Podiumsdiskussion

Diese Freiburgerin setzt sich gegen Diskriminierung an der Uni ein

Anna Lob

Für Nabila Bushra passen Kopftuch und Frauenrechte zusammen. Die Freiburger Studentin hat eine Podiumsdiskussion organisiert, in der nur muslimische Frauen referieren. Mit ihr hat fudder-Mitarbeiterin Anna Lob gesprochen.

Warum ist es für dich kein Widerspruch, ein Kopftuch zu tragen und sich gleichzeitig für Frauenrechte einzusetzen?

Nabila Bushra: Kopftuch zu tragen ist in erster Linie ein Selbstbestimmungsrecht. Sich zu fragen: Wie will ich mich kleiden? Eher freizügig oder fühle ich mich wohler, wenn ich mich bedecke? Sich daneben für Gleichberechtigung einzusetzen und Rechte einzufordern. Das Eine schließt das Andere nicht aus. In den feministischen Diskursen ist das natürlich auch ein Grund, dass es die Auseinandersetzung zwischen weißen und nicht-weißen Feministinnen gibt. Der Feminismus wird muslimischen Frauen oftmals abgesprochen.

Warum verstehst du Feminismus anders als viele andere?

Feminismus bedeutet für mich, diejenigen wahrzunehmen, die unterdrückt sind und von der Gesellschaft nicht gehört werden wollen, aber es bedeutet auch, Differenzen wahrzunehmen. Der weiße Feminismus, der nur die Interessen von privilegierten weißen Frauen berücksichtigt, ist für mich kein Feminismus. Er schließt andere Frauen aus, die andere Lebensrealitäten mitbringen. Wir müssen verstehen, dass jede Frau sich in einem anderen Kontext bewegt und ganz eigene Kämpfe zu führen hat. Der weiße Standard-Feminismus reicht da nicht aus. Wir müssen mehrere Positionen berücksichtigen und ihnen Gehör verschaffen.

"Gespräche über Themen wie Geschlechtergerechtigkeit oder über Solidarität sind oft stark auf die weiße Mehrheitsgesellschaft fokussiert."

Wieso denken viele, eine muslimische Frau kann keine Feministin sein?

Eine Frau, die sich bedeckt und Kopftuch trägt - das passt für viele nicht zum westlichen Emanzipationsgedanken. Auf der gesamten Welt gab es unterschiedliche feministisch motivierte Bewegungen und die gibt es auch heute noch, das vergisst man oft. Da passiert es, dass andere Formen feministischer Selbstverständnisse nicht mitgedacht und andere Frauen nicht angenommen werden. Diese Vorurteile müssen hinterfragt werden. Die Frage ist, ob man in der Position ist, einer anderen Frau den Feminismus abzusprechen?

Du organisierst jetzt eine Podiumsdiskussion in Freiburg. Was willst du damit erreichen?

Die Diskussion dient in erster Linie der Repräsentation. In der Uni wird überwiegend von weißen Menschen gelehrt. In dieser Diskussion sollen normalerweise unsichtbare und unterrepräsentierte Menschen einen Raum bekommen. Gespräche über Themen wie Geschlechtergerechtigkeit oder über Solidarität sind oft stark auf die weiße Mehrheitsgesellschaft fokussiert. Es wird vergessen, dass Frauen auch in anderen Ländern hart für ihre Rechte kämpfen. Es ist wichtig, dass Menschen die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, sich aktiv beteiligen können.

"Es gibt nicht die einheitliche muslimische Frau."

Was ist das Besondere an dieser Podiumsdiskussion?

Das Besondere ist, dass diese Veranstaltung durch mich von einer PoC, also Person of Color, organisiert wird und nur muslimische Frauen zu Wort kommen. Moderiert wird das Ganze von Aaliyah Bah-Traoré, einer schwarzen Frau, die auch einen Hijab trägt. Das soll zeigen: Es gibt nicht die einheitliche muslimische Frau. Zunächst eine sichtbare Frau zu sein, dann eine Frau zu sein die Kopftuch trägt und zusätzlich auch noch schwarz zu sein – so eine Frau macht ganz andere Erfahrungen, als ich zum Beispiel.

Welches Thema wird auf jeden Fall zur Sprache kommen?

Es soll unter anderem um Solidarität gehen. Diese Veranstaltung habe ich alleine organisiert. Muss sowas immer von Menschen kommen, die selbst von der Thematik betroffen sind? Ich komme aus einer Familie, die nach Deutschland geflohen ist. Das ist keine Akademiker-Familie – ich habe demnach ganz andere Bildungsressourcen und habe jahrelang selbst gearbeitet, um mir mein Studium zu finanzieren. Auch privilegiertere Studierende und Lehrende sollten Verantwortung dafür tragen, dass alle Perspektiven gehört werden. Wir brauchen mehr Diversität an deutschen Hochschulen und eine Debatte ohne Fremdzuschreibungen und Stereotype.

"Freiburg hat unheimlich viel Potenzial, ist aber sehr bequem, wenn es um die Auseinandersetzung mit Problemen geht."

Also gibt es an deutschen Hochschulen ein Problem mit Diskriminierung?

Auf jeden Fall. Universitäten in Deutschland sind überwiegend weiß und männlich belegt. Allein, dass Unis eine Frauenbeauftragte brauchen, zeigt doch, dass sich etwas ändern muss. Das gilt auch beim Thema Diversität: Wie viele Personen unterrichten an der Uni, die einen Migrationshintergrund haben? Sicherlich gibt es auch in Deutschland schwarze oder muslimische Lehrpersonen, aber die sind nicht sichtbar und nur selten in Machtpositionen zu finden.

Hast du persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?

Ja, häufiger. Ich werde oft als Ausnahme wahrgenommen. Muslimische Frauen werden als Einheit gesehen, dabei sind wir so unterschiedlich und bringen eigene Geschichten mit. Hier an der Uni gab es eine Situation, in der eine Professorin zu mir sagte: "Ich verstehe nicht, warum du Gender Studies studierst, das ist doch so ein abstraktes und herausforderndes Studium. Wieso bist du mit deinem Migrationshintergrund denn nicht in der sozialen Arbeit verblieben?" Wenn eine Lehrperson der Universität so etwas sagt ist das mit Sorge zu betrachten.

An welcher Stelle kann die Stadt Freiburg noch dazulernen?

Freiburg hat unheimlich viel Potenzial, ist aber sehr bequem, wenn es um die Auseinandersetzung mit Problemen geht. Ich bin oft wütend aus meinen Seminaren gegangen. Als einzige muslimische sichtbare Frau hatte ich das Gefühl, dass ich mit privilegierten Menschen zusammensitze, die nie eine andere Lebensrealität kennengelernt haben. Es fehlt, dass Studierende auch mal etwas einfordern. Wir haben ein Seminar zum Thema Diversität und Intersektionalität und laden dann eine weiße Gastreferentin ein – wieso keine PoC? Das müssen die Leute wahrnehmen und deswegen wollte ich etwas organisieren.

Warum ist die Veranstaltung auch für Menschen interessant, die weder weiblich, noch muslimisch sind?

Es ist eine Veranstaltung, bei der muslimische Frauen über Themen sprechen, die uns alle betreffen. Gerade Themen wie Verantwortung und Solidarität. Ich muss nicht nur solidarisch gegenüber Menschen sein, die so sind oder aussehen wie ich. Sondern gegenüber allen, die Ausgrenzung erfahren – egal, ob das jetzt eine muslimische Frau oder zum Beispiel eine homosexuelle Person ist.
Nabila Bushra ist 28 Jahre alt und studiert Gender Studies an der Uni Freiburg. In Frankfurt hat sie ihren Bachelor in Sozialer Arbeit gemacht und sich dort in der Hochschulpolitik gegen Rassismus und Diskriminierung und für Gleichberechtigung eingesetzt. Für ihr Engagement hat sie den Laura-Maria-Bassi Preis der Universität erhalten.

  • Was: Podiumsdiskussion: Zwischen Fremdzuschreibung & Selbstwahrnehmung - Muslimisch. Feministisch. Unsichtbar.
  • Wann: 10. Juli 2018, 18 Uhr
  • Wo: Universität Freiburg, KG I, Hörsaal 1015