Digitale Diät: Ein Leben ohne Facebook, Google und Twitter

Dominik Schmidt

Google, Facebook und Twitter sind zentrale Dienste des Internet. Millionen von Nutzern können sich ein Online-Leben ohne Google-Suche, -Kalender und -Dokumente, ohne Twitter-Timeline und Facebook-Feed nicht mehr vorstellen. fudder-Autor Dominik Schmidt hingegen ist raus: Er hat seine Mitgliedschaften bei den drei Diensten gekündigt. Warum er das getan hat, und stattdessen mehr bloggt:



Google, Facebook und Co. nutzen eine Köderstrategie, um Nutzer in ihr Reich zu ziehen. Doch die wissen oft nicht, auf was für einen Deal sie sich einlassen, wenn sie all' die tollen, kostenlosen Dienste benutzen, auf der sie an jeder Stelle des Netzes hingewiesen werden. Geschenkt bekommt man ja bekanntlich nichts. Man kann diesen Konzernen nicht unbedingt Böswilligkeit unterstellen, aber es mangelt am Bewusstsein bei den Kunden.


Google ist ein grandioser Service, der die persönliche Informationsverwaltung perfekt löst. Dafür gibt es nichts Vergleichbares. Aber der Deal ist eigentlich einfach: Gib mir deine Daten, ich gebe dir dafür eine Lösung für dein Bedürfnis. Im Falle von Facebook ist es eher ein Drogen-Deal. Die Hälfte aller jungen Leute können sich ein Leben ohne Facebook nicht mehr vorstellen. Irgendetwas läuft hier falsch – es muss doch auch anders gehen.

Ich für meinen Teil habe mich nach jahrelanger Nutzung von Google, Facebook und Twitter gegen diesen Deal entschieden. Ich kündige! Aber nun etwas konkreter. Es ist in meinem Fall etwas komplizierter. Zwei Gründe sind für mich ausschlaggebend: Die Kontrolle über meine Daten und der Verzicht auf unnötige Ablenkung.

Kontrolliere deine Daten!

Es sind einzelne Fälle, die in den Medien hochgepusht werden. Einmal verunsichert Facebook-Nutzer ihr eigenes Verhalten und sie wittern eine Sicherheitslücke. Ein anderes Mal verliert jemand seine Mails der letzten zehn Jahre. Der Facebook-Bug, der eigentlich kein Bug ist. Wir nutzen einen Dienst, und überschauen die Konsequenzen nicht. Ich veröffentliche Daten in einer Umgebung, die ich nicht kontrollieren kann. Wenn 2009 Facebook noch ein kleines intimes Dorf war, ist es heute ein Schaufenster auf der Shopping-Meile. Die Umgebung ändert sich, aber die Daten bleiben und entziehen sich meinem Einfluss.

Meine Entscheidung mich abzumelden hat aber weniger mit Privatsphäre als vielmehr mit Kontrolle zu tun. Hat man vor 10 Jahren noch seine Mails beim erstbesten Anbieter geparkt, haben sie heute in ihrer Fülle einen unschätzbaren persönlichen Wert. Ebenso mein Kontaktverzeichnis. Wenn jetzt ein paar Leute bei Google in den USA spontan beschließen, dass sie Dienst XY einstampfen (was Google regelmäßig macht), dann schaue ich in die Röhre. Alles was ich dann tun kann, ist im Support-Forum von Google anzufragen. Aber wenn nicht Hunderte das selbe machen und der Konzern einen Shit-Storm befürchtet, wird nichts passieren.

Google und Facebook sind für die Anliegen einzelner Kunden praktisch nicht erreichbar, denn ihr Geschäft ist die Masse und nicht der Service. Und welcher Kunde will seine Rechte einfordern, wenn er nicht einmal für den Dienst bezahlt?

Konzentriere dich auf das Wesentliche!

Helmut Schmidt hat kürzlich bei Maybrit Illner von einer oberflächlichen Gesellschaft der Twitterer gesprochen. Gut, ein alter Mann, der der Vorkriegsgeneration entstammt, muss jetzt nicht unbedingt Beachtung bei Netzthemen finden. Aber ich glaube er hat Recht.

Dazu muss man sagen: Ich bin junger Journalist. Ich bekomme überall aus Journalistenkreisen gesagt: „Du musst vernetzt sein. Das sind die Recherchetools der Zukunft und so stellst du eine Leserbindung her.” In der Medienwelt bist du nicht existent, wenn du nicht auf Twitter, Facebook und Google+, vielleicht sogar Xing, unterwegs bist. Lange habe ich das geglaubt, habe eifrig Follower gesammelt und genetzwerkt. Doch nach drei Jahren Twitter-Nutzung kann ich sagen: Es bringt mir so gut wie nichts.

Ja, Twitter und Google+ sind tolle Informationsquellen was die Breite und Geschwindigkeit betrifft. Aber was bringt es mir, wenn ich über alles zeitnah informiert bin? In China ist der oft zitierte Reissack umgefallen. Ich weiß Bescheid. In zwei Stunden passiert etwas Neues. Twitter meldet es, ich weiß Bescheid. In meinem Gehirn bildet sich eine Aneinanderreihung von Informationen, die ich für kurze Zeit abspeichere. Nun ist es aber so – und das meint wohl Helmut Schmidt –, dass eine Information nur eine Information ist und was wir brauchen das ist Verständnis und Wissen. In der Zeit, in der ich meinen Twitter-Stream überfliege, könnte ich einen guten Artikel in der Zeitung lesen. Der Gewinn ist ungleich höher. Ich verstehe ein Thema und bin nicht nur über fünf neue oberflächlich informiert. Ich will nicht wissen was passiert, ich will wissen warum und was es bedeutet.

Soziale Netzwerke sind wie Fastfood. Sie befriedigen schnell, aber auch kurzweilig. Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, prophezeite in einem Artikel, dass wir Dinge wie Komplexität, Geduld, Weisheit, Scharfsinnigkeit und Innigkeit „tweet by tweet“ verlieren würden. Das mag übertrieben sein, aber Soziale Medien haben wie eine Wucht in unsere Generation eingeschlagen und es werden nicht nur Vorteile daraus entstehen. Früher war nicht alles besser, aber wir sollten unsere gesellschaftlichen Veränderungen kritisch reflektieren.

Durch die Abschaltung von Twitter und Facebook (die einen ja auch auf dem Smartphone verfolgen) erhoffe ich mir mehr Fokus und Konzentration für komplexe, komplizierte und tiefgehende Dinge. Lieber ein gutes Buch lesen als dem letzten Link auf Twitter hinterher eilen. Eine gut sortierte Zeitung oder eine liebevolle Auswahl im Buchhandel sind immer noch wesentlich bessere Informationsfilter als alle Hash-Tags und Algorithmen der Welt.

Journalisten müssen umfangreiche Informationen komprimieren und vermitteln können. Dafür braucht man weitreichendes Verständnis für die Thematik. Eine Journalistengeneration, die nur auf Geschwindigkeit getrimmt ist, wird dies nicht mehr leisten können. Schaltet einen Gang zurück, lasst die Sinne in einer freien Minute kreisen und glotzt nicht auf euer Smartphone!

Wer sich heute in der Bahn oder im Bus umschaut sieht abwesende Gestalten, die auf kleinen Bildschirmen wischen. Wer schaut noch aus dem Fenster, wer hilft der alten Dame an der Tür? Manchmal kommt es einem vor, als würde der Mensch durch die digitalen Begleiter primitiver werden, indem er seine anderen Sinne kurz deinstalliert hat. An dieser Stelle empfehle ich die Lektüre von Paul Miller, der sich gleich dem ganzen Internet für ein Jahr entzieht.

Es ist eine Diät, kein Entzug

Präsent bin ich weiterhin. Digital vor allem in Form meines Blogs. Hier bin ich der Hausherr, bestimme über meine Daten und schreibe was ich will. Sascha Lobo hat auf der Netzkulturkonferenz Re:Publica mit der „apellativen Kraft” seiner Frisur das Jahr 2012 zum Jahr der Blogs ausgerufen. Damit hat er Recht. Mehr Kontrolle über das digitale Ich und seine Daten, mehr Initiativen wie Diasporaund weniger Kommerz und Monopolisierung.

Irgendwann im Leben bekommen viele den Wunsch, ein Haus zu bauen oder zu kaufen. Man möchte etwas eigenes haben. Die Wände streichen wie man möchte, vielleicht sogar eine Wand einreißen und den Garten umpflügen. Genau das kann ich in meinem digitalen Dasein mit einer eigenen Seite verwirklichen. Ich bin kein Mieter mehr mit Kündigungsfrist.

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