Ein Craft Beer für Freiburg: Bei der Bierverköstigung des Freiburger Braukollektivs

Bernhard Amelung

Ein Jurist, ein Chemiker, ein Bildungsplaner und ein Family Guy: Das ist das BrauKollektiv aus Freiburg. Noch in diesem Jahr wollen die Selfmade-Bierbrauer die Freiburger Bierlandschaft um ein selbst gebrautes Bier erweitern. Wie das "Braukollektiv Pale Ale" schmeckt, hat fudder-Autor Bernhard bei einer Bierverköstigung getestet:



In der Nase duftet es süßlich und leicht pfeffrig, nach Zitrone und mediterranen Kräutern. Der Antrunk ist herb-bitter. Raucharomen entfalten sich auf der Zunge. Kräuternoten von Thymian bauen sich auf. Sie werden von einer kräftigen Hopfenherbe verdrängt, die im Abgang zunimmt. Sie klingt lange am Gaumen nach.

"Nummer zwei isch bis jetzt mein Favorit. Des war angenehm. Des hier isch mir zu bitter", sagt ein Mann Ende fünfzig. Er wischt sich den Mund ab und langt nach Salzstengeln. Ein Endzwanziger widerspricht vehement. "Nummer zwei ist ganz nah dran am Geschmack herkömmlicher Biere. Das macht es so vertraut am Gaumen, ist aber langweilig." Eine junge Frau schaltet sich ein. "Nicht streiten. Nummer eins haben wir noch nicht probiert. Auf geht's."

Sie verlassen den Tresen des Strandcafés auf dem Grethergelände und suchen den Tisch, an dem das Bier mit der Nummer eins auf Verkostung wartet. Mit ihnen befinden sich etwa dreißig weitere Gäste im Raum. Es sind Vertreter der Freiburger Gastronomie, von der Studentenkneipe Schlappen bis zur Hemingway Bar, sowie Freunde und Bekannte des Freiburger Braukollektivs. Dessen vier Mitglieder, Gil Scheuermann, James Tutor, Chris Murphy und Bernhard Frenzel, haben an diesem Abend eingeladen, ein selbst gebrautes Bier zu probieren. Ab Juni soll es in ausgewählten Freiburger Bars und Kneipen ausgeschenkt werden. Gebraut werden soll es in der der Lenzkircher Brauerei Rogg im Lohnbrauverfahren.

Es ist ein Craft Beer, was so viel wie handwerklich gebrautes Bier bedeutet. "Diese Bezeichnung verwenden wir nur, um uns von der industriellen Bierproduktion abzugrenzen. Unser Bier ist ein Pale Ale, ein obergäriges Bier, das im Stil eines amerikanischen IPAs gebraut wird", sagt Gil Scheuermann, der den Abend eröffnet. Scheuermann kommt ursprünglich aus Kiel. Er hat in Freiburg Chemie studiert und arbeitet als Produktmanager in einem Unternehmen in Weil am Rhein.

So wie er sind die anderen Mitglieder des BrauKollektivs keine gebürtigen Freiburger. Bernhard Frenzel kommt eigentlich aus München und arbeitet im Bereich Bildungsplanung und Instructional Design. Chris Murphy, geboren in der australischen Stadt Melbourne, ist wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. "Ich bin gerade in Elternzeit", sagt James Tutor, ein charismatischer US-Amerikaner aus Long Beach in Kalifornien. "Ein Jurist, ein Chemiker, ein Bildungsplaner und ein Family Guy, mehr braucht man nicht, um Bier zu brauen", sagt er mit einem Augenzwinkern und lacht.



Er ist es auch, der den Gästen sein Erweckungserlebnis in Sachen Bier erzählt. "Vor ungefähr sieben Jahren war ich beruflich in Seattle. In einem Liquor Store wollte ich mein übliches Feierabendbier kaufen. Der Inhaber hatte am Eingang Flaschen aufgestellt, auf denen 'You're not worthy' und 'You probably won't like it' stand. Das hat mich angezogen. Ich habe mir vier Flaschen gekauft. Sie kosteten 22 Dollar. Ich habe es getrunken und war überwältigt. Das Bier hieß 'Arrogant Bastard Ale'."

Ale, Pale Ale, India Pale Ale, Lambic, belgische Sauerbiere, Stout und Porter: Die Liebe zu den unterschiedlichsten Biersorten verbindet die vier Hobbybrauer. Kennen gelernt haben sie sich in einem Onlineforum für Craft-Beer-Enthusiasten. Mit ihrer Leidenschaft sind sie nicht alleine. "In Italien, der Schweiz und den skandinavischen Ländern hat sich eine Brauszene etabliert, die ihr eigenes Bier mit Kleinstbrauanlagen oder im Lohnbrauverfahren bei einer Brauerei herstellen. Sie experimentieren mit unterschiedlichen Malzen und Hopfensorten. Manche verfeinern das Bier sogar mit Holunderblüten oder südländischen Kräutern. Die aktivste Brauszene haben die USA, Australien und Neuseeland. Deutschland hinkt hinterher", sagt Jan Czerny.

Der 44 Jahre alte Denzlinger ist gelernter Bierbrauer, seit fünf Jahren auch Bier-Sommelier. Er arbeitet in der Basler Kleinstbrauerei "Unser Bier". An diesem Abend erklärt er, wie man Bier richtig verkostet. Man tut dies mit allen vier Sinnen. Man schaut es an, riecht es, fühlt es mit der Zunge, im Nund, am Gaumen und in der Kehle. Czerny sagt: "Im Antrunk soll man vor allem auf die Süße und den Malzkörper achten. Im Abgang soll man sich auf die Bitternoten konzentrieren. Wie wirken sie sich in der Kehle aus, sind sie kratzig, fruchtig, halten sie lange an oder verflüchtigen sie sich schnell?"



Bier Nummer eins steht auf einem Tisch im Halbdunkel des Strandcafés. Drei Frauen und vier Männer sitzen darum herum. Sie heben ihr Glas und schauen das Bier an. Es leuchtet dunkelblond. "Ein schöner Warmton, wie Bernstein", sagt eine Frau. Der Schaum ist feinporig und stabil. Das Bier riecht leicht harzig und nach Kräutern. Eine zartbittere Hopfennote ergänzt diese Aromen im Antrunk. Sie nehmen einen zweiten Schluck. "Leicht pfeffrig, oder?", fragt ein Mann in die Runde. "Die mineralische Säure ist toll", schwärmt ein anderer.

Eifrig machen sie Notizen auf kleinen Zetteln, die das BrauKollektiv bereitgelegt hat. "Die Meinung unserer Gäste nehmen wir sehr ernst. Sie wird in die Entscheidung einfließen, welche Sorte Bier wir letztendlich brauen werden", sagt Bernhard Frenzel, der selbst gerne stark gehopfte Biere mag. Zum Schluss noch die Frage, ob er und seine Freunde ihr Hobby zum Beruf machen wollen: "Beim Bierbrauen schalten wir vom Alltag ab und erholen uns. Wir wollen die Freiburger Bierlandschaft erweitern und nicht aufmischen", sagt er und geht zum nächsten Tisch. Dort steht das Bier mit der Nummer vier. Es wurde durch Hopfenstopfen nachgehopft. Ein Bier jenseits des Mainstream.



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