Digitale Dilemmata – was tun, wenn der Chef mich auf Facebook added?

Jana Luck

Manche Probleme haben wir erst durch das Internet und die Sozialen Medien bekommen: Unsere Experten geben Antworten auf Fragen, die vor 20 Jahren noch niemand hatte.

Ein Leben ohne Internet, Snapchat, Facebook und Whats-App wäre möglich – aber langweiliger und anstrengender. Doch manchmal schaffen das Netz und seine Netzwerke Probleme – vor allem zwischenmenschliche. Was raten die Experten?


Ich habe gerade einen neuen Job angetreten. Muss ich die Freundschaftsanfrage meines neuen Chefs auf Facebook annehmen?

Pia Frey: "Alles darf, nichts muss. Es gibt Einstellungen auf Facebook, mit denen man filtern kann, wer deine Posts zu sehen bekommt. Da könnte man dem Chef natürlich pikante Sachen vorenthalten – das ist aber ziemlich umständlich. Ich bin deshalb strikt gegen die Annahmepflicht von Vorgesetzten auf Facebook. Die Chefs werden es verzeihen."

OMG, ich habe den Freund meiner Freundin auf Tinder gesehen! Was soll ich tun?

Julia Kanthak: "Ich würde natürlich direkt einen Screenshot machen und den an meine Freundin senden. Ich finde es ziemlich wichtig, dass sie davon schnellstmöglich erfährt – ich würde es auch wissen wollen, wenn sie meinen Freund auf Tinder sehen würde. Dann würde ich mir das Profil angucken um zu sehen, was er so geschrieben hat, damit ich ihr das erzählen kann. Dann würde ich den Freund matchen oder den Superlike-Button setzen, damit er weiß, dass ich ihn gesehen habe und ihn beobachte. Mehr würde ich nicht machen – schließlich ist das ja dann ihre Beziehungssache."

Ein Kumpel hat vor ein paar Monaten damit angefangen, andauernd Fake-News und Verschwörungstheorien auf Facebook zu posten. Was soll ich tun – ihn ausblenden, oder ihm immer wieder erklären, dass er falsch liegt?

Michael Butter: "Das ist generell nicht leicht zu beantworten. Es hängt einerseits sicher vom Verhältnis zum Freund ab und andererseits von der Art der Fake News oder Verschwörungstheorie. Nicht alle Verschwörungstheorien sind gleich problematisch. Manche sind weitgehend ungefährlich und sogar amüsant, andere dagegen können sehr gefährlich sein, vor allem wenn sie rassistische, sexistische oder antisemitische Elemente enthalten. Das sind die Fälle, wo man sicher gerne einschreiten würde.

Das ist aber auch nicht ganz leicht, denn man müsste einschätzen können, wie sehr der Freund von der Verschwörungstheorie überzeugt ist. Wenn er das nicht so sehr ist, kommt man mit Argumenten und dem Verweis auf die eigentlichen Fakten oft sehr weit. Wenn er aber sehr überzeugt ist, bringt das meist wenig. Empirische Studien haben sogar gezeigt, dass Verschwörungstheoretiker noch stärker an ihre Theorien glauben, nachdem man sie mit überzeugenden Gegenbeweisen konfrontiert hat.

In so einem Fall ist es daher besser, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern zuzuhören, nachzufragen und im Dialog auf Ungereimtheiten hinzuweisen. Ob das klappt, ist allerdings mehr als fraglich. Eine andere Variante wäre, aus dem Stehgreif eine vollkommen absurde Verschwörungstheorie zum Thema zu entwickeln. Getreu dem Motto: ’Du kratzt ja nur an der Oberfläche’."

Muss man die WhatsApp-Funktionen "Gesehen" und "zuletzt online" einschalten, weil sich Mama/der Freund/die Freundin das wünschen?

Pia Frey: "Die Angaben, wann jemand zuletzt online war oder eine Nachricht gesehen hat, werfen in der Regel eher Fragen auf. Meine Mutter fragt zum Beispiel besorgt, warum ich Dienstag früh um viertel vor fünf online war. ’Hast du Schlafstörungen?’ In einer Beziehung ist gleich Krisenmodus: ’Warum antwortest du nicht, wenn du meine Nachricht gelesen hast?’ Die Funktionen können aus bleiben. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß."

Mein Kumpel hat mir eine Verabredung abgesagt. Ein paar Stunden später sprang er in den Party-Snaps einer Freundin herum. Und jetzt?

Julia Kanthak: "Das geht gar nicht. Wenn man schon so dämlich ist, und eine Verabredung wegen eines anderen Treffens absagt, dann sollte man das bitte wenigstens heimlich tun. Nämlich so, dass die Person, der man abgesagt hat, das auf keinen Fall mitbekommt. Deswegen würde ich erstmal ziemlich sauer sein. Die Gegenmaßnahme würde ich dann wahrscheinlich ironisch aufziehen und den Kumpel fragen: ’Wie war denn der Abend?’, oder ’Wie war es auf der Party?’ Alternativ kann man ihm natürlich auch eine Snapchat-Story schicken, die zeigt, was man selbst an dem Abend unternimmt. Und beim nächsten Mal würde ich es mir wirklich zweimal überlegen, bevor ich mich noch mal mit ihm verabrede."

Meine Freunde und ich sind uns nicht sicher: Darf man Leute in der Öffentlichkeit snappen? Zum Beispiel jemanden, der in der Tram etwas total Seltsames oder Lustiges macht?

Boris Paal: "Für die Anfertigung von Fotografien in der Öffentlichkeit gilt: Grundsätzlich dürfen Andere auch ungefragt fotografiert werden. Anders verhält es sich, falls die Person in einer demütigenden oder peinlichen Situation abgelichtet wird, beziehungsweise davon ausgehen durfte, in einem privaten Moment nicht beobachtet zu werden. Unter Umständen kann das Fotografieren in diesen Fällen sogar strafbar sein. Von der bloßen Anfertigung klar zu unterscheiden ist die Verbreitung von Fotografien, also zum Beispiel das Verschicken über Snapchat oder auf anderem Wege: Die Verbreitung eines Bildes – und sei dieses technisch auch nur für eine kurze Zeit für den Dritten verfügbar – ist grundsätzlich nur mit der Einwilligung des Abgebildeten möglich. An einer solchen Einwilligung wird es regelmäßig fehlen, wenn Personen ungefragt fotografiert werden. Von diesem Grundsatz bestehen enge Ausnahmen, so etwa unter bestimmten Voraussetzungen bei Prominenten – "normale" Straßenbahnnutzer werden zumeist nicht in diese Kategorie fallen."

Meine Eltern nerven mich auf Whats-App mit Kettenbriefen. Was soll ich machen?

Julia Kanthak: "Meine Mutter schickt mir tatsächlich Kettenbriefe. Ich ignoriere das eigentlich die meiste Zeit. Ich habe ihr schon ein paar Mal gesagt, dass sie mir bitte keine mehr schicken soll, weil das echt nicht cool ist. Aber sie macht’s trotzdem. Manchmal schicke ich Screenshots an Freunde oder den Kettenbrief im Spaß weiter und schreibe dazu, ’Meine Mutter hat mal wieder einen Kettenbrief gesendet’. Ich habe meine Mutter schon mal gefragt, was denn passiert, wenn ich die Briefe nicht weitersende, aber darauf wusste sie auch keine Antwort. Man könnte den Eltern auch einfach die Kettenbriefe tausendfach zurück senden und sie dann so damit nerven."

Einmal falsch auf den Bildschirm getippt, und da war es passiert: Ich habe einen sexy Snap an meinen Ex verschickt! Kann der mit einem Screenshot davon jetzt machen, was er will?

Boris Paal: Allein durch die Übersendung eines Bildes erwirbt der Empfänger grundsätzlich keine Rechte an dem Bild. Vielmehr kommt es auch in dieser Konstellation vor allem auf die Einwilligung der fotografierten Person an – und womöglich auch auf die des Fotografens als Urheber. Die erforderliche Einwilligung kann stillschweigend und auch nur für eine bestimmte Zeit erteilt werden. So hat der Bundesgerichtshof als das höchste deutsche Zivilgericht unlängst geurteilt, dass eine innerhalb einer Beziehung erteilte Einwilligung betreffend sehr intime Aufnahmen zumindest stillschweigend zu begrenzen ist auf die Dauer der Beziehung. Nach dem Ende der Beziehung waren die Bilder demgemäß zu löschen." Das Experten-Team

Pia Frey, 28, ist als Mitgründerin des Start-Ups "Opinary" Fachfrau für Meinungen. Pia hat Philosophie studiert, ist Absolventin der Axel Springer Akademie in Berlin und schrieb für die Titanic, Cicero, den Tagesspiegel und das Philosophie Magazin. 2013 erschien ihr erstes Buch "Der Sinnfragenkombinator".

Prof. Dr. Boris P. Paal, 42, ist Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Ordinarius für Zivil- und Wirtschaftsrecht, Medien- und Informationsrecht sowie Direktor des Instituts für Medien- und Informationsrecht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Prof. Dr. Michael Butter, 39, ist Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Eberhard-Karls- Universität Tübingen. Bis 2013 war er Postdoc am Freiburg Institute for Advanced Studies und am Englischen Seminar. Er hat über amerikanische Verschwörungstheorien von den Puritanern bis in die Gegenwart habilitiert und gibt Seminare zum Thema.

Julia Kanthak, 20, hat 2016 Abitur gemacht und ist jetzt in Neuseeland. Dort jobbt und reist sie - und bleibt natürlich aktiv auf Tinder, Snapchat, Facebook und Instagram.