Indie-Rock

Editors – die Band mit dem Selbsterhaltungstrieb

Gina Kutkat

Die britische Indie-Band Editors hat ihr sechstes Album "Violence" veröffentlicht – im Juli spielt sie beim Lörracher Stimmen-Festival.

Wenn es ein Stereotyp gibt, der zu den Editors passt, dann ist es der des Brummies. So nennt man die Einwohner der Industriestadt Birmingham, nach London die zweitgrößte Stadt des Vereinigten Königreichs. Ein Brummie arbeitet hart, nimmt sich selbst nicht zu ernst und spricht einen der unbeliebtesten Dialekte der Insel. Richtig erklären lässt sich das nicht, schrieb Steve Thorn 2003 in seiner soziolinguistischen Studie "Birmingham English: A Sociolinguistic Study". Thorn führt weiter aus, dass der Dialekt aufgrund negativer Darstellungen in den Medien so eine große Ablehnung erfährt. Auch die Editors haben Schwierigkeiten, in ihrem Heimatland geliebt zu werden. "Die englische Presse hatte immer eine negative Haltung gegenüber uns, das ist so ein UK-Ding. Man kann nicht einfach sagen: ’Wir mögen die Editors’", sagt Edward Lay, Schlagzeuger der Editors.


Gerade ist "Violence" erschienen, das mittlerweile sechste Album der Band. Damit sind die Editors auch 13 Jahre nach dem großen UK-Indie-Hype noch da. "Und die ersten Kritiken sind gut, wir werden sogar wieder im Radio gespielt", sagt Ed Lay. Ihm scheint es, als habe die englische Musikpresse die zwei letzten Alben übersprungen. "Als hätte es ,In Dream’ und ,The Weight Of Your Love’ nie gegeben." Die Editors finden im Jahr 2003 in Birmingham zusammen, damals studieren alle Bandmitglieder Musiktechnologie an der Uni Stafford. Es ist eine gute Zeit für eine Indierock-Band von der Insel: Es ist die Ära der Arctic Monkeys, von Franz Ferdinand, Maximo Park und Bloc Party. Musikpresse und – viel wichtiger – die Fans lieben die schnelle, raue und melodiöse Musik der Bands, die man bald "Klasse von 2005" nennt.

Schon damals nehmen die Editors eher eine Außenseiterrolle ein: Zu morbide ihre Texte, zu dunkel ihr Indie-Rock, zu unnahbar Sänger Tom Smith. Und im Gegensatz zu den Arbeiterkids der Arctic Monkeys sind die Editors Jungs von der Uni, die über Dinge singen, die sie nie selber erleben mussten: Krankheit, Tod, Verlust. Soweit der Vorwurf. Doch ihr Erfolg spricht für sich: Ihre ersten Singles "Bullets" und "Munich" sind schnell ausverkauft, ihr Debütalbum "The Back Room" begeistert Indie-Fans in ganz Europa, das zweite Album "An End Has A Start" klettert auch in Großbritannien auf Platz Eins der Charts. Im Jahr 2018 haben sich die meisten Mitschüler aus der 2005er Zeit zurückgezogen, allein die Editors sind immer noch da. "Wir haben einen Selbsterhaltungstrieb", sagt Lay. "Wir kümmern uns nicht um die Kritiker. Wir machen das, wofür wir bestimmt sind." Und das ist: Alle paar Jahre ein Indie-Rock-Album rausbringen und dann auf Tour gehen.

"Violence" ist innerhalb eines Jahres entstanden, den großen Teil des Albums hat die Band in einem alten Kuhstall in Oxfordshire aufgenommen. Es ist zugänglicher als die beiden Vorgängeralben der Band, "userfreundlich", sagt Ed Lay. Der Titelsong des Albums klingt fast schon poppig, ohne jedoch den düsteren Editors-Klang zu verlieren. "Cold" ist eine weitere Hymne, die Melodie ist eingängig, die Botschaft des Songtexts bleibt aussichtslos: "It’s a lonely life, a long and lonely life", singt Tom Smith in seiner unverkennbaren Baritonstimme. Hypnotische Loops dann bei "Nothingness", das zu den eher elektronischen Stücken des Albums zählt. Nachdem sie die Songs geschrieben hatten, schickten die Editors ihr Material zu Produzent und Elektromusiker Blanck Mass – ohne ihn jemals getroffen zu haben. Mass bearbeitete die Songs in seinem eigenen Stil, das Ergebnis war den Editors aber zu elektronisch. "Wir brauchten jemanden, der aus diesen Einzelteilen dann wieder etwas Ganzes macht, das sich nicht so nach Remixen anfühlt", sagt Lay. Leo Abrahams, der auch mit Bands wie Florence & The Machine und Frightened Rabbit zusammenarbeitet, kam zu Hilfe. "Für ,Violence’ haben wir die besten Elemente aus all’ unseren Alben genommen und zusammengefügt", sagt Ed Lay. Damit meint er das Elektronische von "In This Light And On This Evening" (2010) oder das Rockige von "The Weight of Your Love" oder das New-Wavige von den früheren Alben. "Hoffentlich haben wir dadurch nicht unser gewisses Extra verloren", sagt Lay.

Mit dem neuen Album machen die Editors jetzt das, was sie am liebsten machen: Den Fans ihre Musik präsentieren. Aus den Clubs und Bars der Anfangszeit sind mittlerweile Hallen und Stadien geworden, bei Festivals spielen die Editors meist als Headliner. "Wir sind schon immer viel außerhalb des UK unterwegs gewesen, viele Leute aus Großbritannien wissen gar nicht, wie beliebt wir in Deutschland oder Belgien sind", sagt Ed Lay. Die englische Musikpresse würde staunen.

Editors: Violence (Pias).

Live:
18. Juni, Maifeld-Derby, Mannheim, Maimarkt-Gelände; Fr, 27. Juli, Stimmen-Festival, Lörrach, Marktplatz, 20 Uhr.