Drüberleben am Theater Freiburg: Die Depression in unserer Mitte

Carolin Buchheim

Ende Oktober hatte "Drüberleben" am Theater Freiburg Premiere. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kathrin Weßling, in dem es um Depressionen geht. Ab Dienstag wird das Stück wieder gespielt. Warum sich der Weg in die Vorstellung lohnt:



Die Deko im Werkraum des Theaters legt eine falsche Fährte. Ein Bett steht da, mitten im Raum, auf blauen Teppich, von Schnaps- und Weinflaschen umgeben; ein Freiburger Duplikat von Tracy Emins "My Bed". Doch das Bett ist keine Bühnendeko, der Werkraum, nicht die Bühne.


Bevor "Drüberleben" beginnt, werden die Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Empore des Werkraums gebeten. Dort sind Bänke, Sitzrichtung Fenster, mit Blick auf die untere Bertoldstraße. Denn genau dort - am Wartehäuschen der Haltestelle Stadttheater, auf den Gleisen der Straßenbahn und in Praxen, Büros und Balkons anliegender Häuser wird das Stück gespielt.

Charlotte Müller, Nicole Reitzenstein
und der Musiker Malte Preuß spielen das Stück gemeinsam, mit einer offenen Rollenstruktur und mitten zwischen den Menschen, die gerade zufällig die Bertoldstraße entlang laufen, mit dem Fahrrad über die Gleise fahren oder auf die Tram warten.



Mit Dringlichkeit hetzen sie durch den getriebenen, verzweifelten Text von Kathrin Weßling, die Geschichte der widerspenstigen, depressiven Ida, ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie und all ihre Emotionen. Ihr Vortrag wird - gemeinsam mit Hintergrundgeräuschen der Straße, per Funk in den Werkraum gebracht. Es ist mitreißend, berührend, alles, mit welchem Einsatz, mit welcher Energie aber auch mit welcher Lakonie und mit wie wenigen Mitteln wie sie das Thema Depression dahin bringen, wo es ohnehin ist: mitten unter uns.

Der Blick auf die Straße macht die Stadt zur Bühne. Viel genauer schaut man vom Platz am Fenster des Werkraums herunter auf die Schauspielerinnen und die Mitbürger. Spielt das Mädchen mit dem gesenkten Kopf und dem Kapuzenpulli villeicht auch im Stück mit? Oder der Typ mit dem schwarzen langen Mantel und den Haaren vor dem Gesicht?

Die Passantinnen und Passanten werden in ihrer (Nicht-)Reaktion Teil der Inszenzierung. Als Nicole Reitzenstein auf eine der grünen Mülltonnen springt, und einen verzweifelten Monolog vorträgt, schaut niemand hin. Ein andermal zückt eine Gruppe Jugendlicher die Smartphones, um die Schauspielerin im Tierkostüm zu filmen. Später, in der Schlußszene, bleibt eine Gruppe Rentner stehen, fasziniert vom Geschehen, die Schauspielerin jedoch nicht bemerkend.

Drüberleben ist ein starkes, einzigartiges Buch, dessen Text in der fragmentierten, öffentlichen Inszenierung von Daniel Wahl seine Strahlkraft entfalten kann. Ein Stück, nicht nur für das Nicht-Allein-Gefühl für Betroffene, sondern erst recht für die "Du musst Dich einfach mehr anstrengen, damit Du Dich besser fühlst"-Fraktion. Ein Stück, in das man Leute mitnehmen sollte, denen man die eigene Depression nie erklären konnte. Ein Stück wahnsinnig gutes, zeitgemäßes Theater.



Mehr dazu:

Was: Drüberleben
Wann: Dienstag, 4.Februar 2014, 19:30 Uhr, Donnerstag, 6. Februar 2014, 19:30 Uhr, Freitag, 14. Februar 2014, 19:30 Uhr, Samstag, 22. Februar 2014, 19:30 Uhr, Dienstag, 11. März 2014, 21 Uhr, Mittwoch, 12. März 2014, 21 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Werkraum
Tickets: 12 Euro, 8 Euro (ermäßigt)