fudder-Interview

Dreisameck’ 80: Eine Zeitzeugin erinnert sich an die Freiburger Hausbesetzung

Dorothea Winter

Maria Viethen ist bekannte Stadträtin in Freiburg – mit einer spannenden Vergangenheit. Ende der 70er Jahre lebte sie drei Jahre in dem besetzten Haus "Dreisameck" und setzte ein eigenes Frauenstockwerk durch. Mit fudder hat sie über die Zeit gesprochen.

Wie kam es, dass Sie in dem besetzten Haus "Dreisameck" gelebt haben?

Maria Viethen: Ich bin da durch eine Freundin eher zufällig reingeraten, da war ich 23 Jahre alt. Das Dreisameck bestand aus fünf Häusern und eins davon stand komplett leer. Das gehörte dem Immobilienmakler Selz – der war im Grunde ein Spekulant. Er hat dieses große Bürogebäude gekauft und dann leer stehen lassen, um zu gucken, ob er dafür höhere Preise erzielen kann. Persönlich kennengelernt haben wir den nie. Wir waren eine Gruppe junger Leute, die Politik nicht nur in der Uni machen, sondern eine neue Form des Zusammenlebens schaffen wollte.

Wo war das Dreisameck und wie viele Menschen lebten darin?

Viethen: Es war insgesamt eine Gruppe von 30 Leuten, die diese Hausbesetzung geplant haben. Wir wollten von Anfang an ein eigenes "Frauenstockwerk" und das haben wir auch durchgesetzt. Wir Frauen traten bei der Besetzung des Dreisamecks alle sehr selbstbewusst und präsent auf.

Das besetzte Haus war in der Kaiser-Joseph-Straße 284, ein hässliches Bürogebäude aus den 50er Jahren. Später mussten wir aber merken, dass wir sehr daran hingen, es war schließlich unser Zuhause für eine lange Zeit. Aber auf der anderen Seite auch eine politische Position.

"Wir Frauen traten bei der Besetzung des Dreisamecks alle sehr selbstbewusst und präsent auf."

Wie wurde das Ganze organisiert, so ganz ohne Facebook und Whatsapp?

Viethen: Naja, damals gab es ja keine Handys oder so. Solche Sachen wurden durch Telefonketten weitergegeben und durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es war einfach so, dass wenn man etwas gemeinsam organisieren wollte, sich immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort getroffen hat.

So hatten wir drei Wochen lang Versammlungen abgehalten und uns gut vorbereitet und sind eines Morgens um fünf Uhr rein. Unten war ein Teppichgeschäft und die drei Stockwerke darüber standen eben leer. Im untersten Stock war dann unser großer Gemeinschaftsraum und oben haben wir die Zimmer verteilt. In den ersten sechs Wochen haben da ganz viele Leute geschlafen.
fudder zeigt am 20. Juni im Cinemaxx einen historischen Freiburg-Film bei der vierten Freiburger Filmnacht – mit spannendem Archivmaterial aus den Jahren 1970 bis 1993.




Heute noch sind zahlreiche Flugblätter und Plakate archiviert – wer hat diese alle veröffentlicht und angefertigt?

Viethen: Im Voraus hatten wir uns sehr gut vorbereitet. Wir wollten es auf keinen Fall dem Zufall überlassen, was darüber berichtet wird. Deshalb haben wir Flugblätter geschrieben und versucht, diese in einfacher Sprache zu verfassen und der Bevölkerung erklären, was wir da machen. Dass da ein Haus zwei Jahre leer stand und dass das einfach nicht hinzunehmen ist. Wir als junge Leute brauchten schließlich Platz, um selbstbestimmt zu leben.

Zum Verteilen sind wir frühmorgens losgezogen und haben die ganzen Flugblätter überall in der Stadt ausgelegt. In Hochhäusern, in Weingarten, in Aufzügen. Um sechs Uhr waren wir schon fertig. Sodass wir dann die Meinungshoheit inne hatten. Und ich bin zusammen mit einer Freundin zu dem damaligen Energieversorger, und habe unsere Wohnung angemeldet. Den Strom, das Telefon, alles – unter unseren richtigen Namen. Denn wir wollten von Anfang an zu dem politischen Anliegen stehen. Es war schließlich nichts, was man hätte verstecken müssen.

"Wir kamen da mit unserem uralten Mercedes und zwei Motorrädern an und schlossen mit ihr unsere Mietverträge ab."

Wie war die öffentliche Reaktion auf ihr Handeln?

Viethen: Es gab einen riesigen Aufstand. Wir hatten sehr viele der Leute auf der Straße auf unserer Seite. Wir haben ganz viel Geschirr, Möbel und Essen geschenkt bekommen. Und im Gegenzug haben wir der Öffentlichkeit auch die Möglichkeit gegeben, sich alles anzuschauen und mit uns ins Gespräch zu treten. Unten an der Tür war sozusagen der Empfang, also ein kleines Tischlein mit Stuhl und da saß immer jemand. Dahinter war eine große Wandzeitung, auf der dann aktuell immer beschrieben wurde, was bislang passiert war.

Und wie war die Reaktion des Eigentümers, Herr Selz?

Viethen: Wir haben Herrn Selz angeschrieben und ihm gesagt, dass wir gerne richtige Mietverträge hätten und ihm Miete überwiesen. Was wir nicht wussten, war, dass der Herr Selz kurz vor der Insolvenz stand und dass er solch einen Ärger überhaupt nicht gebrauchen konnte. Und tatsächlich bot er uns Mietvertragsverhandlungen an und wir haben uns mit einer Vertreterin von ihm im Büro getroffen. Wir kamen da mit unserem uralten Mercedes und zwei Motorrädern an und schlossen mit ihr unsere Mietverträge ab.

Daraufhin haben wir drei Jahre mit zwölf Leuten in dem Haus mit Mietverträgen gewohnt. Dazu gehörte dann auch das Nachbarhaus, wo bereits Wohngemeinschaften lebten.

"Das SEK kam über das Dach und so konnten wir alle durch den Hinterausgang fliehen."

Wie kam es trotz Mietverträgen dann zur Räumung des Hauses?

Viethen: Irgendwann war klar, dass Herr Selz insolvent war und unserer Mietverträge wurden daraufhin gekündigt. Das gesamte Karree sollte geräumt und abgerissen werden. Wir führten daraufhin einen Räumungsprozess, den wir jedoch verloren. Und deshalb besetzen wir auch noch die vier umliegenden Häuser. Sodass das dann für drei Monate nochmals eine Hochburg für junge Leuten war. Wir haben sehr viel Besuch bekommen, von Leuten aus dem Ausland und von anderen Besetzern.

Und auch kulturell wurde sehr viel Programm geboten. Zum Beispiel trat das Kinder- und Jugendtheater bei uns im Hof auf, weil sie damals noch kein eigenes Gebäude hatten. Es gab auch viele Diskussionen und Vorträge. Doch trotz all dem wurde das Haus fast auf den Tag genau nach drei Jahren schlussendlich geräumt.

Haben Sie von der Räumung vorher erfahren? Wann fand sie statt?

Viethen: Irgendwann war es einfach klar, dass die Häuser geräumt werden sollten. Wir haben auch kräftig den Polizeifunk abgehört. Und so konnten wir uns gut darauf vorbereitet. Wir haben alle fünf Häuser von innen ausgehöhlt, sodass man durch alle durchgehen konnte. Und dann kam am Sonntag, den 10. Juni 1980 das SEK und räumte das Haus.

Wie konnten Sie fliehen?

Viethen: Das SEK kam über das Dach und so konnten wir alle durch den Hinterausgang fliehen. Uns kam auf jeden Fall zu Gute, dass die Räumung nicht von der örtlichen Polizei durchgeführt wurde, sondern eben dem SEK aus Stuttgart. Wir sind damals der Überzeugung gewesen und ich glaube das immer noch, dass die Freiburger Polizei denen aus Stuttgart nicht gesagt hat, wo man da rauskommt. Wir sind alle aus der Gartenstraße raus und es wurde niemand verhaftet.

"Auch sonst haben da viele mit Kindern gewohnt – verheiratet war natürlich niemand."

Also war die Polizei nicht nur Gegner sondern auch Verbündeter?

Viethen: Wir hatten natürlich auch Brüder, Väter und Freunde bei der Polizei. Und auch sonst hatten wir den Eindruck, dass sehr viele junge Beamte dazugezogen wurden. Wir haben dann auch versucht, mit denen zu sprechen und die haben uns ganz witzige Geschichten erzählt, was ihnen gesagt wurde, wie gefährlich diese Hausbesetzer doch seien. Ja gut, aber am Ende ist Gott sei Dank nichts passiert.

Viele von Ihnen waren damals Studenten, wie konnten Sie Ihren Alltag bestreiten, trotz Besetzung?

Viethen: Die ersten sechs Wochen haben wir nichts anderes gemacht und am Ende, als es um die Räumung ging, hat es natürlich wieder mehr Zeit in Anspruch genommen. Den größten Teil der Zeit, als wir die Mietverträge hatten, haben wir da ganz normal gewohnt. Ich habe da meine Tochter bekommen und bin meinem Studium nachgegangen. Auch sonst haben da viele mit Kindern gewohnt – verheiratet war natürlich niemand.
Zur Person

Maria Viethen, 64, ist Anwältin für Familienrecht und Erbrecht. Seit 1994 ist sie in Freiburg Stadträtin. Sie hat zwei Kinder.

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