Online-Umfrage

Dieser Professor will wissen, wie junge Freiburger nachts ausgehen

Gina Kutkat

Wie nutzen junge Menschen nachts die Freiburger Innenstadt und andere Stadtteile? Das möchte der Freiburger Professor Tim Freytag mit einer Online-Umfrage klären – und Klischees aus der Welt schaffen.

Herr Freytag, warum interessiert es Sie, was junge Menschen nachts in Freiburg treiben?

Tim Freytag: Junge Menschen und ihre Aktivitäten sind wichtig für Freiburg, aber wir wissen viel zu wenig darüber. Im Grunde werden junge Menschen allzu oft über einen Kamm geschoren und einfach nur in Klischees gepresst: Junge Leute gehen nachts in die Innenstadt, sie sind laut – aber das stimmt meiner Meinung nach so nicht. Es sind Wenige, die das Bild der jungen Leute prägen. Und durch die Forschungsarbeit möchte ich mehr über die vorhandenen Unterschiede und die Vielfalt herausfinden. Dass nicht nur die Innenstadt ein Ort ist, der abends aufgesucht wird, und dass sich junge Menschen voneinander unterscheiden, dass sie unterschiedliche Vorlieben und Gewohnheiten haben – auch, wie sie öffentliche und private Räume nutzen.


"Eigentlich wissen wir sehr wenig darüber, wie junge Leute die Innenstadt und andere Stadtteile nachts nutzen."

Ihr Forschungsprojekt heißt "Nacht-Orte", welche Orte sind damit gemeint?

Ein Nacht-Ort lässt sich erst einmal über die Zeit definieren: Es ist ein Ort, der tagsüber vielleicht eine andere Nutzung hat und in den Abend- und Nachtstunden von Menschen besucht wird. Nacht-Orte können privat oder öffentlich sein, sie werden abends von jungen Menschen aufgesucht und von ihnen mit Leben gefüllt. Das kann zum Beispiel der Platz der Alten Synagoge sein, ein Park, ein Club, ein privater Ort oder eine Bar in einem Studentenwohnheim. Der Tanzbrunnen bei der UB ist auch ein typischer Nacht-Ort: Tagsüber ein Brunnen ohne Wasser, abends treffen sich dort Menschen und machen ihn durch Musik und Tanz für ein paar Stunden zu einem Nacht-Ort.

Was genau wollen Sie in der Umfrage von den Teilnehmenden wissen – wie viel Bier man abends trinkt?

Es geht nicht um Alkoholkonsum oder Geld. Uns interessiert im Wesentlichen, welche Stadtteile in Freiburg aufgesucht werden, was dort unternommen wird und wie häufig die Befragten unterwegs sind. Außerdem möchten wir wissen, was einen Nacht-Ort attraktiv macht und wo die jungen Leute Probleme sehen. Und am Ende fragen wir, ob es sich um Studierende, Schülerinnen und Schüler, Auszubildende oder Angestellte handelt, um das mit den Aussagen verbinden zu können.

"Die Umfrage ist Grundlage für eine besser fundierte Diskussion in der Öffentlichkeit, in der man die Klischeeebene verlässt und sich auf die Befragung stützt."

Sind Sie mit einer bestimmten These an Ihr Projekt herangegangen?

Unsere These ist, dass in der Öffentlichkeit zu oberflächlich und undifferenziert über Nacht-Orte diskutiert wird. Denn abgesehen von ein paar Klischees ist eigentlich nur wenig darüber bekannt, wie junge Leute die Innenstadt und andere Stadtteile nachts nutzen. Wir glauben, dass die Aktivitäten in den Abend- und Nachtstunden viel komplexer und vielfältiger sind, als es in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint. Themen wie Clubsterben, Lärmbelästigung und Sicherheit keimen immer wieder in den Debatten auf, aber man weiß einfach zu wenig darüber, wie sich all das aus der Perspektive junger Leute darstellt. Wir möchten ein differenzierteres Bild herausarbeiten und finden es wichtig, unsere Ergebnisse dann auch in die öffentliche Diskussion einzubringen. Die Umfrage soll nicht polarisieren sondern zeigen, dass wir im Stadtgebiet eine breite Vielfalt von Menschen und Aktivitäten haben. Deshalb sollte es uns in Freiburg auch gelingen, geeignete Räume bereitzustellen, damit diese Vielfalt ausgelebt werden kann.

Sie werden die Ergebnisse also der Stadt Freiburg vorlegen?

Wir arbeiten in diesem Projekt nicht mit der Stadt zusammen. Denn es ist uns wichtig, die Umfrage unabhängig durchzuführen und die Ergebnisse dann der Öffentlichkeit zu präsentieren. So können außer den Verantwortlichen der Stadt Freiburg auch Interessensgruppen und andere Beteiligte darauf zugreifen. Das ist dann die Grundlage für eine besser fundierte Diskussion in der Öffentlichkeit, in der man die Klischeeebene verlassen und sich auf die Befunde der Befragung stützen kann.

Glauben Sie, dass junge Leute von heute anders ausgehen als junge Leute vor 10, 20 Jahren?

Das glaube ich gewiss. Man zieht sich anders an, hört andere Musik und unternimmt andere Dinge. Es hängt auch immer von den Rahmenbedingungen ab, zum Beispiel den finanziellen Mitteln. Man muss es sich leisten können, in Gaststätten, Bars und Clubs auszugehen. Außerdem hängt es davon ab, ob es auch geeignete öffentliche Orte gibt, an denen man sich abends und nachts treffen kann. Vor allem die Formen, wie man sich trifft, haben sich unter dem Einfluss der neuen Medien gewandelt. Heute gibt es tendenziell vielleicht mehr Flexibilität und Spontaneität und — ja, auf alle Fälle gibt es einen deutlichen Wandel beim Ausgehverhalten.
Die Online-Umfrage

Das Forschungsprojekt Nacht-Orte soll neue Erkenntnisse und ein differenziertes Bild über die abendlichen und nächtlichen Aktivitäten junger Leute in Freiburg liefern. Durchgeführt wird die Umfrage von Prof. Dr. Tim Freytag und seiner Arbeitsgruppe vom Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie der Universität Freiburg. Die Umfrage läuft vom 22. Januar bis zum 28. Februar 2019 und ist unter ww2.unipark.de abrufbar. Zunächst werden die abendlichen Aktivitäten während der Wintermonate abgefragt, eine zweite Erhebung ist für den Sommer geplant.

Wer kann alles mitmachen?

Alle, die in Freiburg leben und sich als junge Menschen fühlen. Es gibt ganz bewusst keine harte Altersgrenze und die Teilnehmenden sollen nicht auf die Studierenden eingegrenzt werden. Die Arbeitsgruppe ist auch an Auszubildenden, Schülerinnen und Schülern und erwachsenen Arbeitnehmern interessiert.


Zur Person

Tim Freytag ist seit April 2010 Professor für Humangeographie am Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.