Ein Bayer in Baden

Manuela Müller

Bayern: die Heimat des Bieres, Edmund Stoibers und des neuen Papstes - aber auch die Heimat des deutschen Reggae! Ihr fragt euch, was ich mir hier zusammenspinne? Hans Söllner, das Urgestein des deutschen Reggae, wortgewaltiger, revoltierender, kiffender Rastafari aus Bayern, hat Freiburg mal wieder einen Besuch abgestattet. Ein Konzertbericht aus dem knallvollen Jazzhaus (Zusatzkonzert am heutigen Mittwoch, 20 Uhr, wiederum im Jazzhaus). Gestern Abend, 20.05 Uhr: Vor erst fünf Minuten war der offizielle Beginn des Söllner-Konzerts im Jazzhaus, aber das Kellergewölbe scheint schon auseinander zu bersten. Der erste Abend mit Söllner ist ausverkauft und der Bayer aus Bad Reichenhall hat sich auch schon mit seiner Band Bayaman'Sissdem auf der Bühne platziert und schimpft über Hühner, französische Politik, Polizisten und die "Merkl". So kennen und mögen wir ihn, allerdings in Maßen. Nach 15 Minuten will ich endlich mal das erste Lied hören, doch das hat mit Reggae wenig zu tun, sondern stammt noch aus seiner Zeit als bayerischer Liedermacher Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Das Konzert wirkt anfangs eher wie ein politischer Kabarettabend mit Liedeinlagen. Klar passieren schreckliche Dinge in unserer ach so zivilisierten Gesellschaft - so singt Söllner über ein Neugeborenes einer Heroinsüchtigen oder den verzweifelten Selbstmord eines Schülers am Baum vor dem Fenster der Klasse, über vergewaltigte Kinder - aber, lieber Hans, ich bin doch auf dein Konzert gegangen, weil ich einen schönen Abend mit den "positive vibrations" des Reggae haben wollte. Der Musiker scheint meine Gedanken lesen zu können, die Reggaeklänge finden in unsere Gehörgänge, das Publikum taut auf, singt zögerlich mit. Aber man kann ja nicht erwarten, dass ganz Südbaden im Söllner-Repertoire so textsicher ist, wie ein bayerisches Publikum.Um halb zehn preisen und loben wir alle ein bisschen Gott für die Luft, die er uns zum Atmen gibt, für die Wiesen und die Wälder, für die blauen Augen von Söllners Kindern und für uns selbst... und sind zufrieden mit dem 50-jährigen Rastafari, der doch noch die Kurve von den Schimpftiraden zu den sonnigen Seiten des Lebens gekriegt hat. Noch ein paar Zugaben und die Badener tröpfeln langsam wieder aus dem Jazzhaus.Übrigens gibt es eine Entschuldigung für die frustrierten Wortpassagen während des Konzertes. Wer würde sich schließlich nicht aufregen, wenn er innerhalb von 24 Stunden als bekannter Reggaemusiker und bekennender Kiffer auf seiner Tournee drei mal von der Polizei aufgehalten wird, mit ihr Ewigkeiten rumdiskutieren muss und auch noch gefilzt wird - und das nicht einmal im Polizeistaat Bayern, sondern in Baden-Württemberg... Es sei Hans Söllner also großzügig sein Grimm verziehen.Heute Abend spielt Söllner mit seiner Band - nach einem hoffentlich äußerst entspannenden Tag in der Stadt mit dem symbolischen Namen Freiburg - noch einmal im Jazzhaus. Wer der Musik und mehr lauschen will, sollte möglichst früh dort antreten, denn Baden liebt den frechen Bayern. Um 19 Uhr ist Einlass, um 20 Uhr (vermutlich genauso pünktlich wie gestern) ist Beginn.