Doppelter Wahnsinn im Wallgrabentheater

Christian Heigel

Ein Schauspieler, zwei "Männer im Käfig" und fast zwei Stunden Text am Rande des Wahnsinns: Miguel Abrantes Ostrowski hat sich am Mittwoch im Wallgraben-Theater viel vorgenommen. Kafkas "Bericht für eine Akademie" und Strindbergs "Plädoyer eines Irren" hintereinander. Christian schreibt, ob sich ein Besuch lohnt.



In Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ hält ein Affe einen Vortrag darüber, wie er zum Mensch geworden ist. Im Wallgraben-Theater sind die Zuschauer die Akademiemitglieder. Und der Affe spielt mit seinem Publikum. Schon bevor er die Bühne betritt: Fünf Minuten lang sitzen wir im abgedunkelten Zuschauerraum, der Vorhang bleibt geschlossen, nichts geschieht.


Unruhe breitet sich aus in den Reihen, Ratlosigkeit und unruhiges Murmeln: „Gehört das schon dazu?“ Fünf Minuten können verdammt lang sein, wenn man darauf wartet, dass endlich was passiert.

Als sich der Vorhang dann öffnet, sieht man einen Barhocker, einen Sektkübel und zwei bunte Scheinwerfer vor schwarzem Hintergrund. Miguel Abrantes Ostrowski kommt herein, im noblen Frack, mehr Mensch als Affe. Das sieht man nicht nur daran, wie er seine in Butterbrotpapier gepackte Banane auspackt und sich hinterher den Mund abputzt. Wenn er redet, sitzt er cool und scheinbar abgeklärt auf dem Barhocker. Und erzählt davon, wie er von den Menschen gefangen und selbst zum Menschen dressiert wurde. Immer wieder kommt der Affe auch zu den Menschen, gibt den Besuchern (darunter viele Schüler) in den ersten Reihen die Hand und verteilt Blätter mit Infos zu seinem Heimatland. Langweilig wird es nie.



Während Ostrowski redet, bricht es immer wieder aus ihm heraus: Schreie der Verzweiflung, am Schluss durchs Megaphon gebrüllt. Verzweiflung über seine aussichtslose Lage. Die Befreiung aus dem Käfig gelang dem Affen zwar. Dafür muss er jetzt Abend für Abend im Varieté auftreten. Wirkliche Freiheit gibt es nicht, nur einen schäbigen Ausweg. Das ist zum wahnsinnig werden.

Nach der Pause nimmt der Wahnsinn zu. Nun also Strindbergs „Plädoyer eines Irren“. Ein Mann geht in den Keller und arbeitet sich an der Beziehung zu seiner Frau ab. Er liebt seine Maria, aber er hasst sie auch. Er seziert die Beziehung. Und das nicht nur mit Worten: Er bastelt sich seine Frau, aus einem Wischmopp und einem Granatapfel. Tanzt erst mit ihr und nimmt sie dann in ihre Einzelteile auseinander. Und auch der gemeinsame Hund, der hier zum Marzipanschwein mutiert ist, kommt nicht gut weg.



Dabei geht Strindbergs Irrer vor wie die Spurensicherung im „Tatort“: Er zieht sich Plastik-Einweghandschuhe an und packt am Ende die Einzelteile in kleine Plastiktütchen. In seiner Akribie hat er etwas Manisches. Dazu passen die immer gleichen Melodie-Fetzen von „The Cure“, die den Abend dominieren.

Aber vielleicht führt dieser krankhaft Liebende auch nur das mit Taten vor, was in vielen Beziehungen gedacht wird. Ganz schön erschreckend das Ganze. Also ein schöner Theaterabend.

Mehr dazu:

Was: Männer im Käfig – ein Theaterabend und zwei Monologe von Franz Kafka und August Strindberg mit: Miguel Abrantes Ostrowski, Regie: Tim Lucas
Wann: Weitere Vorstellungen: Freitag, 19. Juni bis Samstag, 21. Juni 2008, jeweils 20 Uhr
Wo: Wallgraben-Theater Freiburg
Tickets: 11,50 Euro , 12,60 Euro, 15,90 Euro, 17 Euro
fudder.de: Interview mit Miguel Abrantes Ostrowski und Regisseur Lucas