DJ Hofer66: Von der Bauküche auf die Freibeuterinsel

Bernhard Amelung

Hofer plus 66. Der Name des Freiburger Techno-Pioniers DJ Hofer66 setzt sich aus seinem Geburtsjahr und dem Namen des Südtiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer zusammen. Genauso spannend klingt auch seine Geschichte: 1991 organisierte er seine ersten Technopartys in der Vauban, drei Jahre später verschlug es den DJ nach Ibiza. Ein Portrait.



Wenn man die Keimzelle der Freiburger Technoszene untersuchen will, dann beginnt man am besten in der Bauküche. Vauban 1991. Die französischen Soldaten sind erst vor kurzem abgezogen, die Solarzellen aber noch lang nicht montiert. Umbruchstimmung. Auf dem Gelände befindet sich auch eine leer stehende Industrieküche. Ein kleiner Raum von ungefähr 200 Quadratmetern, unbearbeitet. Die alten Installationen sind noch vorhanden. Hofer 66, 24, stellt Plattenspieler, Mischpult und die Lautsprecher von der hauseigenen Stereoanlage auf die Theke. “Der Laden war reines Do-It-Yourself. Einen Manager gab es nicht. Wir waren etwa fünf Leute, unter anderem der Frank (DJ Beyond) und der Tobi (Mr. Tentacles). Organisiert kann man das nicht nennen. Wir legten einfach los.” Die Technoparty begann.


Der Losleger - also Hofer 66 - heißt eigentlich Andreas Michael Simon. Er ist inzwischen 43 Jahre alt und sitzt uns auf der Terrasse eines Wiehremer Altbaus gegenüber. Ein Athlet, groß, braungebrannt, Grauschimmer an den Schläfen. Simon hat in Freiburg Graphikdesign studiert und war Anfang der 1990er Jahre maßgeblich daran beteiligt, die damals noch unbekannte Jugendkultur Techno im Südbadischen zu etablieren. Zum Beispiel in der Bauküche, aber auch im Emmendinger Oktan.

"Der Sound dort war etwas härter", erinnert sich Andreas. Und die Deko bombastisch. Ein alter MIG-Kampfbomber. "Die Leute tanzten auf den Tragflächen und ich hatte jedes Mal Angst, dass die abbrechen. Aber da ist nie was passiert. Lag wohl an der Qualitätsproduktion der Sowjets.” Ein weiterer Brutkasten der Szene war das Fass, eine alte Kneipe in der Wiehre. “Dort fanden die Afterhours statt. Erst ging's die Nacht durch, am Schauinsland oder am Opfinger See, dann liefen wir im Fass ein. Dort ging's weiter bis Sonntagnachmittag. Alles selbst organisiert. Die Anlage mussten wir immer anschleppen.” Drei, vier Jahre lang rumpelt's im Fass. Ohne Genehmigung. Ohne Anwohnerstreitigkeiten. Undenkbar im Freiburg anno 2009.

“Anfangs lief das einfach”, sagt Simon. “Behörden und Polizei kamen erst später ins Spiel. Beide Seiten begegneten sich zunächst mit unschuldiger Naivität. Feiern in dieser Form kannte man ja bis dato nicht. Niemand hatte richtig Erfahrung und für Polizisten war Ecstasy erst recht ein Fremdwort. Hauptsache, alles blieb friedlich. Daran hat sich eigentlich jeder gehalten.” So kommt es, dass etwa bei unangemeldeten Tunnelpartys die Polizei nur kurz vorfährt, einen prüfenden Blick auf das Treiben wirft und wieder von dannen zieht. Heutzutage unvorstellbar.



Bauküche, Fass und auch die legendären Partys am Rhein zeigen, dass sich der Mythos einer Location nicht künstlich erzeugen lässt. Er muss organisch wachsen. Aber wie lassen sich genügend Leute für diesen Wachstum zusammentrommeln -  in einer Zeit, als es Internet und Facebook noch nicht gab? “Wir waren sehr gut vernetzt, aber eben nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Höchstens noch Telefon. Flyer und Plakate hat kaum jemand angefertigt, und wenn, dann nur eine Handvoll.”

Dass der in Deutschland erfolgreiche Graphikdesigner Simon 1994 nach Ibiza umzog, hat auch ein wenig etwas mit seinem Spitznamen zu tun. “66 ist mein Baujahr und Hofer kommt von Andreas Hofer, dem Südtiroler Freiheitskämpfer”, sagt Simon. Seine Mutter stellte nach einem chaotischen Skiurlaub mit ihrem rebellischen Sohn diesen Vergleich an. Im liberalen Ibiza suchte er seine neue Heimat.

"1984 hatte ich auf der Insel meinen ersten House-Track gehört, wahrscheinlich ein Stück von Marshall Jefferson. 1989 sah ich dann im Ibizenker Club Amnesia Adamski live. Das war für mich die Nacht der Nächte. Diese positive Energie der Musik, die Melodien und der hypnotisierende Groove. Ich wusste: das ist es." Die Initialzündung für Simons DJ-Aktivitäten katapultierte ihn, in der Rückschau betrachtet, an ihren Ursprung zurück: Ibiza.

Zum einen bringt er dort heute "dubibiza" heraus, ein saisonal erscheinendes Magazin, in dem es um Clubkultur und Lifestyle der Insel geht. Zum anderen ist er DJ und bestreitet, auch mit Freunden, seine wöchentliche Clubnacht "Sense". Zweimal wöchentlich führt er in Radiosendungen durch die Geschichte der elektronischen Musik. Was macht für ihn nach all den Jahren den Reiz dieser Insel aus? Nicht wenige werfen ihr ja partytechnisch den kommerziellen Ausverkauf vor.



“Du musst diese Insel wenigstens einmal gesehen haben. Ibiza ist ein Schmelztiegel von Menschen, die du nirgendwo sonst in dieser Konzentration triffst. Geistige Freiheit! Die Ibizenker sind sehr aufgeschlossen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Ibiza eine Freibeuterinsel war.” Dennoch will Simon den Kommerz nicht verleugnen. “Wenn du im Juli und August zum ersten Mal die Insel besuchst, besteht die Gefahr, dass du sie abstoßend findest. Es werden rund zwei Millionen Menschen abgefertigt. Da wird viel Geld bewegt, was zwangsläufig zu Abstrichen bei der Qualität führt.”

Spät ist es geworden. Simon hat während seiner leidenschaftlich vorgetragenen Erzählungen ganz vergessen, das Bier leer zutrinken und die Zigarette aufzurauchen. Nun muss er den Balkon in der Wiehre verlassen. Die Arbeit ruft. Wenig später steht er in der Kanzel des Freiburger Clubs 18 Months und legt Techno auf. Einmal dreht er die Bässe raus und streckt die Arme in die Luft. Nach 30 Sekunden der Spannung lässt er das Bassgewitter auf den Partymob los. Ekstase. Simons Augen glänzen. Es liegt ein Geheimnis in diesem Blick. Vielleicht ist es dieser Bauküchen-Spirit.

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