OB-Wahl 2018

Dieser Freiburger Fotograf verhalf Martin Horn zum Wahlsieg

Gina Kutkat

Fionn Große fotografierte Martin Horn während dessen OB-Wahlkampf – ehrenamtlich, wie er betont. Seine Bilder zeigen den neuen Oberbürgermeister von Freiburg nahbar, natürlich und authentisch.

Wenn er ein Foto schießt, merken die fotografierten Personen davon meistens nichts. Die Sohlen seiner Turnschuhe sind leise, auch seine Kamera macht keine Geräusche. "Ich bin immer dabei, aber ganz zurückhaltend" sagt Fionn Große. Keinen Terz machen – das ist für den Freiburger Fotografen das Wichtigste. "Fotografen passiert es immer wieder, dass sie auf einmal im Mittelpunkt stehen, das versuche ich, so gut es geht, zu vermeiden", sagt er.


Mit dieser Strategie hat der 28-Jährige in den vergangenen Wochen den Wahlkampf von Martin Horn begleitet – und vielleicht auch zu dessen Wahlsieg beigetragen. Fionn Große war stets an der Seite des Kandidaten, den die Freiburgerinnen und Freiburger am 6. Mai zum neuen Oberbürgermeister wählten. Beim Match auf dem Tennisplatz genauso wie bei der Wahlparty im Friedrichsbau. "Ich war wie sein Schatten."

"Pro Tag sind 700 bis 1500 Bilder entstanden, die ich alle durchsehen und bearbeiten musste."

Von jeder Aktion gibt es entweder ein Foto auf Facebook oder ein Video bei Instagram – meist in Hochglanzoptik. Fionn Große war für das Posten zuständig, die Strategie hat die Freiburger Social-Media-Beraterin Katja Heinrich beigesteuert. Die Bilder mussten minuten- oder tagesaktuell gepostet werden. "Ich stand unter großem Zeitdruck."

Unterwegs hat er die Fotos mit einem Adapter von der Kamera aufs Handy übertragen, die Rohdaten dann mit dem Bildbearbeitungsprogramm Lightroom CC editiert. Sein Einsatz hat sich gelohnt, da ist sich Fionn Große sicher. "Ohne Social Media hätten wir den Wahlkampf nicht gewonnen", sagt er. Große hatte schon SPD-Bundestagskandidat Julien Bender bei dessen Wahlkampf 2017 fotografiert, dieser stellte ihm auch Martin Horn vor. "Mein erster Eindruck von ihm war super."

Idealismus als Antrieb

Zwei Wochen nach dem Wahlsieg von Martin Horn kann sich Große, der BWL an der Uni Freiburg studiert, selber auf die Schulter klopfen. In der heißen Phase war er jeden Tag mit dem Wahlkampfteam unterwegs – und das, wie er sagt, komplett ehrenamtlich. "Ich habe 80 Prozent des Pensums von Martin Horn mitgemacht", sagt Große.

Sein Antrieb ist sein Idealismus: Große, Mitglied der SPD, möchte an der Gesellschaft etwas verändern. Dafür stellt er sein Handwerk – die Fotografie – zur Verfügung. Zwar nahm er in den vergangenen Wochen ein paar bezahlte Jobs an, trotzdem ist sein Konto nach dem Wahlkampf im Minus. In den nächsten Wochen werden seine anderen Tätigkeitsfelder – Hochzeitsfotografie und Unternehmensporträts – wohl wieder Geld reinspülen.

"Die Bilder sollen nicht den Eindruck wecken, dass Martin Horn von extern kommt und die Welt erklärt."

Social Media besprechen, Emails beantworten, Flyer abstimmen, Facebookbeiträge planen: Ein typischer Tag während des Wahlkampfes dauerte für Fionn Große und das Team von halb neun Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. "Pro Tag sind 700 bis 1500 Bilder entstanden, die ich alle durchsehen und bearbeiten musste." Dazu kamen noch Videos und Instagram-Live-Formate. Von der Kundgebung zum 1. Mai schoss Große rund 400 Fotos – am Ende brauchte er nur eins. Er wählte ein Bild aus, auf dem Martin Horn im Gespräch mit Günter Rausch zu sehen ist, dem OB-Kandidaten von 2010.

Rausch

"Nichts auf diesem Bild ist Zufall", sagt Große. Dass die blaue Brücke deutlich zu erkennen ist, die Demo im Hintergrund sichtbar, die Protagonisten prominent im Vordergrund sind und die Türme der Herz Jesu Kirche im Stühlinger herausragen, ist von ihm beabsichtigt. Auch, dass Martin Horn zuhört und Günter Rausch redet. "Die Bilder sollen nicht den Eindruck wecken, dass Martin Horn von extern kommt und die Welt erklärt." Der Fotograf legt Wert darauf, dass seine Bilder Geschichten erzählen. Und dass sie dies möglichst natürlich tun. Authentizität und Ordnung sind ihm wichtig. Alles, was nicht zwingend für die Geschichte notwendig ist, soll nicht zu sehen sein: "Ich versuche, Bilder aufzuräumen."

"Ich bin immer dabei, aber ganz zurückhaltend."

Seit 2006 arbeitet Große als Reportagefotograf, er ist Autodidakt. Weil er in einem Homepagekurs Bilder für eine Website brauchte, fing er an, selbst zu fotografieren. Es machte ihm gleich viel mehr Spaß als das Programmieren. Die erste Kamera kaufte er bei Aldi für 40 Euro, die zweite gab’s für 160. "Mit ihr habe ich die ersten Hochzeiten fotografiert." Heute kosten seine Kameras mehrere tausend Euro, auf Hochzeiten hat er Equipment im Wert von 15 000 Euro dabei. Im Wahlkampf hat er sich auf eine Sony-Digicam und drei Objektive beschränkt. Die Bildbearbeitung ist bei ihm essentiell. "Außer bei Farbe, Look, Helligkeit und Ausschnitt mache ich aber nichts."

Horn

Dass auf dem Foto, das Martin Horn nach dem ersten Wahlgang bei seiner Ankunft im E-Werk zeigt, ein Fuß abgeschnitten ist, ärgert ihn noch heute. "Ich kann das Bild nicht so genießen." Große kam gerade aus der Innenstadt, als er sah, dass die Horn-Unterstützer vor dem Eingang Spalier standen. "Ich bin sofort losgestürmt, um ein Foto zu kriegen." Er wählte aus seinen vielen Aufnahmen ein Bild, auf dem ein jubelnder Martin Horn mit beiden Händen seine Fans abklatscht. Horn ist mit Körper und Gesicht dem Fotografen zugewandt, seine Unterstützer blicken in die andere Richtung. Im Hintergrund sind verschwommene Autolichter zu erkennen. Ein fast perfekter Bildaufbau, aber nur fast. Weil der Moment so wichtig war, hielt Große seinen perfektionistischen Anspruch zurück und postete das Foto – der dazugehörige Beitrag erhielt mehr als 600 Likes und wurde 32 Mal geteilt.

"Alles, was online ging, ging vorher durch Martin Horns Hände."

Die Kamera hat Große stets griffbereit, zu seiner Wahlkampfausrüstung gehören neben der Sony-a9-Digitalkamera noch drei Objektive sowie Smartphone, Powerbank, Ersatzakkus und Mikro. "Damit ich zu jeder Zeit voll einsatzfähig bin." Trotzdem hat er den aufregendsten Moment der Wahl verpasst: Als ein Mann Martin Horn auf der Wahlparty im Friedrichsbau ins Gesicht schlägt und die Nase bricht. "Da war ich gerade ein alkoholfreies Bier holen. Das war schlimm." So gibt es von Fionn Große nur Horn-Bilder, die er kurz nach der Attacke aufgenommen hat. "Da hatte ich noch mein Bier in der Hand."

88 Beiträge sind seit Januar auf dem Instagram-Profil von Martin Horn veröffentlicht worden, der Account hat etwa 1600 Abonnenten. Für den Social-Media-Wahlkampf hatte das Team ein Budget von unter 1000 Euro. "Alles, was online ging, ging vorher durch Martin Horns Hände", so Große. Horn schrieb die meisten Texte zu den Posts selbst oder nickte das von Große Geschrieben ab, der sich schnell den Duktus seines Chefs angeeignet hatte.

Das Freiburger Lebensgefühl zeigen

Die Instagram-Bilder zeigen einen Kandidaten, der auf der Südtribüne des SC steht, im Wald joggen geht, mit Bürgern im Gespräch ist, mit seiner Familie den Stühlinger Flohmarkt besucht. Martin Horn und seine Frau Irina posieren für die Kamera – eine Ausnahme, so Große. "Auf den ersten Blick wirkt das Bild inhaltsleer", sagt Große. Aber auch hier hat er sich etwas gedacht: Das Freiburger Lebensgefühl soll zum Ausdruck kommen. Das Ehepaar steht auf dem Stühlinger Kirchplatz, einem Ort, den Martin Horn wieder positiv besetzen möchte – zum Beispiel mit kulturellen Events. "Außerdem steht das Bild für Gleichberechtigung: Martin Horn trägt das Kind. Und im Arm hat er seine Frau, die ganz normal ist."

Flohmi

Das Bild ist auch bei Facebook zu finden – dort erreichte es etwa 12 000 Menschen. Fionn Große ist sich sicher: Hätten Dieter Salomon und sein Team Instagram und Facebook nicht vernachlässigt, wäre es für Martin Horn knapp geworden. "Wenn man heutzutage einen Wahlkampf gewinnen will, muss man Social Media zu 100 Prozent ernst nehmen." Ob Große nach dem Sieg von Martin Horn auch ins Rathaus einzieht, steht noch nicht fest. "Auf jeden Fall geht die Zusammenarbeit aber weiter."
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