Dirk Bersch: Hübsch erlebt, schön geschrieben

David Weigend

fudder-User, die schon länger dabei sind, werden es noch kennen: das "Hübsch leben"-Blog von Dirk Bersch. Nun hat der 38-Jährige ein lesenswertes Buch daraus gemacht. Nächsten Montag liest er daraus im White Rabbit. Ein Griff in die Speichen der rasenden Welt.



Könnte nicht jeder so ein Buch schreiben? Über Erinnerungen, die man in der Rumpelkammer des Gehirns verräumt, in Kisten mit der Aufschrift: „Besser vergessen“. Zum Beispiel das Gebaren bei der ersten Stehblues-Party: „Arme wurden verlegen gegen Decke gestreckt und unschuldig auf die Schultern der Sitznachbarin herabgelassen.“ Die Bewerbung um einen Ferienjob bei einem Zahnpastahersteller: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich als Aronal-Fetischist und Elmex-Süchtiger würde gerne“ Der Blick auf den Schreibtisch des alternden Vaters: „Neben seinem Aldi-Computer liegt eine handgeschriebene Liste der Klicks, mit denen er ein Word-Dokument öffnen und abspeichern kann.“


Randerscheinungen. Aber doch Details, die das Leben zusammenbauen. Dirk Bersch, 38, Deutsch- und Sportlehrer am Friedrich-Gymnasium in Freiburg, hat solche Szenen aufgeschrieben. Er findet, und da ist er nicht der Einzige, dass der Alltag seine Berechtigung in der Literatur hat – sofern es dem Autor gelingt, ihn so genau darzustellen, dass der Leser sich wiedererkennt. Der Autor stoppt den Fluss des Nebenbei-Erlebten, der Jahr für Jahr an uns vorbeiblubbert, fertigt ein Standbild davon an. Dann zoomt er hinein. Ein Griff in die Speichen der rasenden Welt. Der kann auch wehtun, so wie das Leben auch.



Diese Herangehensweise haben Autoren wie Jörg Fauser („Rohstoff“) und Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) salonfähig gemacht. Bersch wendet sie vor allem an, wenn er seine ersten Beziehungen zu Mädchen und Frauen beschreibt. Die Idee, seine Mannwerdung anhand von Flirts, Partnerdialogen und Trennungen zu zeigen, ist nicht eben neu. Und man kann in diesem scheinbar einfachen Sujet sehr leicht in den Tümpel der Peinlichkeit abrutschen, wie etwa die jüngste Veröffentlichung von Hellmuth Karasek zeigt.

Bersch landet nicht im Tümpel. Denn er legt immer wieder mal ein Brikett Aufrichtigkeit nach. Den Mechanismus der Langeweile, die in einer Beziehung nach dem Abflauen des ersten Liebessturms gern einsetzt, dröselt Bersch mit der Hingabe eines Freizeitschraubers auf, der nachschauen will, warum der Roller nicht mehr läuft. Er findet die Fehler zum Beispiel, wenn er die abflachenden Gespräche beschreibt, die seine Freundin Kirsten und er an einemträgen Sonntag am Baggersee führen.

Seine Gabe, passende Metaphern zu finden, hätte selbst Joseph Roth zum Schmunzeln gebracht. Ein Talent freilich, das gutes Erinnerungsvermögen voraussetzt. „Genau das fällt mir aber verdammt schwer“, sagt Bersch. „Wenn einer meint: Setz’ dich an den Computer und schreib übers Erwachsenwerden, funktioniert das nicht. Deswegen bin ich dankbar, wenn ich mal eine Erinnerung habe.“ Die komme am liebsten in einer Déja-vu-Situation. Plötzlich sei alles wieder da. Tacktacktack. Wie bei einer Foto-Lovestory in der Bravo.

Zum Beispiel steht Bersch in einem Club und beobachtet Jungs, die Mädchen antanzen. „Das scheint ohnehin die neue Form von gesellschaftlich akzeptierter Nötigung zu sein. Die Auserwählte an den Hüften packen und sich in Juanes-Manier um sie herum schwengeln. Während sie den hippen Seitschwenk erwartet, immer schön mit stetem Beckendruck nach vorne.“

Bersch sieht diese Szene und erinnert sich: „Das war früher komplett anders. Uns Jungs haben keine zehn Pferde auf die Tanzfläche getrieben. Da war’s cool, am Rand zu stehen und den Mädels zuzugucken.“ Im Kapitel „Balzplatz ohne Tore“ beschreibt er, wie er sich als Lörracher Halbstarker dann doch in der Kleinstadt-Disco Podium auf der Tanzfläche zum Narren macht. Überhaupt spielen viele Szenen aus dem Buch im Dunstkreis von Feiern und Partys. Bersch über seinen Nebenjob als Zigaretten-Promoter: „Dass ich (…) eine Adressliste von den wirklich steilsten Raucherinnen der Stadt anlegen konnte, sei hier nicht verschwiegen.“

Man fragt sich in einem moralinsauren Moment, wie seine Schülerinnen und Schüler auf solche Informationen reagieren. Sollen sie das lesen, wenn ihr Lehrer schreibt, wie er als 15-Jähriger mit seinem Kumpel Frauen in ein Punkteschema für ihre Optik einordnete („Bauch-Zehn, Titten-Zwei, Gesichts-Fünf“), Testosteron-Bekenntnisse eines Vorstadtmachos? Gut, das ist jetzt 25 Jahre her und die pubertäre Norm. Aber bleibt da nicht ein Gschmäckle?



Bersch sagt, er habe sich bei der einen oder anderen Passage schon gefragt, ob sie zur Veröffentlichung geeignet sei. Am Ende stand aber stets die Feststellung: „Das sind keine Sachen, für die ich mich schämen muss.“ Bersch habe in den vergangenen zehn Jahren als Lehrer vor allem gelernt: Es gibt nichts Schlimmeres, als sich zu verstellen. Authentizität siegt, auch in der Literatur.

Glaubwürdig ist das Buch, weil es das Entscheidende nicht verschweigt. Beziehungsweise das Ausbleiben des Entscheidenden: Die verschlafene Silvesternacht. Das falsche Kompliment. Der gescheiterte Beischlaf. Die Sekundenliebe und die verpasste Chance: ein Gesicht, das der Autor hinter der Scheibe einer Prager Straßenbahn sieht, der Funken, der in diesem Augenblick-Kontakt überspringt und die Lähmung, die den Mann daran hindert, dem Tram bis zur Haltestelle um die Ecke hinterherzulaufen, einzusteigen und die perfekte Liebesgeschichte daraus zu machen. Es ist dies der Moment, in dem eine hübsche Geschichte zu einer schönen hätte werden können. Aber das meiste in unserem Leben bleibt eben doch nur: Hübsch.

Mehr dazu:

Dirk Bersch: Hübsch. Anekdoten, Kolumnen, Wortfetzen. ISBN 978-3-8370-8419-1, Books on Demand 2009, 180 Seiten, 14,90 Euro. Zu bestellen bei Libri und Amazon
Das Buch wird man natürlich auch bei Dirks Lesung kaufen können:

Was: Hübsche Lesung mit Dirk Bersch und Live-Musik von Juliacoustic
Wann: Montag, 8. Februar, 20 Uhr
Wo: White Rabbit Club, Leopoldring 1
Eintritt: 5 € (ermäßigt 3 €)