Dieser DJ vernichtet schlechte Platten mit der Guillotine

Daniel Laufer

Beatles, Telefonsex und der Goldene Reiter: Es gibt gute und schlechte Schallplatten. Die ganz miserablen kommen bei der "Top oder Flop Show" gar unter die Guillotine. Wie fantastisch es dann aussieht, wenn Vinyl in tausend Teile zerspringt:



Da vorne hängt er, direkt hinter dem Podest: der vielleicht hässlichste Teppich der Welt. Darauf abgebildet sind vier Pferde, die friedlich auf einer Koppel grasen. Wenn man ihn anfasst, bleibt er vermutlich an der Hand kleben, vor lauter Groschenroman-Romantik vergangener Zeiten. Womöglich hätte man ihn verstauben lassen sollen, genau wie die Schallplatten, die neben ihm an der Wand lehnen. Sicher ist: Der Teppich gehört vernichtet. Doch das wird nicht passieren. Mehr Hoffnung besteht dagegen bei den Schallplatten. Viele von ihnen stammen aus der gleichen Ära. Viele von ihnen sind genauso scheiße.


"Top oder Flop" heißt die Show, die Hank the DJ jeden ersten Mittwoch im Monat im Great Räng Teng Teng veranstaltet. Er versteigert Platten - manche hat er selbst mitgebracht, manche die Gäste.

"Ihr könnt auch für den Tod bieten", erklären Marie Antoinette die Sonderregel. Marie Antoinette - das sind die beiden Assistentinnen im Stewardessen-Outfit, die Hank durch die Show begleiten. Wer nun Marie heißt und wer Antoinette ist selbst Hank nicht ganz klar. Die Entschuldigung: "Das sind Zwillinge." Erklärungsansatz des Autors: Marie Antoinette sind eine optische Täuschung, in Wahrheit dieselbe Person. Wofür Marie Antoinette steht, ist wenigstens klar: die Guillotine. Diese wartet neben Hank auf dem Podest. Wer seine ersteigerte Platte nicht mit nach Hause nehmen will (zum Beispiel weil sie so scheiße ist wie der Teppich), kann sie gleich verschrotten.

Zappa bringt die Wende

Adam and the Ants machen den Anfang und wummern durch den Keller. Hank: "50 Cent... ein Euro... zwei Euro... Versteigert für 5,50 Euro!" Mit einem Holzhammer klopft er auf das Plattenpult. Die Scheibe macht einen Sprung, dann hält er sie an. "Schnaps für den Mann  mit der Mütze!" Marie Antoinette servieren, Sambuca, Jim Beam und Vinyl.

The Ravens sind den rund 30 Kneipengästen gerade mal 2,50 Euro wert, der Rocksound von EMF 6,50 Euro, auch französische Chansons von Charles Aznavour vertickt Hank und natürlich Bruce Springsteen ("Die Erfindung des Stadion-Rocks!"). Marie Antoinette schweben durchs Teng, mit Schnaps-Tablett und Geldbeutel.

Keine Spur von der erhofften Zerstörungswut, ja überhaupt keine Spur von großen Gefühlen. An der Seite flippern zwei Typen um die Wette, während Jahrzehnte der Musikgeschichte an ihnen vorbeikreisen. Erst Frank Zappa bringt die Wende und den Auftritt des Mannes, den hier alle Rolf nennen (und der später jede zweite Platte haben will).

Die Pferde sind sich einig

Hank legt die Platte auf und warnt: "Kleines Kratzerchen am zweiten Song." "Spiel mal den zweiten Song!", ruft ein Kenner. Man hört den Kratzer nicht. Die Zocker schauen auf und sofort ist da Spannung, so ähnlich wird das bei Sotheby‘s auch gewesen sein - damals, als man dort noch rauchen durfte. Rolf jedenfalls krallt sich die Zappa-Platte für 7,50 Euro. Er weiß wohl, was er da tut: "Die Hülle ist schon ein bisschen arg durch, aber das ist halt eine Ami-Pressung. Ich behalte die und verkaufe meine Near-Mint-Ausgabe."

Ein Highlight (Hank) folgt: Die Beatles auf Deutsch. "Komm, gib mir deine Hand", singen Lennon/McCartney. Man kauft und kauft und niemand fordert die Guillotine, niemand die Revolution. Auch einer der Zocker bietet jetzt eifrig mit und fragt bald in den Raum: "Will noch jemand Schnaps? Ich muss nach Hause fahren." Klar.

Dann legt Hank Joachim Witts Goldenen Reiter auf. "An der Umgehungsstraße/kurz vor den Mauern unserer Stadt/steht eine Nervenklinik/wie sie noch keiner gesehen hat." Der Mann versteht sein Folterhandwerk: Version für Version spielt Hank an, den Radio Mix, die Club-Mischung, den Rave-Mix. Alle, ja selbst die Teppich-Pferde scheinen sich einig: Diese Reiter-Platte ist scheiße. Einer der Gäste opfert sich: "1,50 zum Zerstören!"

Der Mann bekommt seinen Schnaps, die Welt Gerechtigkeit. Hank zieht sich eine Scharfrichter-Maske über, packt die Platte unters Beil und lässt das Seil los. Unter großer Genugtuung splittert der Goldene Reiter durch den Raum. Kurz darauf folgen weitere Platten: "Jungfrau - dein Horoskop für 1964" (Spoken Word oder so) und "Ingolf Janson - Badischer Wein" ("3 Euro zum Zerstören - aber mach‘ schnell!"):



Mancher Kandidat für die Guillotine wird begnadigt: zum Beispiel die Kinderturnen-Platte (aus der "Trim dich-Reihe") mit Beilegblatt oder die Telefonsex-Platte mit Flecken ("Zwischen meinen Schenkeln tropft es!" - 4 Euro, wieder zückt der Zocker den Geldbeutel).

Rolf hat kurz vor Schluss noch seinen großen Moment. Erst ersteigert er eine Scheibe von Nas für horrende 22 Euro - dann verliert er die Ray Charles, weil er nicht aufpasst. Er merkt einfach nicht, dass er überboten wurde. Ein klarer Anfängerfehler, über den er sich nun tierisch aufregt - klar: Dem Kenner darf so etwas nicht passieren, da wird er wohl wieder nicht schlafen können heute Nacht.

Am Ende kommen Marie Antoinette selbst unter die Guillotine - quasi: Die eine Hälfte muss auf den Zug nach Basel, die andere sitzt am Tisch und macht den Kassensturz: 42 Platten hat Hank an diesem Abend versteigert. Der DJ zückt einen kleinen Lederkalender und verkündet: Am 4. Februar wird man sich hier wiedersehen.

Könnte gut sein, dass der Autor dann wiederkommt. Allerdings mit einem Teppichmesser.