Erfahrungsbericht

Ein Abend in der wöchentlichen Karaokebar des Tacheles

Muniera Haas

Jeden Mittwoch treffen sich im Tacheles in der Freiburger Innenstadt dutzende Karaokefanatiker, um gemeinsam zu singen. fudder-Autorin Muniera Haas hat sich unter die Erasmus-Studentinnen und Dauersinger gemischt und ihre Erfahrungen aufgeschrieben.

Das hätten wir wirklich nicht gedacht. Meine Freundin schaut mich verdutzt an. Ein Pärchen singt zusammen ein Lied von Coldplay: "Viva La Vida". Wir befinden uns in Freiburgs bekanntester Karaoke-Bar, dem Tacheles. Meine Freundin sagt: "Ich habe erwartet, dass die Stimmung total low wird. Ich dachte, dass da vier Kerle besoffen rumsitzen und in ein Mikro grölen. Aber nein, die Stimmung der Hammer".


Das Tacheles ist ein Restaurant mitten in der Innenstadt von Freiburg, das eigentlich für große Steaks, Burger und Happy Hour bekannt ist. Doch es ist auch Bierkneipe, Studierendenkneipe, Disko und Karaokebar. Denn jeden Mittwoch treffen sich hier Karaokebegeisterte und haben richtig viel Spaß. Wer singt hier wöchentlich, was für Publikum trifft sich? Das will ich an diesem Abend herausfinden – doch dafür muss ich erst einmal den Karaokebereich finden.

Viele Studierende treffen sich zum Karaokesingen

Das Tacheles ist ziemlich groß und umfasst etwa 588 Quadratmeter, das kann man aber erst auf den zweiten Blick sehen – denn es gibt viele verwinkelte Ecken und unzählige Sitzmöglichkeiten. In einen Raum mit einem DJ auf der einen Seite und einem riesigen Fernseher auf der anderen Seite befindet sich er Karaoke-Bereich. Hier warten unzählige Songs aus den vergangenen Jahrzehnten und den aktuellen Charts darauf, gesungen zu werden.

Das Publikum ist eher jung, die meisten Besucher sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Auffällig ist, dass viele Studierende in die Bar kommen. Darunter überwiegend Erasmus-Studierende, bei denen Karaoke-Bars anscheinend sehr beliebt sind. Es gibt auch einige Stammgäste, die einen ganzen Tisch reservieren und richtige Karaoke-Fanatiker sind. Sie kommen wöchentlich in die Bar und genießen den Abend mit Freunden. Im Rampenlicht zu stehen ist ihre Leidenschaft.

Der Karaoketisch

Denn nach einem Auftritt Applaus zu ernten ist eines der schönsten Gefühle des Karaoke. "Ich muss mit niemandem etwas ausmachen. Ich komme hierher und es sind Leute da, die ich kenne und mit denen ich feiern kann", sagt die 21-jährige Juli. Sie kommt gerade von der Bühne, auf der sie "Bad Guy" von Billie Eillish gesungen hat. Glücklich setzt sie sich an einen Tisch, an dem jeder mal aufsteht und einen Song singt. Die Karaokefanatiker: Sie animieren sich gegenseitig.

Aber auch für diejenigen, die sich nicht auf die Bühne trauen, ist der Abend unterhaltsam. Denn es werden viele bekannte Lieder gesungen, bei denen man gut mitsingen kann. Am häufigsten werden englische Songs geträllert. Hier und da hört man auch mal etwas auf Deutsch oder Spanisch. Was mich wundert: Dass in Deutschland mehr auf Englisch gesungen wird als in der eigenen Muttersprache. Aber dass hängt wohl mit den aktuellen Charts als auch mit den Klassikern zusammen – das meiste ist auf Englisch. Ich höre viele Songs und Nummer-eins-Hits, die weltweiten Erfolg hatten und wahrscheinlich deshalb niemals in Vergessenheit geraten werden. Karaokeklassiker sind Lieder aus dem Musical "Mamma Mia" oder der Song "Angels" von Robbie Williams.

Keiner wird verurteilt

Die Stimmung der Karaoke-Night ist die ganze Zeit über unglaublich, erreicht aber ihren Höhepunkt, als "Someone Like You" von Adele performt wird. Jeder und jede singt mit – sogar ich. Gänsehautfeeling! Einen stressigen Job hat übrigens der DJ: Er wird ständig belagert von weiteren oder neuen Gästen, die etwas singen wollen. Mir fällt gar nicht auf, dass es mitten in der Woche ist und viele Anwesende am nächsten Tag arbeiten oder in die Uni müssen. So ausgelassen wird hier gefeiert. Ich befinde mich unter Menschen, die einfach gerne singen und ihren Alltag vergessen wollen.

Was mich besonders entzückt: Keiner wird verurteilt oder wegen schlechten Gesangseinlagen ausgelacht oder gar ausgebuht. Auch nicht die spanischen Erasmus-Studentinnen, die gemeinsam auf ihrer Muttersprache ein Lied singen oder besser gesagt kreischen. Auch nicht das Mädchen, das beim Song "Inner Smile" von Texas etwas versagt. Es ist eine sehr faire Veranstaltung, bei der jeder und jede eine Chance bekommt. Mit der Freude am Singen kann jeder ein ganz großer Star für einen kleinen Moment sein.

Es geht um das Gemeinschaftsgefühl, ums Singen – nicht um Alkohol. Es wird den ganzen Abend über relativ wenig getrunken. In anderen Clubs in Freiburg sind die Bartheken meist sehr überlaufen und man muss lange auf sein Getränk warten. Im Tacheles jedoch nicht, das liegt zum einen wohl daran, dass es drei Anlaufstellen gibt und man sich in den unterschiedlichen Winkeln der großzügigen Bar mit Getränken versorgen kann. Zum anderen hat es nicht den Anschein, dass die Gäste sich Mut für die Gesangseinlage antrinken müssen. Jeder Teilnehmer steht ziemlich selbstbewusst da und manchmal singen auch Gäste zu zweit oder zu dritt und bekommen mehrere Mikrofone. Niemand muss sich schämen, auch wenn man nicht der beste Sänger ist.

Fazit

Der Karaokeabend im Tacheles ist definitiv eine lustige und unterhaltsame Veranstaltung in Freiburg, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Es gibt auch andere Karaoke-Partys in Freiburg und in den nahegelegenen Nachbarorten.

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