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Drei Freiburger erzählen, wie es ist, als freischaffender Künstler zu arbeiten

Lea Messerschmidt

Sechs Fragen an drei freischaffende Künstler: Andreas Ernst, Katrin Krumm und Luise Wegner sprechen über die Message in ihrer Kunst und verraten, welche Tipps sie gerne am Anfang ihrer Karriere bekommen hätten.

Der Berufstrend ist Freiberufler, der Traum davon ist, die Arbeitszeiten selbst zu bestimmen und ausschlafen zu können. In Deutschland haben, laut monopol.de rund 130.000 bildende Künstlerinnen und Künstler diesen Traum. Jedoch kann der große Teil nicht allein von der Kunst leben.


fudder hat drei Künstler getroffen, die in Freiburg wohnen und arbeiten. Jeder von ihnen beantwortete sechs Fragen rund um ihre Arbeit als freischaffender Künstler. Geantwortet haben der Sprayer Andreas Ernst aka Zoolo, die Künstlerin Katrin Krumm, die digitale Installationen macht und die Kettensägen-Schnitzerin Luise Wegner.
Graffitikünstler Andreas Ernst aka Zoolo

Zoolo (45) sprüht seit seinem 15. Lebensjahr. Er arbeitete nicht nur an den Wänden Freiburgs, sondern auch in Neuseeland und sogar auf der Osterinsel. Zoolo sprayt hauptsächlich großflächig, benutzt grelle Farben und arbeitet mit Formen. Seit 25 Jahren nimmt er Aufträge entgegen

Mehr zu Zoolo: inzoolo.de

zoolo

Was macht Deine Kunst in Deinen Augen einzigartig und hebt Dich von der breiten Masse ab?

Ich finde, es ist immer schwierig zu sagen, was einen einzigartig macht. Das kann schnell prollig rüber kommen. Ich denke, dass die Kontinuität eine große Rolle spielt. Dadurch, dass ich jetzt seit 30 Jahren sprühe, konnte ich viele Entwicklungen in der Graffitiszene beobachten. Früher war es am wichtigsten, sich Mühe zu geben und respektvoll gegenüber anderen Künstlern zu sein.

In den vergangenen 30 Jahren hatte ich aber auch die Möglichkeit, meine Fähigkeiten zu verbessern und meinen eigenen Stil zu finden. Diese typische Graffitischrift, die überall zu sehen ist, mache ich nicht mehr. Mein Stil ist wiedererkennbar. Meistens spraye ich großflächig und sorge mit Linien oder aufgeplatzten Spraydosen für Spannung. Außerdem lasse ich mich auf Kundenwünsche ein. Das hat aber auch Grenzen.

Erzähl doch bitte von dem Moment, als Du den Entschluss gefasst hast, Künstler zu werden.

Das kam im Prinzip von alleine. Ich lebe nicht komplett vom Graffitisprühen, ein paar Stunden in der Woche arbeite ich an einer Schule als Technik-Lehrer. Es fing damit an, dass ich nachts meine alte Schule angesprüht habe. Das stand dann in der Zeitung, was ich natürlich sehr cool fand. Ich wurde daraufhin verraten und musste den Schaden zahlen, aber wurde parallel gefragt, ob ich das lokale Jugendzentrum anmalen könnte. Dafür habe ich damals die Dosen bezahlt bekommen – das war so gesehen mein erster Auftrag.

Bei mir in der Stadt gab es damals eine Unterführung und ich habe den Oberbürgermeister direkt angesprochen, ob ich da nicht legal sprühen dürfte. Er hat darauf total easy reagiert und ab da haben mich Leute angesprochen, ob ich nicht Lust hätte ihre Garagen zu bemalen. Am Anfang war es für mich eine Möglichkeit, meine Dosen zu finanzieren. Aber mit der Zeit brauchten Auftraggeber dann Rechnungen von mir und so hat sich das dann ergeben. Daraufhin habe ich eine Firma gegründet, was jetzt ungefähr 20 Jahre her ist.

Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Manche fanden es cool und haben bei manchen Arbeiten sogar mitgeholfen oder wir haben zusammen an einem Projekt gearbeitet. Meine Eltern und meine Familie haben das ganz lange gar nicht kapiert. Dadurch, dass ich in meiner Heimatstadt aber schon ziemlich viel gemacht habe, finden sie das nun gut und sind da bestimmt auch stolz drauf. Das gehört zu mir und ich mache mir da keine Gedanken, was andere davon halten. Ich mache das ja, weil es mir Spaß macht.

Reaktionen gibt es von Leuten, die es scheiße finden, weil sie halt legales Graffiti nicht mögen, bis hinzu Anerkennung. In der Graffitiszene spielte Neid schon immer eine Rolle. Das waren dann aber auch Leute, mit denen ich nicht so viel zu tun hatte.

Was hättest du gerne am Anfang Deiner Karriere gewusst?

Ich hätte gerne von Anfang an mehr Ahnung gehabt, dann wäre ich professioneller an die Sachen rangegangen. Ganz am Anfang wäre es gut zu wissen gewesen, wie man sprüht, Linien zieht und was es für Hilfsmittel gibt. Das musste ich mir dann alleine zusammensuchen, aber ich habe mich dann mit anderen darüber ausgetauscht.

Was inspiriert dich?

Mich beeinflusst ganz massiv die Umgebung, in der ich bin. Menschen und der Ort selber spielen dabei auch eine große Rolle und manchmal ist es auch einfach die Musik während der Arbeit, die mich inspiriert. Oft gehe ich in den Keller und male ohne Konzept einfach drauf los.

Was ist deine Botschaft?

Was ich damit ausdrücken will, spielt erstmal keine Rolle, dass muss jeder für sich selbst rausfinden. Was ich jetzt seit ein paar Jahren probiere, ist die Stimmung einzufangen, die während des Prozesses herumschwirrt. Das funktioniert manchmal auch sehr gut.
Katrin Krumm fertigt digitale Illustrationen an

Katrin Krumm (29) ist Feministin und das nicht, weil sie eine der wenigen Frauen in der digitalen Arbeit ist. In digitalen Illustrationen nutzt sie ihre Stimme, um politische Überlegungen zu präsentieren. Der Kunststil der Designerin ist von der Rap-Kultur und dem Digitalen Zeitalter geprägt. Außerdem ist Krumm Dozentin für New Media Art an der Macromedia Hochschule in Freiburg. Daneben ist sie selbständig und bearbeitet für ihre Kunden Digital-Aufträge.

Anfangs hat sie viel gezeichnet und skizziert, heute sind ihre Arbeiten hauptsächlich dreidimensionale digitale Installationen. Dabei ist das Ergebnis oft ein Print, der wie ein Screenshot funktioniert. 2015 erhielt Katrin Krumm den Rombach Innovation Award.

Mehr zu Katrin Krumm: katrinkrumm.de

Katrinkrumm

Was macht deine Kunst in deinen Augen einzigartig und hebt dich von der breiten Masse ab?

Meine Kunst ist interdisziplinär. Ich versuche, aktuelle Phänomene und politische Debatten in meine Arbeiten einfließen zu lassen. Meine Arbeiten haben eine Qualität für die Leute, die sich zum Beispiel mit zeitgenössischem Feminismus auseinander setzen. Diese Leute können dann auch aus meinen Arbeiten eine Position heraussehen.

Erzähl doch bitte von dem Moment, als du dich entschieden hast, Künstlerin zu werden.

Da gibt es zwei Lebensphasen, die für mich prägend waren. Ich habe schon sehr früh angefangen zu zeichnen, weil ich das Bedürfnis hatte, meine Wahrnehmung festzuhalten. Wenn ich früher Comics geschaut habe, habe ich mit einer Sofortbildkamera ein Foto vom Fernseher gemacht und das Foto dann abgezeichnet.

Der zweite Moment hatte mehr mit dem Werkzeug an sich zu tun. Das war während des Studiums der Integrierten Gestaltung, an der damaligen Hochschule für Kunst, Design und Musik in Freiburg. In einem Workshop, der "untragbar" hieß, sollten wir Studierenden ein Kleidungsstück entwerfen, das auf einer und mehreren Ebenen untragbar ist. Mir war das Skizzieren der Objektes damals zu wenig und mein damaliger Freund hat mir daraufhin die 3-D Software "blender" gezeigt, womit wir dann gemeinsam an der Visualisierung des Objekts gearbeitet haben. Das war wie ein Aha-Moment was die 3-D-Arbeiten anging.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert?

Ich habe gemerkt, dass während meiner Ausstellung sehr viele Leute berührt waren. Manche haben auch gesagt, dass sei keine Kunst. In meinem Freundeskreis habe ich immer sehr viel Support erfahren und auch meine Familie hat mich immer unterstützt.

Was hättest du gerne am Anfang deiner Karriere gewusst?

Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand am Anfang meiner Laufbahn gesagt hätte, dass es ab einem gewissen Punkt keine Person mehr gibt, die dich bewerten kann oder die das Recht hat, dich zu bewerten. Ich bin in einem relativ traditionellen Umfeld aufgewachsen und gerade, wenn du als Frau irgendwas machst, musst du fragen, ob das okay ist. Dadurch bin ich mit einer großen Unsicherheit in das Künstlerinnen-Dasein eingestiegen.

Als Künstler oder Künstlerin, die nicht von einer Galerie vertreten werden, entscheidet jeder selbst, wann eine Arbeit fertig ist. Man braucht Selbstbewusstsein um zu sagen "Ja, das ist fertig und kommt jetzt in die Ausstellung. Egal was ihr denkt."

Was inspiriert dich?

Mich inspirieren feministische Autorinnen. Ich lese zurzeit sehr viel von Margarete Stokowski und auch "Bitch Doktrin" von Laurie Penny inspiriert mich. Sehr viele einzelne Akteure und Akteurinnen auf Instagram sind für mich ebenfalls prägend. Außerdem inspiriert mich die Beschäftigung mit der digitalen Selbstdarstellung und auch Rap-Ästhetik, also das Plakative und Objekthafte.

Was ist deine Botschaft?

Ich sehe mich als zeitgemäße feministische Künstlerin, aber würde meine Rolle als Beobachtende einschätzen. Vielleicht muss ich da erst rein kommen, eine klare Botschaft zu haben. Was mir beim Finden meiner Botschaft hilft, ist definitiv das Arbeiten mit den Studierenden, da lerne ich über die Wahl der Themen, den Diskurs und so weiter. Das ist der Prozess, indem ich mich befinde. Aktuell bearbeiten wir beispielsweise das Thema "Unsichtbarkeit im Netz" und wie Frauen in der digitalen Welt immer noch diskriminiert werden.
Luise Wegner schnitzt Holz-Skulpturen mit einer Kettensäge

Die 26-jährige Freiburgerin Luise Wegner fängt in ihren Skulpturen die Charakterzüge von verschiedenen Menschen ein. Dabei arbeitet sie in erster Linie mit Holz und einer Kettensäge. Wegner arbeitet hauptsächlich als Künstlerin und unterrichtet parallel an der Jugend-Kunst Schule. Ihre einzigartige Arbeitsweise stellt sich gegen Perfektionismus und beinhaltet den Appell, sich bewusst mit sich selbst und der Vielfalt der Menschen auseinander zusetzten. 2018 wurde sie für den Darmstädter Sezessionspreis nominiert und hat eine dauerhaft Ausstellung in der Lady in Red Galeria de Arte in Portugal.

Mehr zu Luise Wegner: luisewegner.de

Luisewegner

Was macht deine Kunst in deinen Augen besonders und hebt dich von der breiten Masse ab?

Was meine Kunst abhebt ist, dass ich sehr grob und weniger perfektionistisch arbeite. Bei den Kettensägen-Schnitzen lege ich nicht viel Wert auf die Ausarbeitung der Details. Den Ausdruck verleihe ich der Figur durch Farbe, die ich nachher auftrage. Ich habe ein sehr eigenwilliges Menschenbild und das spiegelt sich in meinen Skulpturen. Meine Skulpturen sollen nicht schön sein, sondern einen starken Ausdruck haben und die Menschen berühren. Ich hoffe, die Menschen finden sich in meinen Figuren wieder und identifizieren sich mit diesen. Deswegen ist es mir weniger wichtig, dass meine Arbeiten Leuten gefallen, da sie reelle Eigenschaften widerspiegeln. Ich arbeite mit stereotypen und starken, unterschiedlichen Charakteren. Mich fasziniert die Vielfalt.

Erzähl doch bitte von dem Moment, als du dich entschieden hast, Künstlerin zu werden.

Nach meinem Schulabschluss bin ich unter anderem lange durch Indien gereist. Da habe ich ein Steinmetz-Dorf besucht und war total von der in erster Linie körperlichen Arbeit der Leute dort begeistert. Für eine Woche konnte ich dort mitarbeiten. Nach meiner Reise habe ich überlegt, was ich machen möchte und dadurch, dass ich aus einer künstlerisch-geprägten Familie komme, habe ich mich entschieden, die Kunst in Verbindung mit körperlicher Arbeit zu machen. Ich habe an der Edith Maryon Kunstschule, einer Bildhauer Schule in Munzigen, studiert. Im letzten Jahr von meinem Studium hat mir mein Professor vorgeschlagen, mit einer Kettensäge und Holz zu arbeiten. Davon war ich direkt begeistert, so dass ich mich dahin gehend immer weiterentwickelt habe und heute auch mit Farbe arbeite, um Details zu schaffen.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert?

Die Resonanz war durchweg positiv. Auch wenn die Kunst ein brotloser Beruf ist, haben meine Eltern mich immer unterstützt. Es ist natürlich ein Wagnis und schwierig, sich als Künstler anstellen zu lassen. Aber dieses Wagnis passt gut zu mir und die Arbeit macht mich glücklich. Auch meine Freunde meinten, dass das sehr gut zu mir passt.

Manche Menschen sagen offen, dass sie sich meine Skulpturen nicht ins Wohnzimmer stellen würden, aber das ist in meinen Augen auch keine negative Kritik und zeigt umso mehr, wie nah manche Arbeiten an der Realität sind. Durch die Nominierung für den Darmstädter Sezessionspreis 2018 habe ich die schöne Rückmeldung bekommen, dass meine Arbeit in der harten Kunstszene geschätzt wird. Mich macht es stolz, gesehen zu werden und das motiviert mich.

Was hättest du gerne am Anfang deiner Karriere gewusst?

Zunächst hätte ich gerne gewusst, dass man sehr viel Ausdauer und Durchhaltevermögen braucht. Außerdem ist es wichtig, dass man sich nicht schnell entmutigen lässt.

Was inspiriert dich?

Mich inspiriert die Arbeit an sich. Inspirationslöcher gibt es zur Genüge. Ich glaube, es ist wichtig, weiter zu machen. Ich produziere während meines künstlerischen Schaffens auch viel Müll und komme manchmal nicht voran, um dann aber am Ende ein Ergebnis zu haben, mit dem ich zufrieden bin und das meiner Vorstellung entspricht. Das ist alles Teil des Prozesses, um ein zufriedenstellendes Endergebnis zu haben. Meine Reisen haben mich direkt nicht inspiriert. Jedoch haben sie meinen Charakter geformt und die Kunst spricht im gewissen Sinne aus einem raus und spiegelt den Charakter und die Persönlichkeit.

Was ist deine Botschaft?

Ich denke, dass viele Menschen heutzutage sehr perfektionistisch sind und nach außen nur schwer Fehler zeigen können. Ich möchte den Menschen zeigen, dass jeder seinen eigenen Charakter mit Ecken und Kanten hat. Mir ist es total wichtig, dass man sich traut zu zeigen, wie man wirklich ist. Jeder Mensch soll durch meine Kunst erkennen, dass es eine große Vielfalt gibt und diese nutzen, um sich selbst zu reflektiert.

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