E-Learning: Der Hörsaal im Laptop

Dominik Schmidt

Wer an der bekannten US-amerikanischen Stanford-Universität in Kalifornien studieren möchte, braucht eine sechsstellige Dollarsumme und außergewöhnliche Noten. Eigentlich. Denn das seit einigen Jahren stetig populärer werdende E-Learning öffnet die Türen des akademischen Elfenbeinturms. Statt 200 privilegierten Studierenden in einem Hörsaal, lauschen nun tausende Interessierte daheim an ihren Laptops einem Dozenten. Ganz egal, wo auf der Welt. Ganz egal, wie viel sie vom Fach verstehen. Und: alles kostenlos.

Einer der Pioniere im digitalen Unterrichten ist Larry Diamond, Professor an der Stanford-Universität. Er sitzt an einem Tisch, trägt ein schmuckloses Hemd und redet über die Entwicklung der Demokratie. Er hat die Vorlesung schon Dutzende Male gehalten, es könnte eine gewöhnliche Vorlesung vor mal mehr mal minder interessierten Studenten sein. Aber dieses Mal ist es ganz anders – vor Diamond steht nur eine Kamera, die ihn vor animiertem Hintergrund zeigt.


Diamond lehrt einen von etwa 500 Kursen beim Marktführer Coursera. Coursera ist keine Universität, sondern eine Online-Plattform, die mit Hochschulen in der ganzen Welt kooperiert. Mittlerweile erreicht die Seite über vier Millionen Lernwillige in der ganzen Welt. In den USA beteiligt sich bereits jeder Dritte Student an Onlinekursen. Massive open online courses (MOOC, sprich „Muhk“) nennt sich die Idee, Vorlesungen für Online-Portale zu produzieren. Internetanschluss, Videoaufnahme und Online-Foren überwinden jegliche Entfernung zwischen Dozent und Student. Die Angebote sind kostenlos und technisch gut umgesetzt.

Das Herzstück der Online-Vorlesungen sind videobasierte Vorträge der Dozenten, zusätzlich wird Lesematerial zur Verfügung gestellt. Foren für die Kursteilnehmer sollen die virtuelle Cafeteria ersetzen, und Hausaufgaben, die in Form von Multiple-Choice-Tests auf der Kursseite abgefragt werden, kontrollieren den Stand des Wissens. Der Student muss seinen  Schreibtisch nicht verlassen Mindestens einmal pro Woche verschickt  Kursleiter Larry Diamond eine motivierende E-Mail an die Kursteilnehmer, die an das studierende Gewissen appelliert und dazu aufruft, am Ball zu bleiben. Elf Wochen bringt der Stanford-Professor jedem, der es hören will, etwas über die Entwicklungen der westlichen Demokratie bei.

Im Einführungsvideo wünscht er einen Guten Morgen, Guten Tag und Guten Abend. Diamond weiß nicht, in welcher Zeitzone seine Studenten sitzen, er weiß nicht, wie sie aussehen oder was sie können. Das Programm ist anspruchsvoll, bis zu sechs Videos mit etwa 20 Minuten Länge pro Woche plus optionales Lesematerial stehen an. Teilweise gibt es direkt eine PDF-Datei zum Lesen, teilweise werden Buchkapitel empfohlen – hauptsächlich aus der eigenen Feder des Professors. So, wie in einem  herkömmlichen Master-Studium üblich, nur müssen sich die Studierenden hier nicht von ihrem Schreibtisch entfernen.

Weitere Vorteile: Die Videos lassen sich bei Verständnisproblemen beliebig oft stoppen und wiederholen. Wer will, kann sich um Mitternacht oder an Wochenenden einloggen und lernen. Unabhängig von Raum und Zeit – ist das das Studentenleben der Zukunft?

Die Freizeit vieler Studierenden spielt sich zum großen Teil bereits im Digitalen ab. Verabredungen zur Kneipentour, Krisenbesprechungen kurz vor Klausuren oder einfach der letzte Klatsch und Tratsch vom Campus geschehen via der Sozialen Netzwerke Facebook und Twitter. Es wäre daher nur eine logische Konsequenz, wenn die Bildungsvermittlung ebenfalls digital wird. Doch es ist paradox, dass auch die zwei großen Konkurrenten von Coursera, edX und Udacity, Initiativen der bekannten Harvard-Universität, dem Massachusetts Institute of Technology und Stanford sind.

Die bekanntesten Elfenbeintürme der akademischen Welt erkennen das Potential des Internets – und könnten sich damit selbst ein Bein stellen. Denn E-Learning ist nicht exklusiv, es ermöglicht problemlos weltweit jedem Menschen mit einem Internetanschluss den Zugang zu hochwertiger Bildung. Studienplätze sind vielerorts eine knappe Ware, aber im Internet setzt nur die Serverleistung Grenzen. Wer zahlt dann noch die oft Studiengebühren? Der in Solingen geborene Gründer von Udacity, Sebastian Thrun, bezeichnet seine Plattform entsprechend schon als das Ikea der Bildung: Erschwinglich und am Puls der Zeit.

Es fehlt aber doch etwas. Wenn in der dritten Woche die Hausaufgaben des Demokratiekurses nicht gemacht werden, meckert keiner. Das Internet ist unverbindlich, und ein Professor in Kalifornien erst recht. Nicht gut für Menschen mit  durchschnittlich veranlagter Disziplin. Noch ist ein Großteil der Kurse auf Englisch. Wer tief in die Materie eintauchen will, sollte sprachlich fit oder bereit zum Vokabelbüffeln sein.

Auf Coursera gibt es aktuell nur zwei deutschsprachige Kurse, die von der Universität München angeboten werden. E-Learning also als Ersatz für die traditionelle Universität? So weit ist es noch lange nicht: die erste Studentenbude, Partys im Erstsemester,  Kommilitonen am Tisch nebendran – darauf wird keiner so schnell verzichten müssen. 

E-Learning Angebote

Coursera ist Marktführer und bietet das breiteste Spektrum an Kursen, inklusive eines kleinen deutschsprachigen Angebots: . Udacity, gegründet vom Deutschen Sebastian Thrun, ist auf Themen der Computerwissenschaft spezialisiert. edXist ein Angebot des Massachusetts Institute of Technology und der Harvard-Universität, das bereits 120 Millionen Menschen in aller Welt erreicht.

Mehr dazu: