Dürfen Medien Saddams Todesvideo zeigen?

Markus Hofmann

Ein Handy-Video schockiert die Welt. Es zeigt in voller Länge, wie Saddam Hussein hingerichtet worden ist. Das Video ist inzwischen auf vielen Seiten im Netz zu finden. Wie sollen Journalisten mit solchen Inhalten umgehen? fudder hat sieben deutsche Medienmacher gefragt: Dürfen Online-Medien das vollständige Exekutionsvideo zeigen und verlinken?



In den einschlägig bekannten Video-Communitys ist das Video millionenfach angeklickt worden. Spiegel Online dokumentiert heute das letzte Wortgefecht zwischen dem irakischen Tyrannen und seinen Henkern. Auf die Bewegtbilder verzichtet der Spiegel allerdings - ebenso auf einen Link. Wie andere deutsche Medienmacher mit Saddams Todesvideo umgehen, erfahrt ihr auf fudder.


Telepolis

In solchen Fällen gibt es keine verallgemeinerbare Maxime. Jeder Redakteur muss selbst entscheiden, ob er dies verantworten will. Es hat sich allerdings die Rolle der Medien verändert, sie sind im Zeitalter des Internet keine Gatekeeper der Öffentlichkeit mehr. Da das Video auf vielen Seiten im Internet zirkulierte und leicht zu finden ist, dürfte ein Medium, das darauf nicht aufmerksam machen will, konsequenterweise gar nicht darüber berichten. Tut es dies aber, so kann dem mündigen Leser dann auch freigestellt werden, ob er sehen will oder muss, wovon die Rede ist. Alles andere wäre Scheinheiligkeit. In diesem Fall spiegelt das Video die grausame Realität im Irak – vor dem Sturz Husseins und danach. Davor kann und sollte man eigentlich nicht die Augen verschließen, schließlich haben Medien, Politiker und Weltöffentlichkeit eine Mitverantwortung für den Krieg und dessen Folgen. Hussein war zudem ja auch kein "Unschuldiger" – und wenn die Todesstrafe für den Diktator angeblich rechtens ist, dann sollte der Vollzug des Gesetzes auch nicht klammheimlich ausgeführt werden.

Florian Rötzer (geb. 1953), ist Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis, das das Handy-Video als eines der wenigen deutschen Medien verlinkt hat.

Bild.T-Online

Das offizielle Video haben wir in unseren Internetauftritt journalistisch eingebunden. Dabei handelt es sich um einen Beitrag der Nachrichtenagentur Reuters, der die von der irakischen Regierung autorisierten Bilder zeigt. Das Handyvideo, auf dem die Hinrichtung vollständig zu sehen ist, wird auf Bild.-T.Online definitiv weder gezeigt noch verlinkt. Dies ist – allein aus Gründen des Jugendschutzes – nicht möglich.

Dirk Meyer-Bosse
(35) Pressesprecher Bild.T-Online.

Stefan Niggemeier (Bildblog)

Ich kann Medien gut verstehen, die sich entscheiden, keinen Link auf das Video zu setzen - schon um sich von den Aufnahmen und ihrer Ausschlachtung zu distanzieren. Andererseits ist das Video frei verfügbar im Netz, und jeder, der es sehen will, kann es schnell finden. Ich finde deshalb auch die Argumentation nachvollziehbar, dass man es mit einem Link die Entscheidung den Lesern selbst überlässt, ob sie das Video sehen wollen oder nicht. Damit haben sie es immer noch besser als zum Beispiel die Leser der "Bild"-Zeitung, die die Aufnahmen zwar "BARBARISCH" nennt, aber viele davon fröhlich abdruckt. Und sie damit auch Kindern und anderen zugänglich macht, die sie nicht hätten sehen wollen oder sollen. Das ist, im Gegensatz zu Online-Medien, die keinen Link setzen oder die Aufnahmen erst hinter einem Link zugänglich machen, wirklich bigott.

Stefan Niggemeier (37) ist einer der renommiertesten deutschen Medienjournalisten (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). Er ist Autor und Gründer von Bildblog.de.

Badische Zeitung

Saddam Hussein war ein Massenmörder. Trotzdem hat er das Recht auf einen Tod in Würde. Für mich als Zeitungsmacher heißt dies: Ja zur Illustration der Hinrichtung durch ein Foto oder auch durch eine kurze Video-Sequenz, weil dies ein wichtiges Ereignis der Zeitgeschichte dokumentiert. Nein zur Verbreitung des vollständigen Videos, weil darin der Informationsgehalt gegen Null tendiert und nur noch das Bedürfnis nach blankem Voyeurismus bedient.

Thomas Fricker (46) ist stellvertretender Chefredakteur der Badischen Zeitung und Ressortleiter Politik

sueddeutsche.de

sueddeutsche.de wird das vollständige Video der Exekution Saddam Husseins weder veröffentlichen noch per Link darauf verweisen. Wir wollen unangebrachten Voyeurismus nicht fördern und "begnügen" uns mit den ausreichend drastischen Fotos der Agenturen.

Thomas Becker (41) ist stellvertretender Chefredakteur von sueddeutsche.de.

Yigg.de

Wenn ich Redakteur wäre, würde ich das Video nicht verlinken. Auf Yigg entscheiden allerdings die User selbst, ob sie etwas sehen wollen. Sie haben dabei immer die Möglichkeit, einen Beitrag zu müllen - dann fliegt er raus. Das Saddam-Video ist von einem User auf yigg verlinkt worden. Mehr als 7200 User haben es positiv bewertet, nur sieben User haben es gemüllt. Insgesamt ist der Video-Link 56.000 Mal angeklickt worden.

Enrico Kern (23) ist Gründer von Yigg (München). Das ist eine Social-News-Seite, bei der die User selbst bestimmen, welche Nachrichten auf der Startseite erscheinen - und welche nicht.

Peter Turi (Blogger)

Ich bin ein überzeugter Gegner der Todesstrafe. Mord mit Mord zu beantworten, halte ich für barbarisch. Ich möchte deshalb keine Hinrichtungen sehen und auch keine Videos von Hinrichtungen. Ich werde deshalb auf dergleichen nicht verlinken.

Peter Turi (45) war Chefredakteur und Co-Verleger des Mediendiensts kress. Heute betreibt er das Medienblog turi2.