fudder-Interview

Dieser Verein will das White Rabbit übernehmen

Gina Kutkat

Sperriger Name, klare Vision: Der "Verein zur Erhaltung und Förderung der Pop- und Clubkultur" möchte die Schließung von "White Rabbit" und "El Haso" verhindern – und sich für die Clubkultur stark machen. Ein Interview mit den beiden Vorständen.

Mit Eurem Verein wolltet Ihr das White Rabbit übernehmen. Vor Gericht entschieden sich Betreiber und Vermieter, dass der Laden schließen wird. Wie habt Ihr den Ausgang verfolgt?

Kathrin Kochs: Ich war nach dem letzten Termin erst einmal geschockt. Weil wir uns erhofft hatten, dass Betreiber Hansi Breier den Prozess gewinnt und wir dann den Club übernehmen können. Wir wollten die Stadt als Unterstützer gewinnen, um als potentieller Mieter besser dazustehen.

Ist jetzt nicht Eure Daseinsberechtigung als Verein weggebrochen?

Dennis Schwaiger: Wir haben bei der Gründung schon besprochen, was passiert, wenn das White Rabbit tatsächlich schließt und der Raum anderweitig vermietet wird. Wir sehen das so: Wenn der Hase wegfällt, ist da trotzdem noch eine klaffende Lücke. Unser Engagement gilt ja nicht nur dem White Rabbit, sondern einer bunten und vielfältigen Subkultur. Wir werden uns dann dafür stark machen.

"So eine Location wie das White Rabbit kriegt man nie wieder. An diesem Standort, in dieser Größe." Kathrin Kochs, zweiter Vorstand

Wie zum Beispiel?

Dennis: Jetzt, wo klar ist, dass Dietenbach gebaut wird, setzen wir uns definitiv dafür ein, dass dort subkulturelles Angebot von Anfang an städteplanerisch bedacht wird.
Kathrin: Wenn die Räumlichkeiten des White Rabbit wegfallen, wollen wir außerdem von der Stadt einen neuen Raum vermittelt bekommen. Das wird natürlich schwierig, weswegen wir den Übergang mit einer Zwischenraumnutzung überbrücken und unser Konzept dort ausprobieren möchten.

Mal angenommen, Ihr könntet das White Rabbit übernehmen: Wie stellt ihr Euch das vor?

Dennis: Wir hätten in ähnlicher Form weitergemacht und Institutionen des Nachtlebens wie die Open Stage, die Blue Mondays und weitere Clubnächte weitergeführt. Wobei wir den Restaurantbetrieb des El Haso rausnehmen würden. In dem Raum würden wir Platz für Kunst, Workshops, Co-Working und offene Treffen schaffen.
Kathrin: Künstler und Veranstalter könnten sich bei uns bewerben und wir würden das Ganze kuratieren. Wir wollen vor allem junge Künstler fördern und Veranstalter beraten und unterstützen. Und wir möchten, dass es in Freiburg noch niederschwelliger wird, eine Veranstaltung zu organisieren, auch für experimentelle Sachen. Deswegen wollen wir geringe Mieten anbieten und auch die Eintrittspreise senken. Wir möchten außerdem das Awareness-Konzept ausarbeiten, sodass es ein besonders geschützter Raum wird. Es wurde in Freiburg ja viel über Unsicherheit im Nachtleben gesprochen, da wollen wir dagegen arbeiten. Und wir wollen mehr Frauen anstellen, auch an der Tür.

OB Martin Horn hat sich mit einem Brief an den Vermieter für Euch eingesetzt. Hat das etwas bewirkt?

Dennis: Martin Horn hat sich im Wahlkampf geäußert, dass ihn Freiburgs vielfältige Kultur so beeindruckt hat. Er hat mitbekommen, dass wir uns um den Hasen bemühen, die Demo organisiert haben und im Zuge dieser ganzen Aktionen ist dann der Brief entstanden.
Kathrin: Es gab aber noch keine Antwort. Allerdings hatten wir versucht, zusammen mit dem Popbeauftragten Tilo Buchholz einen Termin mit dem Vermieter und der Stadt zu organisieren. Die Anfrage war per Telefon, allerdings hat der Vermieter freundlich betont, dass er dort auf keinen Fall einen Club mehr möchte.

"Unser Engagement gilt ja nicht nur dem White Rabbit, sondern einer bunten und vielfältigen Subkultur. Wir werden uns dann dafür stark machen." Dennis Schwaiger, erster Vorstand

Das ist eine deutliche Aussage. Kämpft ihr trotzdem weiter um den Hasen?

Kathrin: Das Ergebnis des Telefonats war ein Dämpfer für uns. Wir haben uns aber gesammelt und wollen uns nicht einfach abspeisen lassen. Die Gründe, die der Vermieter genannt hat, überzeugen uns nicht: Es ging ihm um eine nötige Konzession, um Brandschutz und um Ruhestörung. Wir haben das zusammen mit dem Popbeauftragten überprüft: Man kann im White Rabbit einen Club weiterführen und auch die Probleme mit den Anwohnern waren nicht schwerwiegend.
Dennis: Die momentane Argumentation von der Hausverwaltung scheint uns vorgeschoben zu sein. Als würde man Gründe suchen, um der Diskussion aus dem Weg zu gehen.
Kathrin: Deswegen wollen wir es jetzt weiterprobieren. So eine Location wie das White Rabbit kriegt man nie wieder. An diesem Standort, in dieser Größe.

Was ist für Euch das Besondere am White Rabbit?

Dennis: Das White Rabbit hat in Freiburg eine Nische aufgemacht und erhalten, die es in dieser Programmvielfalt sonst nicht gibt. Verschiedenste kleine Szenen werden angesprochen und haben durch den Laden einen Schnittpunkt. Das konnte man auch immer auf den Partys beobachten, dass sich die Szenen dort vermischt haben und viele Bekanntschaften entstanden sind. Es ist eine Art Kulturkatalysator.
Kathrin: Viele Leute haben dort angefangen, sei es als DJ, Veranstalter oder Band. Es war ein Sprungbrett für viele, um dann bekannter zu werden. Hansi Breier war auch immer offen für experimentelle Sachen und hat jeden und jede einfach machen lassen.
Dennis: Gleichzeitig ist es auch allein durch die Raumgröße und die Anzahl von Personen, die es fasst, einzigartig in Freiburg. Ich arbeite im Artik und sehe, dass Veranstalter gerne kleiner anfangen und sich dann vergrößern wollen. Fällt das Rabbit weg, gibt es für 350 bis 400 Leute nichts Vergleichbares mehr in Freiburg. Ich fürchte, dass wird eine richtige Kerbe für die Veranstalterszene.

"Wenn man jetzt alle Orte auslöscht und die Leute dann in ein paar Jahren merken, dass sie ausgehen möchten, ist es zu spät." Kathrin Kochs

Um dort einen Club weiter zu führen, bräuchtet ihr Unterstützung von der Stadt, vor allem Geld. Wie viel benötigt ihr?

Dennis: Wir brauchen Geld für die Deckung der Mietkosten. Die liegen bei etwa 7000 Euro pro Monat, wir haben in Gesprächen mit den Fraktionen 70.000 Euro pro Jahr verlangt. Wobei es auch mit 50.000 Euro noch finanzierbar und umsetzbar wäre und nicht alle Kosten auf Veranstalter umgelegt werden müssten.
Kathrin: Wir würden Leute anstellen für Management, Einkäufe und Buchhaltung. Wir als Verein würden ehrenamtlich arbeiten und uns um das Konzept und das Weiterbestehen kümmern.

"Das White Rabbit ist eine Art Kulturkatalysator." Dennis Schwaiger

Wie haben die Fraktionen auf die Summe reagiert?

Kathrin: Kontakte zu einigen Stadträten bestehen bereits, sprechen konnten wir bisher nur mit der SPD – und die haben geschluckt. Wobei wir auch Zahlen von Jazzhaus und Co. kennen. Ich finde unser Konzept unterstützenswert. Bei uns soll am Ende kein Gewinn stehen, sondern der Betrieb am laufen gehalten werden und der Verein soll sich tragen.

Ist es nicht ein Widerspruch, einen Verein zu gründen, um die Kunst oder Subkultur zu retten?

Dennis: Wenn man sich deutschlandweit in den Szenen umschaut, sehe ich es anders. Schon vor zehn Jahren hat es Clubs gegeben, die sich in eine Vereinsstruktur umgewandelt haben. In Freiburg teilweise auch aus besetzten Aktionen. Da hat man gesehen, dass man heutzutage auch als Subkultur kulturpolitisch wahrgenommen wird. Wenn man in diesen Sphären agieren möchte, braucht man eine Körperschaft. Und die Vereinsform eignet sich da eben am besten.

Clubs schließen in Freiburg auch, weil die Leute wegbleiben. Gehen junge Menschen einfach weniger aus?

Kathrin: Das stimmt total, aber wenn man jetzt alle Orte auslöscht und die Leute dann in ein paar Jahren merken, dass sie ausgehen möchten, ist es zu spät. Wir müssen zumindest einen Funken am Leben erhalten, damit es die Möglichkeit gibt.
Dennis: Früher kam ich aus der Unibibliothek, hab die ersten Leute getroffen, mit denen ein Bierchen von Pischko getrunken und dann ist es im Balz Bambi geendet. Ich habe mir dann morgens in der Frühe Sorgen gemacht, wo mein Rucksack mit den Uni-Aufzeichnungen ist. Mit dem öffentlichen Alkoholverbot und den Ruhestörungen wird so etwas auch immer schwieriger. Man lässt sich irgendwo nieder und wird womöglich noch kontrolliert.

Habt ihr durch den Verein eine andere Legitimation als durch die IG Subkultur, für die ihr auch aktiv wart?

Kathrin: Wir haben mehr Handlungsfähigkeit. Vorher wollte ich vernetzt und informiert sein, das war aber alles sehr locker. Jetzt habe ich ganz konkrete Aufgaben und auch mehr Verantwortung für das Problem, dass wir alle schon so lange lösen wollen. Wir stecken täglich Zeit in den Verein und sind außerdem ständig erreichbar. Wir wissen, was zu tun ist, aber das zeitlich umzusetzen ist wahnsinnig viel Arbeit.

In den letzten Monaten wird ja ziemlich viel Negatives über das Freiburger Nachtleben gesagt. Drehen wir es mal um: Was liebt ihr am Freiburger Nachtleben?

Kathrin: Ich hatte eine wahnsinnig tolle Jugend in Freiburg. Ich bin sehr froh, dass ich mich dort entwickeln konnte. Und das sehe ich auch an der Entwicklung von anderen Freiburgern, die sich teilweise in Großstädten behaupten können. Ich fände es total schlimm, wenn das kulturelle Angebot in Freiburg wegbrechen würde, weil es der Gesellschaft fehlen würde. Partys bringen Menschen zusammen. Wenn man jetzt schon nicht mehr auf dem Augustinerplatz sitzen darf, frage ich mich, wo man denn hingehen soll.
Dennis: Das White Rabbit war einer der Gründe, warum ich zum Studieren nach Freiburg gekommen bin. Ich stamme aus Augsburg und habe damals schon Drum ’n’ Bass und Dubstep aufgelegt und dort war es auch ein Kampf, eine kleine Szene am Leben zu erhalten. Freiburg hatte da bessere Voraussetzungen, weil einfach viele Studierende hier sind. Dass es hier dienstags eine Dub-Veranstaltung gab, die besucht wird, war für mich unglaublich. In den zweieinhalb Jahren, in denen ich hier lebe, hat sich schon das ein oder andere verändert. Leute, die schon zehn Jahre hier sind, sagen mir, dass es früher noch eine ganze Ecke bunter in Freiburg war. Mir haben die verschiedenen Subkulturen für meinen Prozess des Erwachsenwerdens so viel gegeben, auch soviel Wochenendflüchte ermöglicht, dass es für mich extrem persönlichkeitsprägend war. Eine Gesellschaft, in der so etwas nicht mehr möglich ist, finde ich traurig. Ich frage mich auch, was in 15 Jahren ist, wenn jetzt schon so viel im Keim erstickt wird.


Verein zur Erhaltung und Förderung der Pop- und Clubkultur in Freiburg

Dennis Schwaiger und Kathrin Kochs sind die beiden Vorstände des Vereins zur Erhaltung und Förderung der Pop- und Clubkultur in Freiburg. Dieser befindet sich momentan in Gründung, beteiligt sind zehn Gründungsmitglieder – fast alle Mitglieder kommen aus der IG Subkultur. Insgesamt gibt es im Verein 20 Aktive. Einmal die Woche trifft sich der Vorstand, alle zwei Wochen treffen sich alle gemeinsam. Es werden noch Mitmachende gesucht. Nächstes öffentliches Treffen ist am Donnerstag, 28. Februar um 20 Uhr im Artik.

Dennis Schwaiger, 27, ist erster Vorstand des Vereins zur Erhaltung und Förderung der Pop- und Clubkultur in Freiburg. Er studiert soziale Arbeit, ist im Artik als Bereichsleiter Veranstaltungsmanagement angestellt und DJ bei der Mighty Pressure Crew.

Kathrin Kochs, 32, ist zweiter Vorstand des Vereins zur Erhaltung und Förderung der Pop- und Clubkultur in Freiburg. Sie studiert Industriedesign an der HGK in Basel und veranstaltet selber auch Partys.

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