Du kommst hier nicht rein!

Christoph Müller-Stoffels

Platzverweis! Nicht überall scheint unser Autor Christoph ein gern gesehener Gast zu sein in der virtuellen Welt. Erst wird er von einem Anwesen geworfen, dann kommt er gar nicht erst rein. Zwischen Joint und Cocktail berichtet er außerdem von virtuellen Parties, seinem ersten Kontakt mit dem Christentum in der neuen Welt und der Frage, wie Intelligenz und Tod zusammenhängen.



Autsch! Mitten im schönsten Erkundungsflug knalle ich gegen eine unsichtbare Wand. Das ist mir schon einmal passiert, allerdings war ich damals einfach an die Grenze der Insel gestoßen. Einfach auf das offene Meer hinausfliegen darf man bei Second Life nicht. Diesmal ist es anders. Rote Schriftbänder verkünden "NO ENTRY", ein Popup-Fenster informiert mich, dass Mistress Lucia mich nicht auf ihrem Grund und Boden haben will. Ich stehe nicht auf der Gästeliste.


Wieder mache ich schlechte Erfahrungen mit eigenwilligen Grundbesitzern. Beim ersten Mal war ich gerade dabei, mir eine bezaubernde Insel näher anzuschauen, da fand ich mich auf dem Meeresboden wieder. Irritiert entstieg ich den Fluten und steuerte die Insel, die ich immer noch am Horizont erkennen konnte, erneut an. Ich vermutete einen SL-Fehler hinter der ungewollten Reise, denn das die Technik noch nicht ausgereift ist, habe ich inzwischen gemerkt. Allein innerhalb der letzten Woche musste ich mehrere Megabites an Updates installieren, um mein zweites Leben fortsetzen zu können. Die Vermutungen, dass Linden Lab Schwierigkeiten hat, die Nachfrage an neuen Sims zu stillen, erscheinen da nur naheliegend.

Wieder auf der Insel schaue ich mir eines der Häuser darauf, eine kleine Villa, genauer an. Auf dem Boden davor liegt, würfelförmig zusammen geklappt, ein aufreizendes Frauen-Kostüm. Ich lasse es liegen, habe ich doch vorerst beschlossen, ein Mann zu bleiben. Auf der Terasse sehe ich jemanden geschäftig hin und her laufen. Meinen Gruß erwidert er nicht. Stattdessen finde ich mich wieder auf dem Meeresboden wieder. Mir dämmert, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte. Grundbesitzern ist es nämlich möglich, Platzverweise zu erteilen und diese auch gleich umzusetzen.

Ich muss zugeben, mein Äußeres ist nicht unbedingt vertrauenserweckend. Genau genommen erinnere ich an eine Mischung aus Kurgan aus dem ersten Highlander-Film und dem letzten Mohikaner. Aber tief drinnen bin ich ein guter Avatar! Außerdem habe ich inzwischen einen Job. Nichts aufregendes, nur Promotion für EnBW, aber immerhin. Ich trage einen Rucksack, auf den andere Bewohner klicken können. Sie erhalten ein T-Shirt, ich zehn Linden-Dollar. So jedenfalls die Theorie, denn Geld habe ich, obwohl schon mehrfach angeklickt, noch keines gesehen.

Aber nach dem abermaligen Platzverweis habe ich sowieso keine Lust mehr zu arbeiten. Lieber feiern. Paaarty! Ein Blick auf die Event-Liste zeigt mir, dass irgendwo gerade eine Reggae-Party am Start ist. Nach dem Weg fragen? Das war gestern. Ich teleportiere mich hin, während ich belustigt darüber nachdenke, wie lange das Verb 'teleportieren' für die Aufnahme in den Duden brauchen wird.

Die Party rockt, ich baue mir einen Joint und bewege mich mehr oder weniger elegant über die Tanzfläche. Allerdings habe ich da keinen Einfluss drauf, denn das geht hier auf Knopfdruck. Worum sich die Gespräche drehen, kann ich nur erahnen - hier wird Italienisch gesprochen. Nach ein paar Minuten lasse ich meinen Blick wieder über die Event-Liste schweifen. Eine Techno-Party wäre noch im Angebot. Kurz entschlossen klicke ich mich dahin, nur um schnell festzustellen, dass Reggae doch die weit bessere Musik ist. Allerdings komme ich von hier an den Strand, wo gerade die Sonne aufgeht.

Nach einem Cocktail mit dem klangvollen Namen "Cheeky Monkey" (etwa: der Frechdachs) und ausgiebigen Schlürfgeräuschen, starte ich den Erkundungsflug mit bereits erwähntem Ende. 'Pah', denke ich mir, während ich mir die Pixelnase reibe, 'nicht auf der Gästeliste. Ich kann mich auch anderweitig vergnügen!'

Ein weißes Zelt kitzelt meine Neugier wach. Allerdings ist es kein Bierzelt, wie es von weitem den Anschein gemacht hatte, sondern die "Inner Faith Revival Meeting Area". An allen Ecken sind Bibelzitate zu lesen, und vor der Bühne liegt das Buch der Bücher selbst. "Klick hier um dir den Spruch des Tages zu holen." Psalm 90. "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Hm, ja, schon. Nur ist der Avatar unsterblich... Calvin & Hobbes hatten Recht als sie meinten, der Beweis für intelligentes Leben im All läge darin, dass noch niemand versucht hat, uns auf der Erde zu kontaktieren. Ich überlasse meinen Avatar sich selbst.