Diese vier Freiburger machen dein Wohnzimmer zum Theater

Brigitte Rohm

Für dieses Experiment muss man ganz schön (theater-)verrückt sein: Das neu gegründete Freiburger Ensemble "Theater Spielzimmer" kommt für private Aufführungen direkt ins Wohnzimmer. fudder saß bei der Premiere mit auf dem Sofa.

Nein, es ist nicht der Pizzabote, der an der Haustür klingelt – an diesem Abend wird Theater frei Haus geliefert. Die neu gegründete, vierköpfige Gruppe "Theater Spielzimmer" kann für private Aufführungen gebucht werden. Für die Premiere hätte sich das Ensemble um Michael Barop, freier Schauspieler und Initiator des Projekts, keine schönere Kulisse wünschen können: Die heutigen Gastgeber wollten unbedingt, dass das Debüt in ihrer charmanten Altbau-Wohnung in der Wiehre stattfindet.


Das Bühnenbild besteht nur aus zwei Stühlen

Bei der Begrüßung sind alle Beteiligten noch ein wenig befangen, die Situation ist ungewohnt. Doch für Nervosität bleibt kaum Zeit: Der Ablauf muss besprochen, das Licht getestet, Requisiten gesucht werden. Lässt sich das Fenster öffnen, ohne die Zuschauer zu stören? Ist der Teppich zu rutschig? "Vielleicht sollten wir dann lieber "Aladdin" aufführen" , kommentiert der Schauspieler Lukas Diestel trocken. Um die "Bühne" vorzubereiten, braucht es nicht viel: Zwei Stühle bilden das zentrale Element der Inszenierung von Max Frischs "Stiller".

In einer heißen Augustwoche verwandelte Helena Barop, die auch Regie führt, den Roman über Identität in ein Theaterskript, das speziell in Wohnzimmern funktionieren soll. "Man braucht keine Höhle, um sich eine Höhle vorzustellen", sagt sie. "Räume macht man in den Köpfen der Leute." Letztere haben sich derweil in der Küche bei Wein und Käse eingefunden. Der Hausherr – ganz Salonlöwe – scherzt: "Das Stück hat Überlänge und in der zweiten Pause wird warmes Essen serviert." Nach und nach nehmen die rund 25 Gäste auf den Polstermöbeln Platz.

Dann stürmen die Schauspieler durch die Zimmertür, Dielen quietschen, das Publikum tauscht Blicke. Mit einer starken Präsenz spielt Michael Barop den mysteriösen Mister White, der für den Bildhauer Anatol Stiller gehalten wird. Stillers Frau Julika, eine ehemalige Balletttänzerin, wird dank Christina Schlögls Darstellung zu einer hinreißend zerbrechlichen und komplexen Figur. Für die komischen Momente sorgt Lukas Diestel: Er schlüpft mit wechselnden Accessoires in die Rollen vom Fahrgast, Kommissar, Staatsanwalt oder dem Gefängniswärter, der begierig Stillers Geschichten lauscht.

Auch die Zuschauer lassen sich bis zum Ende fesseln. Nach der 70-minütigen Aufführung herrscht einstimmig Begeisterung: "Ich war total erstaunt, welche Räume in einem mir selbst bekannten Raum entstehen können", sagt der Gastgeber. Ein Besucher findet, das Projekt lebe von der Nähe zum Publikum: "Man sieht das Glänzen in Christinas Augen, man hört das Atmen und sieht kleinste Bewegungen." Mit dem Konzept habe die Gruppe eine tolle Nische gefunden.

Die Sommerproduktion: ein Lyrikabend für private Gärten

Die Idee dazu hatte Michael Barop bereits vor fünf Jahren. Nun hat er seinen Traum endlich wahr gemacht und investiert seit Herbst 2016 viel Energie in das Theater Spielzimmer: "Wir stemmen alles als Viererteam und sind so etwas wie ein künstlerisches Produktionsbüro", so Michael Barop. Derzeit testet das Ensemble noch verschiedene Preismodelle wie Pay After oder einen Fixpreis. Und es plant schon die Sommerproduktion – einen Lyrikabend, der private Gärten zur Spielwiese machen soll.

Für die Schauspieler hat sich die Arbeit gelohnt. Die heutige Erfahrung war ebenso positiv wie intensiv: "Die Leute haben sich wirklich darauf eingelassen, dass wir hier zusammen auf drei Quadratmetern Theater machen", sagt Christina Schlögl. Lukas Diestel ist vor allem vom Vertrauensvorschuss der Gastgeber überwältigt, die ihre Freunde eingeladen haben, obwohl sie nicht wussten, was sie erwarten würde. "Es ist und bleibt ein großes Experiment für alle Seiten", ergänzt Michael Barop.

Wer das Wagnis selbst eingehen möchte, kann eine Aufführung von "Stiller" über die Website buchen. Für zehn weitere Termine wurde das Theater Spielzimmer bereits engagiert. Die Kunden sind dabei ebenso unterschiedlich wie die Anlässe: So ist unter den Buchungen eine Geburtstagsüberraschung für den Herrn des Hauses und eine Aufführung bei einer großen Haus-WG – hier soll die Truppe in deren Schwimmbad beim Katerbrunch spielen. Besonders gespannt sind die vier aber auf einen Auftritt in Basel: Dort besteht das Gastgeberpaar nämlich aus einem Bildhauer und einer Tänzerin – wie im Stück. So fließend war die Grenze zwischen Wirklichkeit und Theater wohl noch nie.
Das Theater Spielzimmer kann über die Website kontaktiert und gebucht werden.
Die möglichen Termine in der nächsten Zeit sind Sa, 4. März, So 5. März, So 19. März, Sa 25. März, Mo 3. April, Mi 5. April, Mo 10. April, Do 13. April bis Mo 16. April (Osterwochenende), ab 19. April viele freie Termine inkl. Wochenenden (z.B. die Wochenenden des 22. April, des 29. April und des 6. Mai).