Dozenten an der Uni – eine Typologie

Johanna Schoener

Es ist soweit! Die Erstsemestler dürfen diese Woche zum ersten Mal Hörsaalluft schnuppern. Vorbei die Zeiten des Klassenlehrers, der alle Stärken und Schwächen seiner Eleven kennt. Statt dessen betritt die akademische Elite die Bühne: Professoren und ihr Generalstab in Form von Privatdozenten, wissenschaftlichen Angestellten, Doktoranden und Tutoren. Darunter finden sich mitunter kuriose Gestalten, die für den Neuling, aber auch für manchen Langzeitstudenten schwierig einzuschätzen sind. Eine Typologie.

Der Prof der alten Schule
Die Strähne, die er sich eigentlich elegant von links nach rechts über die Glatze kämmt, hängt einsam an der linken Seite runter. Wenn er Pech hat, hat seine Frau ihm die gepunktete Fliege zum karierten Hemd rausgesucht. Alles Nebensächlichkeiten. Ohne Einführung ist er nach wenigen Minuten dabei, voller Pathos über den Briefwechsel von Schiller und Goethe zu reden. Begleitet von gewagten Sprüngen quer durch die abendländische Literatur. Mitschreiben bringt nichts oder wisst ihr vielleicht, wie man Friedrich de la Motte-Foqué richtig buchstabiert? Lieber wissend nicken – so wie die ganzen Seniorenstudenten. Und glaubt bloß nicht, dass irgendjemand im Raum tatsächlich folgen kann. Ärgerlich: Der Gute merkt nie, dass er gnadenlos die Zeit überzieht und reagiert äußerst ungehalten, wenn man unauffällig versucht, die heiligen Hallen zu verlassen. Die wissenschaftliche Angestellte

Ihre straßenköterblonden Haare im Angela Merkel-Style und ihre unifarbene Kleidung sorgen für unscheinbares Auftreten. Aber Vorsicht, sie ist alles andere als harmlos. Die ambitionierte Jungakademikerin will vor allem eines: den Lehrstuhlinhaber beeindrucken. Diesen Plan verfolgt sie übrigens seit dem ersten Semester. Deshalb glaubt sie auch, dass Studenten nichts anderes tun als lesen, lernen, reflektieren und schreiben. Daraus folgen völlig überzogene Anforderungen an euch und gnadenlose Benotungen.

Der Prototyp Prof
Er spult jedes Semester seine zwei Lehrveranstaltungen ab und mehr solltet ihr von ihm nicht erwarten. Durchschnittlich hat er pro Halbjahr zehn Minuten Zeit, mit euch Referate und Hausarbeiten zu besprechen. Über fehlende Begeisterung für eure phantasievollen Themen solltet ihr euch nicht wundern. Man muss wissen, dass ihr diesem Typen eigentlich völlig schnuppe seid. An der Uni ist er der Forschung wegen, alles andere sind lästige Begleiterscheinungen. Ach ja, wenn ihr ihm eine E-Mail schickt, dann lieber gleich in mehrfacher Ausführung. Die Hälfte der Eingänge in seinem Postfach werden nämlich mit einem automatischen Verweis auf seine Sprechstunde beantwortet. Für die muss man sich wiederum per Mail anmelden. Der Power-Point-Prof
Endlich mal jemand, der sich im verstaubten Wissenschaftsturm Uni der modernen Technik bedient, denkt ihr? Wir sprechen uns nochmal 100 Power-Point-Folien später. Zuhören oder abschreiben ist die Frage, beides gleichzeitig unmöglich! Am Ende versteht man viel weniger, als wenn er sich einfach die Hände an der guten alten Kreide schmutzig machen würde. Und wenn der Beamer ausfällt, ist er hilflos und einer von euch muss zum Hausmeister rennen. Der hat meistens noch weniger Ahnung.

Die Privatdozentin
Die Endvierzigerin wird euch vor Seminarbeginn erstmal einen Vortrag über die katastrophale Lage des deutschen Hochschulsystems halten. Sie wartet nämlich schon seit sieben Jahren auf einen Ruf als ordentliche Professorin. Bisher Schweigen im Hochschulwald. Sie dagegen fängt an, Stimmen zu hören. Wenn ihr mit frustrierten Menschen umgehen könnt, ist sie zu empfehlen. Immerhin hat sie ab und zu mal Zeit für euch in der Sprechstunde, denn im Gegensatz zum Prototyp Prof kann sie es sich nicht leisten, euch auf Abstand zu halten. Der Doktorand
Prinzipiell zu empfehlen. Im Bewusstsein, in der Hierarchie der Lehrenden ganz unten zu stehen, gibt er sich sehr viel Mühe bei seinem Seminar. Er ist einfach näher an euch dran, weil er sich noch gut an seine eigene Studienzeit erinnern kann. Nur, bitte nutzt ihn nicht aus! Meistens ist er noch viel zu gutmütig und will euch wirklich helfen. Wenn er deswegen seine Doktorarbeit vergeigt, bringt er euch auch nix mehr. Die Tutorin
Spätestens nach einem Semester werdet ihr euch fragen, warum diese eingebildete Professoren-Duzerin diesen Job gekriegt hat – durch Schleimen oder gezielten Einsatz von Miniröcken? Mit Schweißringen unter den Achseln schlägt sie sich zwar redlich durch das Tutorat und versucht euch eine Hilfe zu sein, aber ihre Nähe zu den Professoren wird euch dazu bringen, sie zu hassen. Es sei denn, ihr tretet ihre Nachfolge an. Dann solltet ihr euch aber von Anfang an mit ihr gut stellen.

Der Gastwissenschaftler
Ein Raunen geht durch die Hörsaalreihen, wenn der Mittdreißiger zum ersten Mal ein „Gutten Tack“ verlauten lässt. „Mann, hat der einen niedlichen Akzent“. Stimmt! Er ist auch sonst ein prima Typ. Gar nicht so unnahbar, wie seine deutschen Kollegen. Er wird sogar mit euch in die Kneipe gehen und nach ein paar Bier vielleicht auch noch Karaoke singen. „Ich war noch niemals in New York…“ – und das mit diesem hinreißenden Akzent. Vorsicht! Erstens wird er es schaffen, dich und deine Lieblingskommilitonin zu entzweien, wenn du öfter mit ihm Kaffee trinken warst als sie. Und zweitens wirst du ihm monatelang hinterhermailen müssen, damit du deinen Schein kriegst. Wenn er erstmal wieder daheim ist, bei Frau und Kind, kannst du lange warten, bis er deine Hausarbeit korrigiert.