Start-up

Drei Freiburger wollen den ersten nachhaltigen Mobilfunktarif anbieten

Anika Maldacker

Es gibt faire Kleidung, Ökostrom und Fairtrade-Schokolade. Aber einen nachhaltigen Mobilfunktarif? Drei Freiburger Unternehmer wollen mit ihrem Start-up den ersten nachhaltigen Tarif anbieten. Der Weg dahin ist noch lang.

Fast 120 Jahre wurde in der Lokhalle handwerklich gearbeitet. Seit drei Monaten brainstormen und konzeptionieren an diesem Ort Kreative. Mehr als 100 Jungunternehmer und Start-ups haben in der Halle ihre Büros bezogen. Auch Andreas Schmucker, Alma Spribille und Nico Tucher. Die drei Freiburger wollen den ersten nachhaltigen Mobilfunktarif anbieten. Seit Februar sind sie in der Vorgründungsphase ihres Start-ups "Wetell". Bis Sommer 2019 sollen die ersten Kunden mit Wetell nachhaltig telefonieren und mobil surfen können. So der Plan.


Andreas Schmucker (34), Alma Spribille (34) und Nico Tucher (32) kennen sich seit Jahren. Am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) haben sie zusammen geforscht. Bei der Hilfsorganisation Ingenieure ohne Grenzen sich zusammen ehrenamtlich für Nicaragua engagiert. "Wir haben gemerkt, dass wir als Team ganz gut zusammen arbeiten können", sagt Andreas Schmucker. Alle drei vereint die Leidenschaft, unternehmerisch aktiv zu werden – und nachhaltig zu leben. Dafür würden sie sogar ihre guten Jobs beim Fraunhofer-Institut oder als selbstständiger Ingenieur aufgeben. "Es gibt mittlerweile für viele Lebensbereiche gute Alternativen", sagt Andreas Schmucker. Sie beziehen Ökostrom, nutzen zum Teil faire Smartphones, eine nachhaltige Bank und einen E-Mailanbieter, der großen Wert auf Datenschutz legt. "Aber einen nachhaltigen Mobilfunktarif haben wir bisher nicht gefunden", sagt Andreas Schmucker.

Das Start-up will klimapositiv sein

Für die drei Grund genug, aktiv zu werden. Ihre erste Geschäftsidee, bei der ökologisches Verhalten belohnt werden sollte, verwarfen sie und konzentrierten sich auf Wetell – ein Mobilfunktarif, der das D1-Netz, also das der Telekom nutzt. Mit ihrem Mobilfunktarif wollen die Gründer klimapositiv, datensparsam, fair und transparent sein. Denn Mobilfunkmasten brauchen viel Strom – und alles was daran hängt ebenso. "Wir wollen den Strom nur ökologisch, in dem Fall von den Elektrizitätswerken Schönau beziehen", erklärt Andreas Schmucker.

Außerdem sollen der Stromverbrauch und Emissionen, die durch ihren Dienst auftreten, erfasst, offen gelegt werden – und kompensiert. "Zusammen mit den Elektrizitätswerken Schönau wollen wir neue Erneuerbare-Energien-Anlagen bauen", erklärt Andreas Schmucker. Dazu zählen die drei beispielsweise den Betrieb von Telekom-Servern, Herstellung, Errichten und Betrieb der Funkmasten. Strom, der für das alles benötigt wird, will Wetell durch grünen Strom kompensieren und neue Anlagen bauen.

Die drei Jungunternehmer haben sich hohe Ziele gesetzt: Sie wollen Partner dazu bewegen, auf Ökostrom umzustellen. Mit der Firma Newsim aus Bonn, einer Zwischenfirma, die Wetell ans D1-Netz anbinden soll, sind die Freiburger schon im Gespräch. Und der vielleicht bald zukünftige Partner hat ihnen signalisiert, so berichten sie, auf Ökostrom wechseln zu wollen, wenn Wetell mit den ersten Nutzern an den Start geht. "Wenn wir nach hoffentlich drei Jahren genügend Kunden haben, sind wir wirtschaftlich interessant für Partnerfirmen wie diese", sagt Alma Spribille.

Die Crowdfunding-Kampagne ist der erste Prüfstein

Auch Datenschutz will Wetell groß schreiben. So sollen die Daten ihrer Kunden ausschließlich anonym auf deutschen Servern gespeichert werden. Jeder Kunde kann seine Daten sofort nach Erhalt der Rechnung löschen. Alles soll transparent sein, die Kundschaft soll wissen, wenn Behörden oder Firmen bei Wetell nach Kundendaten fragen. Außerdem will das Start-up nach den Richtlinien der Gemeinwohl-Ökonomie wirtschaften. Das heißt, dass Mitarbeiter faire Löhne bekommen oder geschäftliche Vorgänge transparent sein sollen.

Im Februar 2019 wollen die Jungunternehmer ihre Crowdfunding-Kampagne starten. Dann können sich potentielle Kunden direkt für einen der drei Tarife verbindlich anmelden. "Der mittlere Tarif soll bei circa 25 Euro liegen und 2 Gigabyte Datenvolumen anbieten, sowie eine Allnet-Flatrate", sagt Alma Spribille. Der niedrige Tarif soll zehn Euro günstiger sein bei einem Gigabyte Datenvolumen, der teure zehn Euro mehr kosten bei vermutlich vier Gigabyte Datenvolumen.

Keine Werbung über Google und Facebook

Eine Einschränkung haben die drei sich gesetzt, die das Vorhaben erschwert: Sie wollen keine Werbung über Facebook und Google schalten. "Wir wollen gerade nicht wie diese Großkonzerne sein, bei denen wir nicht wissen, wie sie mit unseren Daten umgehen", sagt Alma Spribille. "Wir brauchen mindestens 1000 Menschen, die verbindlich für ein Jahr unseren Tarif buchen", sagt Andreas Schmucker. Wenn weniger mitmachten, könnte das Projekt kippen. "Wir brauchen nach drei Jahren etwa 40.000 Nutzer um die Anfangsinvestitionen beglichen zu haben", führt Alma Spribille aus.

Bis Ende des Jahres haben sie drei Teilzeit-Arbeitsplätze in der Lokhalle. Die werden durch das Wirtschaftsförderungsprogramm Smart Green Start-up Accelerator gefördert. Durch das vom Grünhof lancierte Projekt haben sie auch einen eigenen Betreuer, Jürgen Gomeringer. Er betreut die drei Freiburger seit mehr als einem Jahr. "Ob Wetell funktioniert, hängt davon ab, ob sich eine Community findet, die sich engagiert", schätzt er. Vor allem das Thema der Transparenz, was den Umgang mit Daten angeht, sei so noch nicht aufgegriffen worden. Die Herausforderung für die drei liege nun darin, kurz und prägnant zu formulieren, warum man sich für dieses Produkt entscheiden sollte.

Die drei Freiburger sind Idealisten. "Wir wollen zeigen, dass es auch erfolgreiche Unternehmen geben kann, die sich für eine klimaschonende, ethische und soziale Unternehmensführung und Produktgestaltung stark machen", sagt Andreas Schmucker.
Info:

Die drei Jungunternehmer haben sich innerhalb ihrer Gründungsphase dazu entschieden, ihr Start-up von Green Calling auf Wetell umzutaufen. Daher erscheint die Homepage derzeit noch unter dem alten Namen Green Calling. Das soll bald geändert werden.

Website: Wetell (noch unter dem alten Namen Green Calling)

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