Discobesuch mit Behinderten: Geschichte einer Abweisung

David Weigend

Das ist Mirjam Rütschi aus Merzhausen. Die 20-Jährige wollte vergangene Woche mit ihrer Schwester Stefanie und einigen anderen Schülern ins Kagan und den Schulabschluss feiern. Rein kamen sie nicht. Ob dies an der Tatsache lag, dass Stefanie geistig behindert ist oder ob es einfach nur zu voll war, darüber gehen die Ansichten auseinander. Ein Klärungsversuch.



 

Die Sicht der Abgewiesenen

Es ist eine Geschichte, die ganz anders klingt, je nachdem, aus welchem Mund man sie hört. Sie handelt von einer Gruppe geistig behinderter Schüler, die ihren Schulabschluss im Kagan feiern wollte und letztlich abgewiesen wurde. Aber der Reihe nach.

Donnerstag, der 29. Juli 2010, ist der letzte Schultag von Stefanie Rütschi. Sie ist 18 und besucht die Bregtalschule, ein Internat für Behinderte in Furtwangen. „Stefanie ist seit ihrer Geburt geistig behindert. Sie kann nicht richtig sprechen und hat Missbildungen“, sagt Mirjam, ihre 20-jährige Schwester, die vergangenen Donnerstag dabei war.

Nachmittags gab es Zeugnisse in Furtwangen, danach aßen die Schüler Kuchen. Um 19.30 Uhr fuhr eine Gruppe der Schüler nach Merzhausen, wo die Rütschis wohnen. „Meine Mutter hat für alle Sekt vorbereitet, die Stimmung war super“, sagt Mirjam. Auch, weil sich die acht Schüler schon seit Wochen auf ihren letzten gemeinsamen Abend gefreut haben: endlich zusammen in der Disco feiern.

Die Gruppe, die um 20.45 Uhr in einem Kleinbus zum Kagan Club aufbricht, besteht aus zwölf Personen: Acht Schüler, die entweder eine geistige Behinderung oder Probleme mit dem Lernen haben, ein Lehrer, ein Zivildienstleistender, Mirjam und ihre Freundin. „Ich war schon oft mit diesen Jungs und Mädels unterwegs, im Landschulheim zum Beispiel. Wir verstehen uns prima“, erzählt Mirjam. Extra früh seien sie losgefahren, um auf jeden Fall reinzukommen in den Club. Zuerst Cocktailhour und ab 22 Uhr „Students Bounce Club“, so hatten sie es dem Programm entnommen.

Als ein Mitarbeiter des Clubs die Gruppe ins Erdgeschoss hineinkommen sieht, sagt er zu ihnen: „Sorry, geschlossene Gesellschaft.“ Nachdem Mirjam dem Angestellten erklärt, wie lange schon sich die Schüler auf diesen Abend gefreut hätten, sagt dieser gönnerhaft: „Machen wir eine Ausnahme. Wir begleiten euch für zehn Minuten nach oben in den Club, dann könnt ihr mal den Ausblick genießen.“



Die Gruppe wird hochgelotst in den 18. Stock. Im Club sitzen nur vereinzelte Stammgäste. Die Schüler stehen an den Fenstern, schauen sich um, verhalten sich ruhig. Allein ein autistischer Junge geht ein wenig im Club herum und sieht sich die leere Tanzfläche an. „Hol’ den bitte gleich zurück!“, habe einer der Angestellten zu Mirjam gesagt. „Ich kam mir vor wie ein Zoowärter, der wilde Tiere in Zaum halten soll“, erzählt Mirjam. Wie vereinbart, beendet sie mit den anderen wieder den Schnupperbesuch in der Diskothek. Unten sagt ihnen ein Türsteher noch: „Ihr könnt um 23 Uhr wiederkommen, dann ist Einlass für alle, öffentliche Party.“

Die Schülergruppe geht hinüber ins Baltino, trinkt etwas und kehrt um 23 Uhr zurück zum Kagan, um sich dort in die Warteschlange einzureihen. Nach kurzer Zeit kommen drei Türsteher gezielt auf Mirjam und die anderen zu. Laut Mirjam spielt sich dann in etwa folgender Dialog ab:

Türsteher: „Ihr könnt hier nicht rein. Das können wir nicht verantworten.“
Mirjam: „Warum? Die Verantwortung über die Gruppe haben wir, vier Betreuer. Es ist nicht das erste Mal, dass wir mit den Schülern abends unterwegs sind.“
Türsteher: „Es ist sehr voll da oben. Ihr werdet da keinen Spaß haben.“
Mirjam: „Ich weiß schon ganz gut, wann die Schüler ihren Spaß haben. Ich war mit meiner Schwester schon oft im Jazzhaus oder im Agar. Das waren tolle Abende.“
Türsteher: „Trotzdem, es geht nicht.“



Mirjam akzeptiert die Abweisung und sagt den anderen, dass sie keinen Einlass bekämen. Verena, eine lernbehinderte Schülerin, schaut Mirjam ungläubig an und sagt: „Warum dürfen alle rein, nur wir nicht?“ Verena deutet auf eine Gruppe von Menschen, die hinter ihnen in der Schlange standen und nun problemlos reinkommen. Mirjam weiß nicht, wie sie das Verena erklären soll. Auch der Lehrer ist ratlos. Die Schüler sind enttäuscht.

Der Zivi, der dabei ist, sagt, man könne ja in die Mensabar gehen, da finde eine Party von PH-Studenten statt. Tatsächlich findet der Abend einen versöhnlichen Ausklang: Die Leute am Einlass der Mensabar sind sehr freundlich, gewähren der Gruppe kostenlosen Eintritt und ermuntern sie zum Tanzen.

Die Sicht des Clubbetreibers

Als wir die Geschichte Dominik Dilger erzählen, der das Kagan mit Peter Bitsch leitet, ist das erste, was er sagt: „Das Ganze ist nicht schön gelaufen. Aber der Vorfall hat sich aus unserer Sicht ganz anders abgespielt.“

Dilger meint, vergangenen Donnerstag um 23 Uhr habe sich vor dem Club an der Bismarckallee eine 200 Meter lange Schlange wartender Menschen gebildet. Es sei absehbar gewesen, dass das Gros der Wartenden nicht mehr reinkommen würde, da es wegen der Überfüllung im Club einen Türstop gegeben habe. Teilweise hätten Partywillige bis um 3 Uhr morgens vor dem Club auf Einlass gewartet, mit überschaubarem Erfolg.



Die Tatsache, dass andere Menschen aus der Warteschlange reingekommen seien, Mirjams Gruppe jedoch nicht, erläutert Dilger so: „Unsere Gäste mit Clubkarte kommen bei uns generell rein, sogar über den roten Teppich. Außerdem gab es Leute, die im Vorfeld reserviert hatten. Die bekamen auch Einlass.“ Die Türsteher seien nicht nur zu Mirjams Gruppe gegangen, um sie zum Gehen zu bitten, sondern auch zu anderen. „Wir können in solchen prekären Situationen keine Ausnahmen machen“, so Dilger.

Er betont, dass die Abweisung an der Tür keineswegs mit der Behinderung der Abgewiesenen zu tun gehabt hätte. „Bei uns ist jeder herzlich willkommen, natürlich auch Behinderte. Es kommt allein auf den Dresscode an, und der war bei besagter Gruppe ja in Ordnung.“

Dilger meint, die ganze Situation sei vermeidbar gewesen, wenn Mirjam die immerhin zwölfköpfige Gruppe angemeldet hätte. „Das ist bei größeren Gruppen bei uns ja auch Usus.“ Zum Schluß zitiert der Leiter des Kagans aus einer e-Mail, die der erboste Vater eines abgewiesenen Schülers noch in selber Nacht an ihn geschickt hatte. Der Tenor: Den Clubbetreibern seien behinderte Gäste offenbar nicht genehm, sie könnten ja „andere Leute stören oder vergraulen.“ Der Absender verabschiedet sich mit der Grußformel: „In diesem Sinne: Fahrt zur Hölle!“ Dilger findet diese Verdächtigung dumm, den Tonfall primitiv.

Kein versöhnliches Ende also im Fall einer Abweisung, die von den Abgewiesenen vielleicht falsch interpretiert wurde. Ein leicht bitterer Beigeschmack bleibt. Man hätte den Türstehern, die natürlich auch in einer Stresssituation waren, ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gewünscht, zumindest bei der Erklärung, warum ein Einlass nicht möglich sei. Wir wünschen Mirjam und ihrer Schwester Stefanie jedenfalls, dass sie so schnell nicht mehr in solch eine unangenehme Situation kommen werden.

[Fotos: Weigend, Rock, Kagan via Facebook]

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