Echtreim: Die Online-Reim-Maschine

Julian Schwizler

Jeder Texter, Rapper oder Songwriter kennt das: Man möchte einen Text schreiben, wartet darauf, dass die Muse einen küsst, aber der passende Reim will einem einfach nicht einfallen. Zwei Freiburger wollen Abhilfe schaffen und haben ein Reimlexikon entwickelt – Online und kostenlos. Anders als bisherige Alternativen spuckt dieses auch mehrsilbige und assonante Reime aus. Was "Echtreim" alles kann und was Holunder von Blumentopf mit dem Projekt zu tun hat:



Es gibt viele deutsche Worte - sehr viele. Über die genaue Größe des Wortschatzes sind sich die Experten uneinig. Die geschätzte Anzahl beläuft sich auf 300.000 bis 500.000 Wörter. „Um die verschiedenen grammatikalischen Beugungsformen in die Rechnung mit einzubeziehen, muss man diese Summe mit dem Faktor sechs multiplizieren“, erklärt Klemens Bobenhausen, 41. Zusammen mit Benjamin Hammerich, 27 Jahre hat er 1,5 Millionen davon in das Online-Reimlexikon Echtreim eingespeist. Den bisherigen Wortschatz haben die beiden aus Open-Source-Dokumenten und Sammlungen von Bekannten oder Freunden zusammengeklaubt, neue Wortlisten werden ständig implementiert. „Man muss eine echte Findesau sein“, beschreibt Bobenhausen den Weg zum Erfolg.


Alles begann mit einer Strukturanalyse für Gedichte. Das auserkorene Ziel der beiden Freiburger war es, das Metrum eines Gedichtes automatisch bestimmen zu können. Dafür programmierten sie eine Software, die einzelne Wörter in ihre Bestandteile – betonte und unbetonte Silben – zerteilte. Da zu einer Gedichtsanalyse auch die Untersuchung des Reimschemas gehört, war dies der nächste Schritt in ihrem Unterfangen. Weil auch das unerwartet gut funktionierte, beschlossen der studierte Germanist und der knapp 15 Jahre jüngere Physikstudent, ein eigenständiges Reimlexikon zu entwickeln. Anders als vergleichbare Angebote ist „Echtreim“ nicht einfach ein rückläufiges Wörterbuch, sondern durch die Silbentrennung fähig, auch mehrsilbige Reime auszuspucken. „Wenn man es richtig beherrscht, ist es eine echte Waffe“, darin sind sich die beiden Macher einig.

Die wenigsten Nutzer möchten den Gebrauch des Helferleins zugeben. Bei einer Umfrage würde sich kaum einer outen, Echtreim für seine Arbeit zu Hilfe zu ziehen. Doch Klemens Bobenhausen kennt die Wahrheit: „Wenn die Seite mal offline ist, bekommen wir zahlreiche Beschwerden, was denn los sei. Einmal hat uns sogar ein Songwriter von Wolfgang Petry angeschrieben.“

Auch Benjamin Hammerich, zuständig für die Programmierung der Seite, weiß ähnliches zu berichten: „Die Zugriffszahlen auf die Seite sind im Kommen. Momentan sind es 60 bis 70 Leute am Tag. Wir helfen auch nicht sonderlich nach, da Echtreim gepflegt nach oben wachsen soll.“ Den Vorwurf, das Reimlexikon würde die Kreativität des Menschen ersetzen, kann Klemens Bobbenhausen parieren: „Echtreim ist ein Handwerksgerät. Das Lexikon soll Unterstützung anbieten und nicht den Leuten die Texte schreiben. Es ist wie bei einem Kreuzworträtsel: Wenn man nicht mehr weiter weiß, schaut man hinten in der Lösung nach.“

Das andere Leute mit ihrem Reimlexikon – wie im Falle des Songwriters - Geld verdienen, stört sie nicht. „Wir sind Verfechter der Idee, dass man den Leuten etwas tolles auch kostenlos zur Verfügung stellt", sagt Benjamin. Werbung sucht man auf Echtreim vergeblich.

In absehbarer Zeit bringen die beiden eine Android-App und eine kostenpflichtige Vollversion auf den Markt. Langfristig hoffen sie auch noch auf Interessenten aus einer etwas anderen Ecke: „Die Technik die hinter dem Reimlexikon steckt, ist hochgradig interessant für Spracherkennungsprogramme“, so Bobenhausen.
Doch wo kommt das Interesse der beiden eigentlich her? Klemens Bobenhausen denkt auch in seiner Freizeit in Reimen – gerne auch geschüttelt oder gerührt. „Pähne zutzen!“ heißt es allabendlich zu den Kindern, in Gesprächen generiert er automatisch Doppelreime im Kopf. „Die Sprachspielerei war schon immer da und begleitet mich täglich“, erzählt der Germanist. „Für eine HipHop-Vergangenheit bin ich wohl etwas zu alt, aber ich habe mich schon immer für die angewendeten Reimtechniken im Rap interessiert.“

Bobenhausen bewundert vor allem Dendemann, den Meister der Reime und Wortspiele im Deutschrap: „Er weiß genau wie ein Reim funktioniert und kann dieses Wissen auch perfekt umsetzen. Der Dendemeier ist eine echte Koryphäe auf diesem Gebiet.“ Der gebürtige Freiburger Benjamin Hammerich macht in München sein Physik-Diplom, in der Jugend schrieb er Gedichte und Raptexte. „Wenn ich verzweifelt einen Reim gesucht habe, bin ich zu Klemens gegangen. Der wusste mir immer einen.“

Da er nur halbtags arbeitet, bleibt ihm viel Zeit für die Arbeit an Echtreim. Über den Physik-Lehrstuhl in München hat Benjamin Bekanntschaft mit einem besonders geeigneten Beta-Tester gemacht: Bernhard Wunderlich, besser bekannt als Holunder – Rapper bei Blumentopf. „Besonders die assonanten Reime sind sein Know-How, die hatten wir zuvor gar nicht in unserem Lexikon. Bernhard hat sich dann Gedanken zur Theorie gemacht und wir haben sein Wissen in Echtreim eingespeist. Jetzt steckt echt ein dickes Stück Holunder in unserem Reimlexikon“, so Klemens Bobenhausen.

Viel investiert und bisher kaum etwas rausbekommen – so lässt sich wohl das Verhältnis der beiden zu ihrem Projekt beschreiben. Langfristig hoffen sie, wenigstens ihr Feierabendbier durch Echtreim finanzieren zu können. Und auch Dendemann gibt ihnen recht, wenn er rappt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten, dann klappt das. Irgendwann kommt er dann, der reißende Absatz.“

 

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  [Foto 1: © Sandor Jackal - Fotolia.com; 2: Screenshot; 3: Julian]