eEtiquette: Der Knigge für die digitale Welt

Martin Jost

Immer mehr sind wir in den vergangenen beiden Jahrzehnten in die Online-Welt abgewandert. Gleichzeitig haben wir uns daran gewöhnt, die mobile Kommunikation in jeden Winkel unseres realen Lebens mitzunehmen. Allgemeingültige Regeln für digitales gutes Benehmen fehlten bislang noch - eine Lücke, die das Buch "eEtiquette" schließen will.



Synonym und Maßstab für den guten Umgang mit unseren Mitmenschen ist der "Knigge", ein Handbuch, das sein Autor und Namenspatron 1788 veröffentlichte. Wenn auch der Knigge für sein Alter überraschend viel Gültigkeit bewahrt hat (- Kostprobe:


"Mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehn; sie sind so wenig als andre Betrunkene zur Geselligkeit geschickt; [...] Man mag übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen")

... so ist Knigges Themenwahl natürlich zeitbezogen:

"Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur Pflichterfüllung anzuhalten: allein nie soll er sich durch Hitze verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern oder gar mit Schlägen zu behandeln."

Zu den Fragen des höflichen Umganges, die erst in unserer Lebenszeit aufgekommen sind, konnte er sich noch gar nicht äußern: Darf man auf dem Klo telefonieren? Wie lange darf man für die Beantwortung einer E-Mail brauchen? Wie lange darf man in einem Café WiFi-en ohne Kaffee zu kaufen?

Das Buch "eEtiquette: 101 Leitlinien für die digitale Welt" gibt uns zum Glück Hinweise. Herausgegeben wurde es vom Creation Center der Deutschen Telekom. Bezeichnend für die Schnelllebigkeit des Fachgebiets ist, dass nach vergangenem Jahr gerade die per Facebook- und Twitter-Debatte überarbeitete zweite Auflage erschienen ist. Die Vorschläge wurden ursprünglich von "über 40 internationalen Lead Usern, dem Masterstudiengang Design Interactions des Londoner College of Art und der Deutschen Kniggegesellschaft" erarbeitet. (Was "internationale Lead User" sind, verrät das Vorwort leider nicht, aber es klingt witzig.)

Dafür, dass so viele Köche mit am Brei rührten, sind die Tipps für einen gepflegten Umgang überraschend kurz und auf den Punkt geraten. Beispiele:
  • Nr. 5: Bestätige den Empfang wichtiger Nachrichten, wenn du zur Beantwortung etwas mehr Zeit benötigen wirst.
  • Nr. 48: Die erste "kostenfreie" Stunde Wi-Fi in einem Café kostet einen Cappuccino und einen Muffin. Die zweite Stunde nur noch einen Schokokeks.
  • Nr. 55: Telefoniere nie auf einer öffentlichen Toilette. Eine rauschende Spülung verrät alles.
  • Nr. 57: Während du in Gesellschaft bist, solltest du nie länger mit deinem Telefon spielen, als du für einen Gang auf die Toilette benötigen würdest.



Warum der Text im Buch wie Stick-Monogramme auf Tischdecken aufgemacht ist, wird nicht ganz klar. Vielleicht zu viel Kaffee im Layouter? Vielleicht auch eine präventiv-ironische Anspielung auf die spießbürgerliche Idee von Benimmregeln? Auch nicht ganz klar: Unter jedem Tipp sind passende Metatags aufgeführt. Nur: Papier kann man nicht anklicken.

"eEtiquette" ist ein angenehmes Buch aus drei Gründen: Erstens sind die Regeln kurz und präzise. Zweitens sind viele Regeln so praktisch, dass man sich den Tag herbeiwünscht, an dem sie jeder kennt (Beispiel: Wenn das Telefongespräch abbricht, versucht es nur einer nochmal, und zwar der, der zuerst angerufen hat.) Drittens ist nichts an "eEtiquette" belehrend oder aufdringlich. Schon Knigge hätte keine Welt gewollt, in der seine Regeln für den Umgang mit Menschen zu spröden Gesetzen werden:

"Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets wahrhaftig zu sein in seinen Reden."

Amen.

Mehr dazu:

eETIQUETTE: 101 Leitlinien für die digitale Welt
Creation Center Telekom Laboratories (Hrsg.)
nicolai Verlag
112 Seiten, 7,95 Euro