Doppelstern der Gefühle: Musikerin Barbara Morgenstern im Interview

Bernhard Amelung

Fragiler Pop trifft entrückte Tanzflächen-Grooves: Für ihr aktuelles Album "Doppelstern" hat Barbara Morgenstern mit so unterschiedlichen Künstlern wie T.Raumschmiere, Hauschka und Justus Köhncke zusammen gearbeitet. Am Freitag gibt sie ein Konzert im Slow Club. Bernhard Amelung hat mit ihr gesprochen - über die Nacht, Himmelsgestirne und Melancholie.



Frau Morgenstern, wissen Sie, was für ein Himmelsschauspiel sich dieser Tage ereignet hat?

Barbara Morgenstern: Nein. Sagen Sie es mir. [lacht]

Ein Merkurtransit. Dabei schiebt sich der Planet Merkur vor die Sonne Mit Ihrem Album "Doppelstern" haben Sie für diese Frage eine Steilvorlage geliefert. Wie kamen Sie auf diesen Namen?

Das war eigentlich eine Idee von Justus Köhncke. Ich habe ihm mein Kollabo-Projekt vorgestellt, und er war sofort Feuer und Flamme. Er hat mir mehrere Titelvorschläge geschickt. Da war auch "Doppelstern" dabei. Das war perfekt.

Warum?

Zunächst geisterte der Titel "Kollabs" in meinem Kopf herum, wegen Kollaborationen. Doch das klang viel zu negativ, nach Schwächeanfall und Zusammenbruch. "Doppelstern" passte daher perfekt. Für jedes Stück haben zwei Leute zusammen gearbeitet, ein Teil meines Namens ist darin enthalten, und diese astronomische Konstellation passt auch hervorragend.

Inwiefern?

Doppelsterne ziehen sich für eine gewisse Zeit an und umkreisen sich. Diese Vorstellung hat mir gefallen. Dass man als Musiker eine gemeinsame Zeit in einem Energiefeld verbringt, sich austauscht und daraus etwas Neues entsteht, ist ein schönes Bild. Das war bei diesem Album auch so, denn ich habe mit vielen Leuten zusammen gearbeitet, mit denen ich schon seit Ewigkeiten etwas machen wollte.

Sterne kann man nur sehen, wenn der Himmel nachts dunkel ist. Was bedeutet Ihnen die Nacht?

Die Nacht ist für mich mysthisch besetzt. Ich verbinde sie auch mit Ängsten. Es gibt ja diese Zeit, gegen drei Uhr nachts, wenn man da aufwacht, können einen auch mal dunkle Gedanken übermannen. Andererseits ist eine klare, dunkle Nacht schön. Wir haben eine Wohnung auf dem Land und dort sitzen wir oft draußen und beobachten die Sterne. Der Moment, in dem die Dämmerung hereinbricht und der Sternenhimmel allmählich sichtbar wird, ist besonders magisch. So banal es klingt, aber die Unendlichkeit des Weltalls überwältigt mich. Ich kucke in den Sternenhimmel und sehe Dinge, die eigentlich nicht mehr existieren. Das ist doch unfassbar.

Mit der Arbeit an "Doppelstern" habe ich auch angefangen, mich für die Aufnahmen des Hubble-Teleskops zu interessieren. Das ist ein hochinteressantes Feld. Das sprengt den eigenen Horizont.  

Was Ihre Arbeit als Künstlerin betrifft, sprengt "Doppelstern" auch Horizonte. Jeden Song haben Sie mit einem anderen Musiker produziert. Wie sind Sie an diese herangetreten?

Ich habe mir eine Liste gemacht mit Leuten, mit denen ich gerne etwas zusammen machen würde. Viele kannte ich bereits und ich wusste, dass ich eine Art von persönlicher Verbindung brauche, um überhaupt ein Treffen arrangieren zu können. Andere wie zum Beispiel Lucretia Dalt oder Jacaszek kannte ich noch nicht persönlich. Ich bin aber großer Fan ihrer Musik. Die habe ich dann einfach angeschrieben.

Wie hat sich das Fan sein auf die Zusammenarbeit ausgewirkt?

Ich sehe mich nicht als Fan, der die anderen Musiker auf einen Sockel hebt. Ich entdecke in der Musik von anderen Leuten Überschneidungspunkte zu meiner Musik. Das verbindende Element möchte ich intensivieren. So war das zum Beispiel bei Jacaszek. Er hat großartige Instrumentalalben veröffentlicht. Seine feinen, klanglichen Texturen liebe ich. Ich habe mich oft gefragt, wie sie zusammen mit Stimmen klingen müssen. Da ich einen Chor in Berlin leite (Chor der Kulturen der Welt, die Red.), habe ich ihm eine Zusammenarbeit für ein chorales Werk angeboten.

1991 haben Sie mit "Just 4" ihre erste Band gegründet, 1997 haben Sie mit "Plastikreport" Ihr Debütalbum veröffentlicht. Was können Sie überhaupt von anderen Musikern noch lernen?

Jede Menge. Produktionstechnisch kann ich von anderen Musikern sehr viel profitieren. Da geht es um Fragen, wie man seine Sounds kreiert, wie man sie aufnimmt und abmischt. Deshalb fand ich es auch toll, mit Jacaszek zusammen zu arbeiten. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er seine Soundtexturen herstellt. Das habe ich jetzt live erlebt. Es ist immer eine Bereicherung, aus seinen alten Bahnen auszubrechen und zu erleben, wie andere Musiker arbeiten.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Viele Songs sind zunächst aus einem Gespräch heraus entstanden. So zum Beispiel "Too Much" mit Gudrun Gut und "Lost In A Fiction" mit Richard Davis. Ich kenne ihn noch aus Swayzak-Zeiten und finde ihn als Sänger unheimlich toll. Wir haben den Song gemeinsam entwickelt und haben uns intensiv mit dem Text auseinander gesetzt. Wir sind sehr ins Detail gegangen.

Ist Doppelstern denn ein sogenanntes Konzeptalbum?

Ich hatte kein festes Konzept für das Album. Ich habe mich nicht festgelegt, wie die Stücke sein sollen. Ich wollte tabula rasa, mich sozusagen nackig hinstellen und abwarten, was passiert. Allerdings hatte ich immer auch Ideen und Skizzen als Backup dabei, falls gar nichts passiert. Es kann nämlich auch sein, dass man sich trifft und vor einem Loch steht. Dieses Wagnis bin ich aber gerne eingegangen. Ich finde es spannend, Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Waren Sie dominant oder haben Sie sich von den anderen Musikern auch führen lassen?

Im Grunde waren wir alle gleichberechtigt. Ich wollte auch, dass wir gemeinsam einen Song erarbeiten. Alles andere wäre auch kein richtiges Daraufeinlassen gewesen. Mit T.Raumschmiere war ich von Anfang bis zum Schluss im Studio. Mit Gudrun Gut und Lucrecia Dalt war es eine Art Ping-Pong. Wir haben uns einen Tag hingesetzt, Ideen ausgetauscht, eine Struktur erarbeitet. Dann bin ich nach Hause, habe Gesänge gemacht, die Orgel eingespielt, sie hat weiter an der Struktur des Songs gearbeitet. Nur bei Corey Dargel war es anders. Ihm habe ich einen Track geschickt, er hat darüber gesungen. Das war aber die Ausnahme.

Doppelsterne umkreisen einen Schwerpunkt. Wo liegt auf diesem Album Ihr persönlicher Schwerpunkt?

Auf der Gemeinsamkeit. Ich wollte kein reines Soloalbum aufnehmen, sondern mich auf einen Gemeinschaftsprozess einlassen. Und zwar für jedes Stück wieder neu. Da muss man viel kommunizieren, sich organisieren, sich immer wieder treffen. Man zieht an vielen Strängen gleichzeitig, doch das fand ich reizvoll.

Auf Ihrem Album wirken Sie melancholisch. Sind Sie denn ein melancholischer Mensch?

Ich habe energievolle und melancholische Seiten. Ich changiere zwischen Gas geben und Melancholie. Früher waren viele Veranstalter überrascht, wenn sie mich als Person erlebt haben. Die haben erwartet, dass ich ein ruhiger, zurückhaltender Mensch bin. Doch das ist gar nicht meine Art. Ich rede auch auf der Bühne viel, bin eine laute Person. In der Musik trifft beides Zusammen. Das Nachdenkliche und Zerbrechliche findet sich allerdings eher in meiner Musik. Ich bin sozusagen ein Doppelstern der Gefühle.

Barbara Morgenstern & Justus Köhncke - Übermorgen

Quelle: YouTube


Mehr dazu:


Was:
Barbara Morgenstern
Wann: Freitag, 13. Mai 2016, 21 Uhr
Wo: Slow Club
[Foto: Barbara Morgenstern / Mara von Kummer]