Dirt Bike - Rückwärtssaltos und Mittelhandbrüche

Anselm Müller

Man muss Schmerzen haben, um das Leben zu spüren. Das ungefähr ist das Motto, das die so genannten Dirtbiker beherzigen. Anselm war auf dem Dietenbachgelände, um sich mal anzuschauen, was die Extrem-BMX-Fahrer dort alles so treiben:



Michael (30), Student der Sozialpädagogik, der im Dirtbikepark nur Kulla genannt wird, hat sich schon mehrmals die Schulter aus- und selber wieder eingerenkt. "Verletzungen habe ich eigentlich nur aus Dummheit gehabt, bin ohne Schienbeinprotektoren gefahren und hab' mir die Kniee aufgerissen", sagt er. Er fährt BMX, seit er 14 Jahre akt ist; Dirtbike seit mehr als vier Jahren. "Ich fahr alles, außer Flatland, dass kann ich im Greisenalter ausprobieren."




Mit Helm und kurzer Streethose sitzt er auf seinem 20 Zoll BMX. Auch den Bike Marathon in Furtwangen fährt er mit seinem kleinen BMX-Rad. "Dieses Jahr ist es das dritte Mal und ich bin nie Letzter gewesen", sagt er. "Wenn ich Downhill fahre, überhole ich die meisten Mountainbikes, dass liegt vor allem an meinem niedrigeren Schwerpunkt.”

Vorsicht Bodenwellen!

Ein silbriger Zaun umzäunt das Dietenbachgelände. Kommt man durch das Tor, erwarten den Besucher auf der linken Seite ein Quarter (Half-Pipe mit nur einer Seite) und auf der anderen Seite eine Holzpipe. Auf dem Weg zur Startrampe kommt man an einer Feuerstelle vorbei. Zur Startrampe führt ein kurzes Treppenstück. Die einzigen Schilder sind ein Einbahnstraßen- und ein "Vorsicht Bodenwellen"-Schild. Ansonsten gibt es nur Ramps, Hügel und Steilwandkurven.

Die Dirtbiker tragen entweder Radfunktionskleidung oder Streetwear (halblange Hosen / T-Shirts) und Helme und Protektoren (sind Pflicht!). “Was für mich die Faszination des Dirtbikens ist? Das ist wie mit einem Rückwärtssalto vom Fünf-Meter-Turm im Schwimmbad. Man weiß nie, wie das unten ausgeht", sagt Michael. "Das Geilste sind einfach das Fliegen und die Sprünge und das Austesten der eigenen Geschicklichkeit.”



Auch Andre, 25 Jahre Krankenpfleger im Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen, sieht die Faszination des Dirtbikens im Grenzen austesten. Er ist erst seit kurzem Mitglied im Dirtbikepark. Gekommen ist er, um Leute kennen zu lernen, was sehr schnell passiert, da die Dirtbike-Community ein offenes Völkchen ist, das Fremden offen und freundlich gegenübertritt.

Viele der Mitglieder beschränken ihre Aktivitäten nicht allein auf den Park. Manche von ihnen freeriden auch in der Stadt (Busbahnhof oder im Rieselfelder Skaterpark). Freeriden nennt man Kunststücke und Sprünge machen in urbanen Gegenden (keine angelegten Parks). Jedoch sind die beiden Gruppen der Dirtbiker und Skater eher getrennt. “Die schauen schon etwas komisch, wenn man zu ihnen in den Skatepark im Rieselfeld kommt”, sagt Michael. “Für mich ist das kein Problem, da ich viele der Jungs kenne”, sagt er. Auch Hendrik, 20 Jahre, fährt häufig in der Stadt. “Beim Spot am Busbahnhof bin ich öfters oder auch am Karlsplatz.” Es sei oft ein langer Weg, bis man einen Trick könne, aber die Freude danach sei umso größer, sagt er.

Das Können von Tricks sowie die Geschicklichkeit, um sie auszuführen, ist der größte Antrieb der Dirtbiker. Ein zweiter ist auf jeden Fall der Nervenkitzel und das Adrenalinfeeling. “Ja, Verletzungen habe ich auch einige gehabt, bei mir haben meist die Hände gelitten. Und mehrere Verstauchungen und einen Mittelhandbruch habe ich mir in meiner fünfjährigen Karriere zugezogen”, sagt Hendrik. Der Mittelhandbruch war Ergebnis eines Sprunges über die erste große Rampe im Dirtbikepark. “Ich bin über den Lenker abgestiegen und ungünstig aufgekommen." Auch Kulla hat seine Probleme mit dieser Rampe. “Da habe ich bis jetzt noch nicht den Mut gehabt. Ich springe zwar die andere Rampe, die genauso groß ist. Bei der ist aber ebener Boden untendrunter. Bei der anderen klafft da nur ein großer Graben. Dirtbiken hat auch sehr oft was mit Psychologie zu tun.”

Methusalem mit 51 Jahren

Ingvar und Karl Herrling, die beiden Brüder und Onkels von Hendrik sind die mit Abstand am ältesten Dirtbiker. Karl ist 51 und Ingvar 38. “Hier haben wir alles selber gebaut”, sagt Karl und zeigt auf den Dirtbikepark. Zusammen mit Sponsoren haben sie Rampen, Gräben, “Steilwandkurven” und eine Pipe aufgestellt. “Für den Bau braucht man ein gewisses Wissen, man sollte einschätzen können, wie steil eine Rampe sein kann.” Am Anfang waren es fünfzehn Leute, heute sind insgesamt 70 Mitglieder registriert. “Der Reiz am Dirtbiken ist das Erfinden und Erlernen von anspruchsvollen Sprüngen”, sagt Ingvar.

Ingvar betreibt seit drei Jahren ein Dirtbike und Motorroller-Geschäft in Waldkirch-Kollnau. Auch er hat eine kleine Horrorgeschichte in Bezug auf Verletzungen parat. “Ich habe mir den Meniskus gerissen, als ich aus vier Metern Höhe neben einer Pipe auf Beton aufgekommen bin.”



“Es ist einfach ein schlecht beschreibbares Feeling, das die Faszination des Dirtbikens ausmacht”, sagt Karl, fährt los und nimmt die “Todesrampe 1”, die Hendrik zum Verhängnis wurde. Er fährt von der Startrampe runter, tritt schnell und schneller, düst auf die Rampe zu. Als er abspringt, geht er aus dem Sattel und zieht den Lenker hoch. Die Schnelligkeit katapultiert in drei bis vier Meter hoch. Dies ist wohl das Gefühl, dass hier alle nicht in Worte fassen können. Diese kurzen Sekunden, in welchen die Dirtbiker durch die Luft fliegen. Gekonnt kommt Karl auf der hinteren Rampe an und hat den drei meterlangen Graben übersprungen.

Der Musikgeschmack der Dirtbiker ist nicht homogen. Manche von ihnen hören Rock (Metallica), Punk (Offspring) oder deutschen Hip-Hop. Das jüngste Mitglied der Gruppe ist elf, das älteste 51. Allen gemeinsam ist die Lust am Testen der eigenen Geschicklichkeit und der Spaß, durch die Luft zu fliegen. Dies können sie dreimal die Woche (Dienstag, Donnerstag, 17 Uhr, Samstag: 14 Uhr). Dirtbike ist ein Sport, den jeder erlernen kann, solange er Geduld und ein bisschen Geschicklichkeit mitbringt. Wer einfach nur mal gern zusehen will, ist gerne eingeladen, die offenen Trainings zu besuchen. Wer aber langfristig biken will, muss Mitglied werden bei der SG Weingarten (Kosten jährlich für Jugendliche und Kinder bis 17 Jahren: 48 Euro, für Schüler und Studenten und Zivis ab 17 Jahren: 60 Euro).

Fotos von: www.deibert.biz