unter anderem im April 2016 den Pulitzerpreis. [Foto: privat]

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