Du bist nicht zu dick, du bist wunderbar

Eva Hartmann

Eva bleibt dran. Mit der richtigen Mucke, einem ungekauften Gürtel und den Komplimenten ihrer Freunde. Der Gang zur Waage fällt ihr immer noch schwerer als die Marter im Fitnesscenter. Wie es ist, für ein paar kurze Momente plötzlich zufrieden mit sich zu sein.

Es gibt Momente, die hätte man im Nachhinein ohne die passende Begleit- und Rettungsmusik kaum überlebt. Den ersten Liebeskummer zum Beispiel, oder auch den zweiten, siebten und fünfzehnten. Einzigartige Glücksmomente, Höhenflüge. Konflikte, Veränderungen, Verluste, Enttäuschungen. Wo wir gerade bei diesem Thema sind: Ich neige mit voller Überzeugung nicht nur zu absolut kompromissloser Melancholie, sondern hin und wieder auch zu maßloser Übertreibung.

Obwohl es doch nur ein paar lächerliche Ziffern waren, die die Waage letzte Woche zuwenig anzeigte und obwohl ich gleichzeitig wusste, wie kontraproduktiv und übertrieben es ist, sich derart um solche Ziffern zu scheren, habe ich mir von diesem Rückschlag die ganze restliche Woche vermiesen lassen.In weiser Vorausahnung, zur Zelebrierung meiner schlechten Laune und gleichzeitig zur Vermeidung von Schlimmerem habe ich gleich das komplette Programm aufgefahren, um wenigstens musikalisch über die Runden zu kommen: Die neue Tracklist in meinem mp3-Player beginnt mit „Fat bottomed girls“; im Gerätezirkel tröstet mich Farin Urlaub („...aber du bist nicht zu dick – du bist wunderbar!“) und auf dem Crosstrainer feuert mich MIA an („Komm schon, Komm schon, komm schon!!“). Ein paar richtig geile Mashups (http://goodblimey.com/tunes/ tun ihr Übriges, dass ich mich vier Tage in Folge in Extase strample. Sonntags steige ich auf die Waage und wiege plötzlich 99, 8 Kilogramm. Unter 100. Richtig freuen kann ich mich aber nicht, denn wer weiß, was die geeichte Waage im Fitnessstudio anzeigen würde. Ich beschließe, vorerst frustriert zu bleiben.Das gelingt mir ungefähr so lange, bis ich mich nachmittags mit einer fudder-Kollegin treffe, die mit einem Blick auf meine schlabbernde und rutschende Jeans sachkundig feststellt: „Das geht so nicht. Eva, du brauchst einen Gürtel.“

Die Tatsache, dass da jemand meinen Namen und das Wort „Gürtel“ im selben Satz und noch dazu in eindeutigem Zusammenhang erwähnt, bessert meine Laune wenigstens ein kleinwenig. Keine 24 Stunden später finde ich mich in einem Laden für dicke Mädchen ein und probiere ein Exemplar aus dunkelbraunem Leder, mit messingfarbenen Nieten und einer Länge von 135 (!) cm. Ich drehe und wende mich vor dem Spiegel, und während die verkaufstüchtige Verkäuferin das Ding an mir „haja, isch doch subber!“ findet, entscheide ich mich eindeutig dagegen.In der noch immer reichlich fülligen Taille derart zusammengeschnürt, sehe ich wie ein Wurstbonbon aus. Da es mit der rutschenden Jeans so aber auch nicht weitergehen kann, kaufe ich kurzerhand eine neue in Größe 48, das ist eine Konfektionsgröße kleiner. Das nehme ich hin, aber irgendwas fehlt. Es findet sich auch nicht so recht, als ich die Jeans während der folgenden Tage trage und erste Komplimente zu hören bekomme: Zwei Freundinnen und einem Freund fällt auf, dass sich wohl was getan hat. Sie sagen, mein Gesicht sei schmaler geworden, mein Bauch weniger und meine Arme schlanker. Immerhin. Aber so sehr ich auch versuche, davon endlich richtig gute Laune zu bekommen, es klappt einfach nicht.Die Enttäuschung und der generelle Frust über diesen Körper, die Wut, der unbefriedigte Ehrgeiz, dieses ganze Konglomerat aus schlechten Gefühlen und der mangelnden Bereitschaft, meine Erwartungen nach unten zu korrigieren, hängt weiterhin wie eine äußerst anhängliche, schwarze Gewitterwolke über mir. Warum empfinde ich so übertrieben, nur wegen eines popeligen Kilos zuviel?Vermutlich deshalb, weil mir anhand dieses Kilos bewusst wird, was all das hier für eine Anstrengung ist. Ich habe mich dafür entschieden und werde es durchziehen, keine Frage. Macht ja auch Spaß. Aber trotz allem ist es unglaublich anstrengend. Damit meine ich gar nicht mal den Sport, sondern diesen dauernden Kampf um jedes einzelne Kilo, jedes Pfund, jede 100 Gramm.Ins Studio zu gehen, zu schwitzen, an meine körperlichen Grenzen zu gehen, abends mit brennenden Gliedern einzuschlafen und morgens mit Muskelkater aufzuwachen ist paradoxerweise eine Wohltat im Gegensatz zu der Anstrengung, die nur in einem winzigen Schritt vom Badezimmerboden auf die Waage besteht und darin, die Augen zu öffnen und auf die rote Digitalanzeige zu schauen.

Ich bitte meinen Trainer um ein Gespräch. Wir umreißen die momentane Situation und besprechen, wie es weitergehen soll. Ich suche das Extrem, ich will was spüren, was durch all diese Fettschichten hindurch dringt, bis zu mir. Wir verabreden, dass ich mich Anfang Dezember ein weiteres Mal auf die Körperfettwaage stelle und mir anschließend anhand der dann vorliegenden drei Analysen erklären lassen werde, was sich bislang getan hat. Darauf aufbauend wird sich mein Trainingsplan erheblich ändern.Ab sofort beträgt mein optimaler Ausdauertrainingspuls nicht mehr 150, sondern 170, „damit du mal so richtig ans Powern kommst“, sagt Olaf. Er verspricht mir, mich in Zukunft an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu führen, mich anzuspornen und sein Bestes zu tun, um mir zu dem Erfolg zu verhelfen, den ich mir wünsche. Im Gegenzug muss ich versprechen, mich auch dann an seine Anweisungen zu halten, wenn er mich zur Mäßigung anhält. Wie gesagt, ich neige zu Übertreibung. Ich darf nicht öfter als dreimal pro Woche auf die Waage zu steigen. „Montags, mittwochs und freitags, und sonntags gar nicht!“ Geht klar, Olaf. Nach diesem Gespräch geht es mir besser. Der Knoten ist geplatzt und ich gewinne mit jeder Minute an Zuversicht. Im anschließenden Wirbelsäulen & Relax-Kurs gelingen mir prompt zwei Übungen, bei denen ich noch in der letzten Woche komplett versagt habe. Bei ein paar anderen Übungen halte ich immerhin schon etwas länger durch. Die Vorfreude auf das Maximum gibt mir Kraft.Während des Heimwegs ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich einfach so vor mich hin lächle. Und dann gibt mir die Musik in meinem Ohr vor der Kulisse einer regennassen Brücke unter Wolkenfetzen im Mondlicht Recht. Mit der vorläufig weltbesten Textzeile „das Gute an schlechten Zeiten: Pferde satteln, weiterreiten“ . Für ein paar kurze Momente bin ich ganz plötzlich perfekt zufrieden.