DSDS-Casting in Freiburg: Hoffnung, Girls und Ronan Keating

Lorenz Bockisch

Gestatten, Sandra und Sonja vom Bodensee. Zwei von etwa hundert jungen Menschen, die in diesem Augenblick auf dem Kartoffelmarkt herumstehen, um im Superstar-Casting-Truck vorzusingen. Eine Reportage zwischen zu Recht verkannten Talenten und anderen Menschen, die um einen Auftritt in Bohlens siebter Talentsuchschau zittern. [mit Video]



Die abziehenden Nebelfetzen des Herbstmorgens mischen sich mit den Rauchschwaden der Zigaretten gegen die Nervosität. Es ist kurz vor Zwölf. Stark geschminkte Mädchen und Jungs mit extra viel Gel in den Haaren tummeln sich samt Eltern nervös auf dem kleinen Platz. RTL-Menschen haben zwei Zelte und einen Casting-LKW aufgestellt und mit Absperrbändern umzäunt. Früher standen hier die inzwischen verdrängten Verkäufer von esoterischen Talismännern und Batiktüchern und wir glauben, dass die erst recht den Kopf geschüttelt hätten angesichts dessen, was hier heute stattfindet.


Viele der ganz jungen sind zum ersten Mal bei einem Casting, manche haben aber auch schon mehr Erfahrung.



So etwa Patrick Eble. Der 21-jährige Freiburger ist schon zum vierten Mal bei einem DSDS-Vorsingen. "Ich singe ,The way back into love' aus dem Film "Mitten ins Herz" mit Hugh Grant und Drew Barrymore", sagt er und hält den Gitarrenhals fest in einer Hand. Er hat drei Mädels mitgebracht, die ihn moralisch unterstützen sollen.

Während sich langsam eine Schlange von Sangeswilligen vor dem weißen, sechs Quadratmeter großen Anmeldezelt bildet, sitzt schon das erste Grüppchen an der Mauer des großen Buchhandels und singt Ronan Keatings "When you say nothing at all".



Die 18-jährige Lydia Doßmann spielt dazu Gitarre und zehn Kandidaten stimmen ein. Dieser Song soll an diesem Tag noch öfter erklingen. Es hört sich so an, wie es sich eben anhört, wenn DSDS-Kandidaten Popschmonzetten nachträllern. Mit angeschliffenen Tönen und wackliger Soulhand, die die Tonhöhe anzeigen soll.

Als die schlanke Sängerin später mit ihrer Familie ebenfalls in der Schlange steht, sagt ihr Vater, ein hochgewachsener Mann mit weißem Haar und Brille, über die Chancen seiner Tochter: "Sie ist gut und sie wird es schaffen. Aber wir waren auch schon beim letzten Mal in Stuttgart auf dem Casting. Da waren 30 bis 40 wirklich Gute, die es trotzdem nicht ins Fernsehen geschafft haben."



Nach einem genüsslichen Schleck von seinem Eis ergänzt er: "Ob DSDS oder Popstars, das ist doch eh ein und dasselbe." Was ihn nicht weiter zu stören scheint, solange Lydia im Rampenlicht steht.

Die uralte Ente der Stadtgärtnerei Freiburg fährt vor, Gärtner setzen die Kübel der großen Palmen unter Wasser. Im Inneren der abgesperrten Zone sind gegen halb eins schon die ersten Kandidaten im zweiten Zelt und singen sich warm. Zu sechst vibrieren sie bei "When you say nothing at aaaaahhaall" um die Wette. Es ist grausam, wie im Fernsehen eben.

Die Kandidaten haben vierstellige Nummern auf Bauch oder Brust kleben, nesteln nervös an ihrer Kleidung herum und warten, bis der erste potenzielle Superstar wieder aus dem Truck kommt. Das ist Roy Krause, 17. Er deutet mit den Daumen nach oben, als er, noch sichtlich mitgenommen, vom Vorsingen kommt. Nach der Beratung der Jury wird er wieder hereingebeten. Draußen scharen sich inzwischen immer mehr Schaulustige um das Casting-Gelände. Es ist ein bisschen wie Affen-Gaffen im Zoo.



Als Roy Krause zum zweiten Mal aus dem LKW kommt, muss er, im Beisein seiner Mutter, an einem Stehtisch gleich ein paar Verträge unterzeichnen. Ein gutes Zeichen, er ist wohl weiter. Noch ziemlich aufgelöst erzählt er vom Casting: "Es gab keine Kamera und die drei von der Jury kannte ich nicht. Ich hab "Behind blue Eyes" von Limp Bizkit, "Stark" von Ich&Ich und (Überraschung! Müde Anm. d. Red.) "When you say nothing at all" gesungen. Sie haben gesagt, ich atme zu hektisch. Aber ich soll wiederkommen. In den gleichen Klamotten."

Vielleicht sollte dem guten Jungen mal jemand sagen, dass es bloß Cover-Coverversionen sind, die er da vorträgt. The Who und Keith Whitley lassen grüßen.



Das richtige Casting nach diesem Vor-Casting findet am 12. Oktober in Köln statt, dann auch mit der bekannten Jury um Dieter Bohlen, frohlockt Roy. "Aber jetzt erstmal die Freude genießen." 

Nach und nach gehen weitere Kandidaten in den blauen LKW und kommen schnell wieder heraus. Ihre Gesangskarriere scheint vorerst gestoppt. Auch Patrick durfte seine Lieder vorsingen, eines mit und zwei ohne Gitarre. Zwar berät sich die Jury diesmal, doch sein mulmiges Gefühl wird schnell zur Gewissheit: "Das war nix. Aber ich versuch's wieder, beim nächsten Mal."

Die Schlange am Kartoffelmarkt ist noch lang.



Sowohl Lydia mit ihrer Gitarre als auch Sandra und Sonja (Foto), die extra spontan vom Bodensee nach Freiburg gereist sind, warten noch auf ihre Chance. Bis 19 Uhr wird weiter gecastelt. Und vielleicht wird man bald ihre Namen in einem Atemzug nennen mit den großen Alexander Klaws, Elli Erl, Tobias Regner, Daniel Schuhmacher und Thomas Godoj.

[Fotos: Helena Häussler, Lorenz Bockisch, Ingo Schneider]

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