Dreister Dieb klaut 84 Designerstühle aus der Mensa Rempartstraße

Carolin Buchheim

Mehrere hundert orangefarbene Stühle stehen in der Mensa Rempartstraße. 84 davon sind Anfang März gestohlen worden. Ihr geschätzter Gesamtwert: fast 40.000 Euro. Denn in der Mensa sitzen Studierende seit den sechziger Jahren auf Original Eames-Stühlen - und die sind heute begehrte Sammlerobjekte.



Der Mann im Blaumann kam an einem Nachmittag Anfang März in die Mensa Rempartstraße, lange nachdem die Studenten aufgegessen hatten. Nur noch die Putzfirma war vor Ort, als er auf eine mitgebrachte Karre, mit der man aufgestapelte Stapelstühle transportieren kann, mit Stühlen belud. Ein Mitarbeiter des Studentenwerks bemerkte, dass der Mann Stühle aus der Mensa schob.  "Das war kein ungewöhnliches Bild, weil wir öfter auch schon mal Stühle verleihen", sagt Renate Heyberger vom Studentenwerk Freiburg.


Doch der Blaumannträger brachte die 84 Stühle, die er an diesem Nachmittag aus der Mensa entfernte, nicht zurück. Seit diesem Nachmittag sind die Eames Molded Plastic Chairs DSS, Anfang der 1960er Jahre von der Firma Vitra in Weil am Rhein hergestellt, verschwunden.

Gut vier Wochen später versuchte ein anderer Mann mit der gleichen Methode noch einmal Stühle aus der Mensa zu stehlen. Auch diesmal bemerkte ein Mitarbeiter des Studentenwerks die Tat; er stellte den Mann zur Rede und verhinderte die Mitnahme der Stühle - doch der Täter entkam.



Die Stühle in der Mensa sind Designklassiker. Erstmals 1948 hergestellt, war der Eames Molded Plastic Chair einer der ersten industriell hergestellten Stühle. Es sitzt sich gut auf der sanft gerundete Sitzfläche, die leicht wippende Rückenlehne macht ihn bequem. Heute ist das Gebrauchsdesign aus den späten 1940er Jahren wohnzimmertauglich.

Für fachmännisch restaurierte Molded Plastic Chairs aus den 60er Jahren bezahlen Möbel-Aficionados bei Fachhändlern im Internet 450 Euro und mehr. Die Sitzschalen werden dabei ausgebessert und neu lackiert, das stapelbare Metallgestell der Stuhlbeine durch ein aufwändigeres Modell aus Holz ersetzt. Der Wiederverkaufswert der in der Mensa gestohlenen Stühle nach Aufbereitung dürfte insgesamt bei rund 37.800 Euro liegen.



Warum die Studierenden seit Jahren - von den allermeisten wohl unbemerkt - auf hochwertigem Design sitzen, hat einen einfachen Grund. "Als die Mensa in der Rempartstraße 1961 eröffnet wurde, gab es ein Gesamtkonzept für ihre Gestaltung", sagt Renate Heyberger. "Das galt auch für die Inneneinrichtung." Die Eames-Stühle aus Weil am Rhein seien damals mit Blick auf Langlebigkeit erworben. "Wenn man schaut, wie sie heute noch dastehen, dann hat sich das auch wirklich rentiert. Schließlich haben hunderttausende Studierenden darauf gesessen."

Mehr als 2200 Eames-Stühle in schwarz und orangenfarben stehen in den drei Mensen des Studentenwerks; sie entstammen unterschiedlichen Produktionsreihen. Gestohlen wurden anscheinend ausgerechnet die wertvollsten – solche aus Fiberglas, deren Herstellung Vitra Anfang der 90er Jahre einstellte, weil sie nicht recyclebar waren, und die Herstellung mit einer Gesundheitsgefährdung für die Arbeiter verbunden war. Heute werden die Sitzschalen aus Kunststoff gefertigt. Die Neuanschaffung von 84 heute hergestellten Stühlen würde rund 16.000 Euro kosten. Obwohl eine Beschreibung beider Täter vorliegt, rechnet die Polizei nicht damit, die Täter ermitteln zu können oder die Stühle zu finden. "Es handelt sich bei den Stühlen um Gegenstände aus Massenproduktion", sagt Polizeipressesprecher Karl-Heinz Schmid. "Wir halten es für unmöglich, die Stühle zweifelsfrei zu identifizieren."

Das Studentenwerk ist mehr als nur frustriert ob des dreisten Diebstahls. "Es ist zum Heulen", sagt Heyberger. Um die Designmöbel zu schützen, hat das Studentenwerk nun damit begonnen, alle Stühle durch Markierungen zu sichern.