DJanes: Frauen an die Teller

Bianca Fritz

Immer mehr Frauen knacken die einstige Männerdomäne des Discjockeys. "Der Tittenbonus fällt nicht mehr ins Gewicht", erzählt man uns. Wie verschafft man sich als Frau einen Platz an den Turntables? Ein Besuch in der DJane-Schule "rubinia djanes" in Basel.



Auf dem Tisch stehen Kekse und Orangina, dicke Kissen auf der Sitzbank laden zum Hinkuscheln ein. Die meisten der Frauen tragen dicke Schals und Pullover – Hüttenatmosphäre. Doch statt Lagerfeuermusik tönen Drums, Synthie-Bässe und Elektroeffekte aus den Boxen. Laut – aber nicht so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten kann.


Die Musik kommt aus dem offenen Kämmerlein nebenan. Dort legt Nora Züst alias Nova  auf. Die 18-Jährige hat in der ersten festen DJ-Schule für Frauen weltweit, „Rubinia Djanes“ in Basel, ihr Handwerk gelernt. Und ist geblieben.

Sie übt in diesem Keller für große Auftritte, in Bern und im Nordstern in Basel. Demnächst soll sie sogar in Berlin auflegen. Ihre großen blauen  Augen glänzen, wenn sie von ihrem Sound spricht. "Ich könnte nichts anderes auflegen – Minimal Techno kommt bei mir von Herzen", sagt sie und drückt beide Handflächen gegen ihre Brust.



Nova ist eine der Frauen, die man sich gut in Minirock und mit knappem Top am DJ-Pult vorstellen könnte. Dass die Männer  auf ihr Aussehen abfahren, findet sie  aber eher beängstigend und ärgerlich: „Ich trete nur noch in Rollkragenpulli und Jeans auf.“ Was die Männer im Publikum nicht davon abhält „Nova ich will ein Kind von dir“ zu rufen und sich nach dem Auftritt auf sie zu stürzen. „Ich versteh das nicht – es geht doch um die Musik! Nicht um mich."

Die Wände der DJane-Schule hat Leiterin und Gründerin Mithras L. Leuenberger mit Flyern und Zeitungsausschnitten tapeziert. "Positive Frauenbilder" steht über der einen Hälfte: Strahlende oder provokant blickende Gesichter dominieren.  Der weit größere Teil der Wanddeko aber ist mit "Sexismus / Rassismus" überschrieben. Hier sind die Damen leicht und gar nicht bekleidet, häufig schwarz.

"Um die Themen Emanzipation und Frauenrollen kommt man als Lehrerin einer DJ-Schule für Frauen nicht herum", sagt Mithras. Sie legt seit 19 Jahren professionell auf und war eine ersten DJanes in Basel. "Es hat lange gedauert, bis ich als gleichwertiger Teil einer männlichen DJ-Crew angesehen wurde."

Jahre später hat sich die Situation geändert – manche Veranstalter buchen gezielt Frauen. Die Rubinia-Djanes sprechen vom Frauen-Bonus. Die meisten finden es nicht gut, wenn Frauen nur engagiert werden, weil sie weiblich sind,  nicht aufgrund ihres Könnens. Susan Roest alias Sueshi erinnert sich an ihr  erstes DJ-Battle vor acht Jahren – das sie prompt gewann. "Das hatte sicher  damit zu tun, dass ich die einzige Frau war." Aber durch den kleinen Bonus am Anfang wurden viele Veranstalter auf ihr Können aufmerksam. Heute gilt Sueshi als eine der Schweizer DJ-Größen im Bereich Drum & Bass.


Das erste Mal mischte Sueshi zwei Platten im Zimmer ihres Freundes zusammen. Es machte sofort Spaß. Dann trennte sich das Paar. Rubinia-Leiterin Mithras: "Viele Mädchen kommen über ihre Partner zum Auflegen und wenn  die Beziehung zerbricht, hören leider einige auf, weil sie sich das Equipment nicht leisten können. Auch wenn sie Talent gehabt hätten."

Das sei ein Grund, warum Frauen in ihrer Schule nicht nur das technische und musikalische Gespür vermittelt bekommen, sondern es über die Kurse  hinaus einen  festen Ort zum Üben gibt. Seit fünf Jahren existiert die Schule. Die Gründerin weiß von 40  Frauen aus dem Rubinia-Netzwerk, die professionell auflegen. Es sind alle möglichen Charaktere. Eher publikumsscheue wie die 26-jährige Djane Binhtrix, die sich vor allem für die Technik und Musik begeistert, und  ältere, die ihr Können schon mal auf Barfuß-Partys zeigen. Die älteste Kursteilnehmerin war 54 Jahre alt.

Mit dem Phänomen DJanes hat sich Isabel Lorenz 2007 soziologisch in einer  Magisterarbeit beschäftigt. Ihr fiel auf, dass die weiblichen DJs erst seit zirka zehn Jahren sichtbar sind – in Musikzeitschriften, auf Flyern und in Netzwerken. In der Literatur aber werden sie oft nur am Rande erwähnt. Lorenz: "Das ist spezifisch ist für die Position der Frauen in der DJ-Kultur." Das Problem sei, dass DJ-Frauen oft nicht über eine gewisse Schwelle hinaus kommen. Ähnlich wie in der Wirtschaft bleiben Führungspositionen in Männerhand. "Das Networking scheint bei Frauen nicht so gut zu funktionieren  – oder  die DJanes werden auf ihre Weiblichkeit festgelegt und nicht als Künstler gesehen", folgert Lorenz.



Auch Carla Commodore aus Freiburg gehört einem Frauennetzwerk an. Bei "MusikFürMädchens" finden sich DJanes, tauschen sich aus und planen Musikveranstaltungen. Emanzipationsfragen spielen keine Rolle. "Der Tittenbonus fällt nicht mehr ins Gewicht. Anfängern wird auf die Finger geschaut – egal ob Mädchen oder Jungs", sagt die 31-Jährige.

Alexandra Charlotte Clauberg, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, veranstaltet in der Jackson Pollock Bar Freiburg den Beatsalon und den PlasticPopUpClub und legt regelmäßig  dort und im Klub Kamikaze auf.  Den PlasticPopUpClub bringt sie auch nach Hamburg. Mädchen, die Lust auf das DJ-Dasein haben, rät sie,  einfach loszulegen. "Wenn Frauen Autos reparieren können, warum sollten sie nicht in der Lage sein gut aufzulegen?"

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