Freiburg Festival

Dieses Jugendtheaterstück erklärt den Dschihad in acht Schritten

Dorothea Winter

Zucken bis zum Dschihad: Samstag und Sonntag wird im Rahmen des Freiburg Festivals die Kooperation des Jungen Theater Basels und dem Maxim Gorki Theater Berlin "Zucken" aufgeführt. Dorothea Winter hat mit Dramaturg Uwe Heinrich gesprochen.

Wieso spielen Sie gerade das Stück "Zucken"? Ist das Thema überhaupt noch aktuell?

Uwe Heinrich: Die Suche nach einer sinnhaften Art zu Leben hat unsere Gesellschaft ein Stück weit nach hinten gedrängt und diese tritt bei Jugendlichen wieder deutlicher zutage. Die Unzufriedenheit, die daraus entsteht, trägt jeder im Grunde in sich. Die haben wir auch bei uns selbst wahrgenommen. Und diese Suche nach Antworten hat eben teilweise radikale Antworten.

Wieso sind wir dann nicht eine Gesellschaft voller individueller Dschihadisten in Deutschland?

Heinrich: Ein wesentlichen Unterschied macht bei dem Umgang mit diesen Sinnfragen die soziale Verortung. Also welche Chancen malt man sich in dieser Gesellschaft aus und welche hat man wirklich. Und damit verbunden die Frage, wie zufrieden wir in dieser Gesellschaft sind. Jugendliche sind prädestiniert dazu, unzufrieden zu sein. Und diese Unzufriedenheit schafft Platz für überraschende Überlegungen.

"Die Aufführung führt den Zuschauer von den medial propagierten Dreisatz-Erklärungen weg."

Wie gelingt die Gratwanderung zum Klischeehafen?

Heinrich: Die Aufführung sagt nicht "Der ist gut und der ist schlecht". Sondern einfach: So ist es. Guckt hin! Und die Aufführung führt den Zuschauer von den medial propagierten Dreisatz-Erklärungen weg. Und wir hoffen einfach zum Nachdenken anzuregen. Und sagen: Seid empathischer.

Wie kam die Kooperation zu Stande?

Heinrich: Aus Sympathiegründen hatten wir eine Kooperation mit dem Gorki Theater schon lange im Auge. Aber die Entfernung Berlin – Basel hat eine Zusammenarbeit trotz Sympathie lange Zeit nicht möglich gemacht. Sowohl das Gorki Theater, als auch uns, das Junge Theater Basel, hat die Frage umgetrieben, wieso junge Menschen in den Dschihad gehen. Und durch das Stück von Sasha Marianna Salzmann kam die Verbindung zustande und darüber sind wir sehr glücklich.

Für wen ist das Theaterstück geeignet?

Heinrich: Die Produktion Zucken ist für Jugendliche ab 14 Jahren, aber auch für Erwachsene gleichermaßen interessant. Dadurch, dass sich Jugendliche und Erwachsene an unterschiedlichen Stellen angesprochen fühlen, entsteht danach ein interessanter Dialog. Und das ist sehr spannend zu beobachten.

Worin besteht die Besonderheit, mit jungen Laien zu arbeiten?

Heinrich: Man kann viel Kunst erschaffen. Jugendliche, die etwas zeigen, sind auch für das Publikum eine große Herausforderung. Das Publikum lässt sich schließlich auch nicht lumpen. Und ein jugendliches Publikum nimmt eine Darstellung von Jugendlichen anders auf, als von professionellen erwachsenen Schauspielern.

Wie alt sind die Darsteller?

Heinrich: Die Darsteller sind zwischen 17 und 21 Jahren alt und für die Zeit der Produktion professionell am Theater beschäftigt. Das würde für diese acht Wochen auch nicht anders funktionieren.

Wie oft wird geprobt?

Heinrich: Pro Tag wird acht Stunden geprobt, so wie man das ganz normal macht bei einer Theaterarbeit. Deswegen haben sie dann auch keine Kapazität, um während dieser Zeit noch etwas anderes zu machen.

Was ist der Anreiz für die Jugendlichen, beim Jungen Theater mitzuwirken?

Heinrich: Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, etwas auf dem Gebiet zu leisten, für das sie Interesse haben und offensichtlich auch eine gewisse Begabung besitzen. Doch für was sie eben noch nicht entsprechend ausgebildet wurden.

"Zucken passiert einfach, das ist ja nicht gewollt."

Ist das Junge Theater Sprungbrett für die großen Theaterbühnen dieser Welt?

Heinrich: Nicht zwangsläufig. Wer sich für Theater interessiert, kann ab 14 Jahren an einem Theaterkurs teilnehmen. Und in zwei Stunden pro Woche über ein Jahr hinweg wird dann ein Stück eingeprobt, das von Verwandten, Bekannten und Interessierten aufgeführt wird. Und das ist sozusagen der Breitensport. Und unter diesen Jugendlichen finden sich welche, die das intensivieren möchten. Denen geben wir dann die Möglichkeit hineinzuschnuppern, wie es ist, Theater beruflich zu machen.

Es ist kein berufsbildendes Praktikum in diesem Sinne?

Heinrich: Nein. Es geht einfach darum, dass die besten Schauspieler für jugendliches Theater Jugendliche sind. Und deswegen arbeiten wir so gerne mit jungen Menschen. Stichwort: Peer-to-Peet. Wir bieten einfach einen Ort, an dem man Theater ausprobieren kann, in dem Alter in dem eben gerade ist.

Allerdings muss man schon sagen, dass man am professionellen Theater relativ oft Leute trifft, die mal am Jungen Theater angefangen haben.

Woher kommt der Name des Stücks?

Heinrich: Es gibt eine Zeile in dem Stück, die sagt: "Du erwartest etwas. Erwartung ist ein Nerv, der zuckt." Genau diese Erwartungshaltung auf der westlichen Seite, dass man einen Anspruch auf etwas hat. Und auf der anderen Seite, die Erwartung, dass das Leben nicht so sein sollte, wie es gerade ist. Zucken passiert einfach, das ist ja nicht gewollt. Und dieses "es passiert einfach" schien uns sehr passend.

Das Stück hat aber noch einen anderen Namen.

Heinrich: Genau, "Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten". Aber wir wollen keinen Dschihadismus erklären. Und wollten auch nicht mit diesem ironisierenden Titel an die Thematik herangehen. Dafür nehmen wir die Sache zu ernst. Deswegen haben wir uns für Zucken entschieden.
Zucken

von Sasha Marianna Salzmann
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Ursula Leuenberger
Sound: Lukas Stäuble
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich.
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger.
Dauer: 75 Minuten, keine Pause

Was:Zucken
Wann: Samstag, der 9. Juni um 19 Uhr und am Sonntag, den 10. Juni um 18 Uhr, Achtung: die Vorstellungen sind leider ausverkauft

Wo: Theater im Marienbad, Szenenraum
Eintritt: 16 Euro, Ermäßigt 8 Euro
Für Wen: Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene
Website: Theater im Marienbad

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