Drüberleben: Kathrin Weßlings Depressions-Roman kommt als Stück ans Theater Freiburg

Hengameh Yaghoobifarah

Kathrin Weßling hat im vergangenen Jahr nach dem Erfolg ihres Blogs "Drüberleben" ihren gleichnamigen Debütroman veröffentlicht. Ihre Fiktion über den Klinikaufenthalt der an Depressionen leidenden Erzählerin Ida hat Regisseur Daniel Wahl so überzeugt, dass er den Inhalt für das Theater Freiburg bearbeitet hat. Vor der Uraufführung am 25. Oktober hat Hengameh Yaghoobifarah mit der Autorin über den Alltagskampf von Depressionserkrankten gesprochen:



War Ida für dich wie eine Freundin oder war sie dir mit ihren Schwächen zu ähnlich, um sie mögen zu können?

Kathrin Weßling: Ida hatte nicht exakt dieselben Schwächen wie ich und sollte kein Alter-Ego darstellen, sondern war fiktiv. Deshalb herrschte auch eine Distanz zwischen uns. Wäre sie mir selbst so ähnlich gewesen, hätte ich nicht so lange daran schreiben können. Der Gedanke hinter dem Roman war ja ein Prosatext mit Protagonistin und kein Tagebuch. Also ist die Distanz nicht anders als bei anderen Autoren und ihren Figuren.

Die Psychiatrieszenen waren bedrückend, aber durch ihre Absurdität auch so witzig. Hast du diese Komik auch in dem Moment gemerkt?

Die Szenen aus der Psychiatrie sind ganz organisch entstanden. Dieses Zusammentreffen so vieler unterschiedlicher psychisch Kranker führte zu so vielen absurden Situationen, dass es wichtig war, selbstironisch zu sein und einen Galgenhumor zu haben.

Der Stil ist sehr poetisch, der Inhalt aber auch schmerzend ehrlich. War das Schreiben für dich ermächtigend oder hat es dich weiter heruntergezogen?

Je nach Passage. Teilweise war es nötig, gerade dann zu schreiben, wenn es mir richtig schlecht ging. Ich konnte die Gefühle aber auch am Schreibtisch lassen und trug sie nicht außerhalb des Worddokuments mit mir herum. Szenen wie Idas Rückkehr nach Hause oder wichtige Gespräche zwischen ihr und ihrer Therapeutin waren besonders intensiv.

Ich konnte auch nicht durchgängig schreiben, sondern phasenweise. Wochenweise saß ich für neun Stunden am Schreibtisch und schrieb, dann kamen Wochen, in denen ich das Projekt zur Seite legte.

Wie viel Zeit stand zwischen Psychiatriebesuch und erster Zeile?

Gar keine. Ich schrieb während meines Psychiatrieaufenthalts, was das Ganze noch ein bisschen energieaufwändiger machte.

Wie lange hast du am Roman geschrieben?

Ungefähr anderthalb Jahre lang.

Das Buch wurde ziemlich genau vor einem Jahr veröffentlicht. Würdest du es heute genauso wieder veröffentlichen?

Das kann ich noch nicht sagen, weil das Buch sehr lange präsent war, speziell auch durch die Rückmeldungen in den Medien. Ich weiß deshalb nicht, ob ich etwas daran verändern würde, die Distanz ist noch nicht wirklich da.

Würdest du noch mal über Depressionen schreiben?

Nein. (lacht) Ich hab mich durch das Blog, den Roman und die Interviews für so lange mit dem Thema einer Krankheit beschäftigt, dass ich gerne damit abschließen will. Ich habe auch das Gefühl, alles dazu gesagt zu haben. Teilweise fühlt es sich so an, als wäre ich zu der Stimme aller Depressiven geworden, was ich nicht wollte.

Ich wollte nur darüber schreiben, wie es ist, ein junger Mensch zu sein, der eigentlich mitten im Leben stehen sollte und es wegen der Krankheit einfach nicht kann. Diese große Gruppe blieb so lange unsichtbar. Ich habe bestimmt hunderte Mails von Lesern bekommen, die sich in dem Roman wiederfinden konnten, aber er deckt natürlich trotz allem nicht das Krankheitsbild aller Depressiven ab.

Aber es ist wichtig zu sagen, dass es eben nur meine Erfahrungen sind und keine Universalantwort auf das Thema Depressionen. Das sieht bei jedem anders aus und es machen nicht alle Betroffenen 1:1 dieselben Dinge durch.

Dein Buch war einfach anders als solche, die ich sonst bei Amazon unter dem Schlagwort „Depressionen“ gefunden habe. Diese ganzen Ratgeber sind total schrecklich.

(lacht) Ja, voll. Das war auch ein Grund für mich, einen persönlichen Zugang zu schaffen und die Alltagsrealität reinzubringen. Aber „Drüberleben“ ist eben auch ein Roman und kein Ratgeber oder Selbsthilfebuch.

Wie sah die Reaktion deines Umfelds aus?

Dadurch, dass es vorher schon das Blog gab, war niemand überrascht. Meine Krankheit war kein Geheimnis. Im Freundeskreis gab es viel positives Feedback, selbst in den Medien gab es keinen Gegenwind. Mein Umfeld freute sich mit mir, dass der Roman endlich veröffentlicht wurde.

 

Kleinstadttristesse und Großstadtchaos: Zwischen den beiden Polen bewegt sich das Setting außerhalb der Psychiatrie. Was ist während schweren Depressionen das, was letztlich besser für dich ist?

Wenn ich eine depressive Phase habe, spielt es keine Rolle, wo ich bin. Ob ich auf der Hauptstraße in der Großstadt stehe oder auf dem Land, ist egal, weil ich in meinem Netz gefangen bin und das Drumherum nichts ändern kann.

Gibt es Kleinigkeiten, die dir helfen, wenn nichts mehr geht?

Das kommt auf den Grad an. Bei leichten Depressionen kann es gut tun, viel Kontakt mit Menschen zu haben und rauszugehen, viel Licht tut gut. Aber bei mittleren oder schweren Depressionen hilft nichts, das beschreibe ich ja auch im Buch. Tipps wie "Mach mal Yoga", "Fahr mal in den Urlaub", "Hab mal wieder Sex" zeigen nur das Unverständnis, weil es nicht hilft.

Wenn die Lösung Joggen gehen wäre, wären Depressionen nicht so ein Gefängnis. Wenn sowas hilft, würde ich auch nicht von Depressionen, sondern eher von Verstimmungen sprechen.

Ich mochte es gern, dass Idas Affäre Johannes nicht die Rolle des Retters spielt. Das nervt mich an Romanen oft.

Ja, diese "Liebe rettet"-Devise! Die Figur Johannes wurde viel diskutiert. Manche finden es unwahrscheinlich, dass Ida in ihrem Zustand eine Affäre führt, aber für mich war es total realistisch und gehört zu dieser Selbstzerstörung dazu. Viel Alkohol trinken, mit Fremden schlafen.

Es geht im Buch viel ums Scheitern. Gedanken wie "Vielleicht hilft Johannes, vielleicht hilft die Psychiatrie, vielleicht hilft ein Gespräch mit den Eltern" sind zum Scheitern verurteilt. Deshalb sind am Anfang auch die Zitate von Dostojewski und Lyida Daher, "Wir können uns nicht helfen, wir können uns nur retten." Darum geht es im Roman, ums selbst retten.

Und letztlich geht alles auch irgendwann vorbei.

Ja, das ist ein wichtiger Gedanke. Meine Ärztin meinte, dass eine depressive Phase nie mehr als ein paar Monate geht. Aber diese drei Monate sind nicht auszuhalten, es wird immer schlimmer und manchmal können nur Medikamente helfen. Man weiß davor immer, dass es temporär ist, aber wenn man sich in der Depression befindet, fühlt es sich wie das Furchtbarste der Welt an.

Warst du eigentlich auch an der Theaterproduktion beteiligt?

Nein, nicht so wirklich. Ich hatte mit dem Regisseur Daniel Wahl viel Kontakt und werde auf dem Laufenden gehalten, aber ich möchte mich nicht zu sehr einmischen, weil die Interpretation des Romans immer anders ist. Jeder Rezipient sieht darin etwas anderes und ich will nicht dazwischenfunken. Ich bin aber schon total aufgeregt und freue mich auf die Premiere.

Katrin Weßling - "Drüberleben. Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein" - Goldmann

Quelle: YouTube


 

Kathrin Weßling
Drüberleben
Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein
Goldmann
320 Seiten
978-3-442-31284-9
16,99 Euro

Mehr dazu:

Was: Drüberleben
Wann: Freitag, 25. Oktober 2013, Sonntag, 27. Oktober 2013, Samstag, 2. November 2013, Sonntag, 3. November 2013, Donnerstag, 7. November 2013, jeweils 19:30 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Werkraum
Tickets: 12 Euro, 8 Euro (ermäßigt)
Aufgepasst: Im Anschluß an die Vorstellung am 27. Oktober findet ein Autorinnengespräch mit Kathrin Weßling statt.