Dieser Freiburger klettert illegal auf die Dächer Berlins – für Fotos

Sophie Aschenbrenner

Jeisson Martin bringt sich immer wieder in Lebensgefahr, um möglichst gute Bilder von Berlin zu machen und diese auf Instagram zu posten. Zweimal wurde er angezeigt. Wie in Freiburg alles begann und warum das Adrenalin stärker ist als seine Angst:



Ein Fitnessstudio hat Jeisson Martin nicht mehr nötig – auch, wenn das sowieso nicht so sein Ding ist, wie er sagt. Um auf das Dach eines Hauses in der Nähe des Kottbusser Tors zu gelangen, fahren wir mit dem Aufzug in den zehnten Stock. Nach ein paar Stufen kommen wir unter der Deckenklappe zur Feuertreppe. Jeisson weiß genau, auf welche Geländervorsprünge er steigen muss, um sich an den Lukengriff zu hängen und die Treppe mit seinem Körpergewicht auf den Boden zu ziehen.

Als wir oben sind, klettert der 22-Jährige über die offene Luke, zieht die Treppe bis fast ganz nach oben – „falls jemand kommt“, und sichert die Öffnung von innen, damit sie niemand komplett schließen kann. Wir zwängen uns durch ein kleines Fenster, dann stehen wir auf dem Dach. Freie Sicht auf Kreuzberg und noch weiter – Jeisson kann das nicht mehr beeindrucken, dieses Dach ist fast sein zweites Zuhause.

Verlassene Schwimmbäder, Fabrikgebäude, Kräne

Normalerweise packt der junge Mann mit dem dunklen Zopf jetzt seine Kamera aus und beginnt zu fotografieren. Auf Instagram hat der Freiburger, der vor zwei Jahren nach Berlin gezogen ist, 27400 Follower. Er postet Fotos von Berlin, aber keine Fotos von hübsch angezogenen Mädchen in den Straßen der Stadt oder vom Sonntagsbrunch nach einer durchgefeierten Nacht, wie andere Berliner Instagrammer.

Jeisson zieht es an Orte, die eigentlich verboten sind: verlassene Schwimmbäder oder Fabrikgebäude, Kräne, oder eben dieses Dach in Kreuzberg. Mindestens 900 Likes bekommen seine Bilder im Schnitt – „wenn der Fernsehturm drauf ist, geht es besonders gut“, sagt er und grinst.

Jeisson studiert im fünften Semester Kommunikationsdesign, im Studium haben ihn die Fotokurse aber nicht besonders interessiert. „Bis vor einem Jahr habe ich eigentlich gar nicht fotografiert“, sagt er. Jetzt zieht er mehrmals die Woche los, oft mit seiner Freundin oder guten Freunden. Die Spiegelreflex-Kamera, die er nutzt, ist geliehen, sehr selten muss das Smartphone herhalten. „Wenn andere Samstagnacht feiern gehen, gehe ich fotografieren“, sagt er.

Angefangen hat es vor einem Jahr, als er mit seiner Freundin in der Frankfurter Allee ein Gebäude gesehen hat, das grundsaniert wurde. Er machte mit dem Handy ein Bild und postete es auf Instagram. Andere leerstehende Fabriken, viele neue Bilder folgten. Nach und nach habe sich die Leidenschaft entwickelt.

Mit Warnwesten in den U-Bahn-Tunnel

Routine stellt sich nur bedingt ein. „Es ist immer wieder extrem nervenaufreibend“, sagt Jeisson. Denn er ist nicht nur über den Dächern Berlins unterwegs, sondern auch unter der Erde, zum Beispiel in den Tunneln der S- und U-Bahnen. „Einmal sind wir einfach untertags in einen U-Bahn-Tunnel gelaufen, wir haben Warnwesten angezogen, niemand hat sich für uns interessiert.“

Nur sechs Minuten war er mit einem Freund im Gleisbereich. „Doch das das hat gereicht“, sagt er. Auch bei weniger gefährlichen Shootings sei immer noch eine gewisse Hemmschwelle da. „Man weiß ja nie, was hinter der Luke ist.“

Fotografen wie Jeisson sind „Urban Explorers“, sie zeigen eine Stadt aus Perspektiven, die dem Bewohner normalerweise verwehrt bleiben. Der Trend kommt aus den USA, vor allem in New York ist die Urban-Exploring-Szene riesig. Jeisson trifft sich immer wieder mit Leuten, die ihn über Instagram kontaktieren und macht mit ihnen zusammen Bilder. „Mit Leuten macht das Fotografieren mehr Spaß.“

Anzeigen und Ärger mit der Polizei

Antrieb zum Fotografieren sind für Jeisson neben dem Nervenkitzel vor allem die sozialen Medien. Er postet die Fotos auf Instagram und Facebook, und teilt auf Snapchat kleine „Behind the scenes“-Videos. Leben kann er nicht davon, obwohl er bei einer Agentur arbeitet, die ihm Werbekooperationen mit Unternehmen vorschlägt. „Wenn Geld der Antrieb wäre, würde es nicht so viel Spaß machen.“

Jeisson ist in der Wiehre aufgewachsen. Dort war er zuerst auf Dächern unterwegs. Auch die Zugtunnel beim Alten Wiehrebahnhof waren nicht vor ihm sicher. Schon in der Grundschule turnte er mit einem Freund über Freiburger Garagendächer, prompt kam die Polizei. Auch wenn er jetzt in den Süden zurückkommt, fotografiert er.

„Leider haben die meisten Freiburger Häuser Spitzdächer.“ Immerhin das Konzerthaus biete sich an, auch das Kagan habe er schon ausprobieren wollen „Da stand ich im 10. Stock und bin in einen Trupp Putzleute gestolpert.“

Fast alle seine Streifzüge sind illegal. Zweimal ist er erwischt worden, zuletzt im Juni auf einem Kran in der Nähe des Bundesnachrichtendienstes. Die Polizei holte Jeisson und seinen Freund herunter, eine Anwohnerin hatte die Polizei gerufen. „Ich hoffe, dass die Anzeige wie auch das Mal davor fallen gelassen wird“, sagt Jeisson. „Der Kick des Adrenalin ist größer als die Angst, erwischt zu werden.“

Riskante Foto-Exkursionen

Das unerlaubte Eindringen in Gebäude („Urban Exploration“) und das Klettern auf Dächer („Rooftopping“) ist nicht nur gefährlich, sondern auch Hausfriedensbuch nach §123 StGB.
Der wird nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn der Hausrechtsinhaber eine Anzeige stellt – im schlimmsten Fall droht eine Geldstrafe – oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr vor.

Petra Reetz, Pressesprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe, findet das Herumlaufen in den Tunneln der U- und S-Bahnen nicht lustig: „Es ist dumm, leichtsinnig und lebensgefährlich“, sagt sie. „Wir fahren schließlich mit Starkstrom.“ Sie warnt: „Fotografen gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch Fahrer und Fahrgäste.“ Zudem sei es nicht schwer, an eine Fotoerlaubnis zu kommen. „Wir sind kooperativ, wenn Profis uns ansprechen.“

Tödliche Unfälle

Es kommt immer wieder zu tödlichen Unfällen von Abenteuer-Fotografen: Im August 2014 stürzte ein polnisches Paar beim Selfie-Machen in Portugal von einer Klippe in den Tod. Im November 2014 erfasste im US-Bundesstaat Virginia ein Zug einen Instagrammer und seine Begleiter auf einer Eisenbahnbrücke; der Fotograf und eine 21-Jährige starben.

Auch im kalifornischen Fresno wurde im Juli 2015 ein Fotograf von einem Zug überrollt, die junge Frau, die er fotografierte, überlebte. Anfang September fiel eine 24-Jährige Australierin in Norwegen beim Posieren für ein Foto am Trolltunga-Felsvorsprung mehrere hundert Meter in die Tiefe. Anfang Oktober starb ein 17-Jähriger im russischen Wologda beim Rooftopping – er fiel neun Stockwerke tief. cabu

[Info-Text: Carolin Buchheim]

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Fotos: Jeisson Martin

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