Dröhnen, Kratzen, Rauschen: Ausstellungseröffnung im Pavillion von Plan B

Philip Hehn

"Super toll" bis "der letzte Dreck": Performances können alles sein. Dementsprechend betrat fudder-Autor phh am Mittwochabend den sogenannten Pavillion mit einem mulmigen Gefühl: Die Ausstellung "Coloured Noise" von Zora Kreuzer und Sascha Brosamer vom Künstlerkollektiv Plan B sollte mit einer Performance eröffnet werden. Was phh fotografierte: Toilette, Fenster, Lampe und Heizung.



Der Pavillon ist ein kleines, schlichtes Gebäude mit einer Glasfront zur Heiliggeiststraße hin. Einige junge Familien sind da, und eine Menge Gesichter, die ich aus Videos und Fotos von Ausstellungen der Kunstakademie wiedererkenne. Es gibt Getränke zur Selbstbedienung auf Spendenbasis. Abgesehen von einem Tisch mit elektrischem und elektronischem Musikzubehör und fünf kleinformatigen Bildern ist der Pavillon leer.  

Zu kunstig?

 

Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz sicher bin, wo nun die Kunst ist. Sind die Bilder alles? „Ist es kunstig?“ fragt mich in just diesem Moment eine Freundin mit eher traditionellem Kunstgeschmack per SMS. „Am kunstigsten“, schreibe ich zurück. „Kunst“ als Synonym für „unverständlich“. Tja.  

Im Keller gibt es auch noch was, höre ich. Ich gehe außen um den Pavillon herum und die Treppe hinunter. Menschen irren durch die kahlen, besenreinen Kellerräume, auch sie wirken ratlos. Es riecht intensiv nach einer zwar sauberen, aber alten Toilette, dieser einzigartige Uni-Altbau-Sanitäranlagengeruch, so intensiv, dass ich überlege, ob er Teil der Installation ist, einfach weil er der erste und stärkste Sinneseindruck ist, als ich in den düsteren Keller steige. Die Stimmung unter den Besuchern, bilde ich mir ein, auch meine Stimmung, ist etwas gereizt. Auch hier ist doch nichts, was soll das?  

Ratlos im Keller

 

Eine bunt abgeklebte Lampe an der Treppe und ein Projektor im hintersten Raum sind die einzigen Gegenstände, die in einem stinknormalen leerstehenden Gebäude fehl am Platze wirken. Der Projektor zeigt – nichts. In wechselnden Farben wirft er horizontal laufendes Rauschen an die Wand. Coloured Noise. Wie ein Kind, das auf dahinziehende Wolken starrt, versuche ich, aus dem optischen, akustischen und semantischen Hintergrundrauschen dieses leerstehenden Gebäudes ein Informationssignal zu filtern. Es gelingt nicht. Ich fotografiere mehr aus Verlegenheit Toilette, Fenster, Lampe, Heizung, Projektor und ausgewählte Wände.  

Gerade als ich gehen will, kommt aus den Lautsprecherboxen oben ein Dröhnen, das perfekt in den durch das offene Kellerfenster hereindringenden Straßenlärm passt und gleichzeitig heraussticht, und plötzlich fallen Puzzleteile an ihre Plätze. Der Straßenlärm verbindet sich mit dem horizontalen Grisseln des Videos zu einer Autofahrt – eine karge Landschaft zieht plötzlich an mir vorbei, die Projektion wird zum Autofenster, amorphe dunklere Flecken sind plötzlich, je nach Farbe des Rauschens, Sträucher, Felsen. Sehr clever, denke ich.  

Ausstellungspavillon als Kunstwerk

 

Ich klettere wieder die Treppe hoch. Der Pavillon ist voll, die Performance beginnt. Zora Kreuzer und Sascha Brosamer haben den Pavillon mit Mikros verkabelt und spielen das Gebäude. Der Straßenlärm mischt sich mit ihrem Kratzen und Klopfen an Scheiben, mit Jalousienquietschen. Der Pavillon ist nicht mehr ein kunstleerer Ausstellungsraum, er ist selbst Kunstwerk und Musikinstrument, für ein Musikstück, das nicht an der Tür des Pavillons endet, sondern die Außenwelt derart erstaunlich organisch miteinbezieht, dass man den Eindruck hat, jedes vorbeifahrende Auto komme genau auf seinen Einsatz.  

Die von Kreuzer großflächig in den von ihr häufig verwendeten kreidigen Gelb- und Rosatönen gestrichenen Wände, die ich bisher einfach als eine ganz normale schmutzunempfindliche Weißalternative, wie die gelblichen Toilettenkacheln im Keller, wahrgenommen oder vielmehr nicht wahrgenommen hatte, werden jetzt ein weiterer subtiler Hinweise auf den Kunstwerkscharakter des Gebäudes.  

Noise wird zu Signal

 

Jeder Aspekt greift plötzlich ineinander; aus dem titelgebenden Rauschen der Alltagswelt, die am Ende meines jeweiligen Aufmerksamkeitsbereiches fasrig endet, tritt plötzlich eine organische Struktur hervor. Die Anspannung der Ratlosigkeit löst sich in einer Art multiplem Orgasmus der Geistesblitze. Als die Performance exakt mit dem Überflug eines Hubschraubers über den Pavillon endet, entlädt sich die aufgebaute Spannung in einem befreiten Lachen des Publikums.  

Die ewige Einbeziehung des Ausstellungsraums gehört ja inzwischen zum künstlerischen Standardrepertoire. Hin und wieder meint man, dass nur noch pro forma „irgendwas mit dem Raum gemacht“ wird, weil sich das so gehört oder so. Aber derart ausgeklügelt und perfekt wie hier habe ich das noch nie umgesetzt erleben dürfen. Ich bin hellauf begeistert. Wenn die zukünftigen Veranstaltungen des plan b dieses Niveau halten, hat die Freiburger Kulturszene etwas Außergewöhnliches dazugewonnen. Auch heute, Freitag, gibt es um 19 Uhr wieder eine Performance.

Mehr dazu:

Was: Ausstellung „Coloured Noise“ von Zora Kreuzer und Sascha Brosamer
Wann: bis zum 26. Juni 2011, Freitag 16 bis 20 Uhr und Samstag und Sonntag auf Anfrage
Wo: Pavillion

Pavillon: Hugstetter Straße 55
Eingang in der Heiliggeiststraße 2
Straßenbahn Linie 5, Haltestelle Friedrich-Ebert-Platz

Setzkasten: 22. Juni bis 26. Juni 2011
24 Stunden täglich
Schwarzwaldstraße 143
Straßenbahn Linie 1, Haltestelle Stadthalle / UB 1

Telefon: 0157.73465910
Foto-Galerie: phh

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