Diese Freiburger Studentin schreibt ihre Bachelorarbeit über weibliche Masturbation

Marissa Müller

Clara Hense studiert in Freiburg Medienkulturwissenschaft – und schreibt ihre Bachelorarbeit über weibliche Masturbation. fudder hat mit ihr darüber gesprochen, warum sie das macht und wieso sie das Thema wichtig findet.

Clara, in Deiner Bachelorarbeit untersuchst du eine Website, auf der es um weibliche Masturbation geht – wie erklärst Du das Deiner Oma?

Nicht das Thema oder der Inhalt ist das Problem, sondern die Form. Ich meine, wie erklärt man einer Mitte 80-Jährigen, was eine Webseite ist. Meine Oma sagt dann immer: "Ach Dinge gibt’s – böhmische Dörfer sind das für mich". Und damit ist die Sache abgehakt, weil sie sich mit dem Medium nicht beschäftigen will oder kann. Tatsächlich bin ich mir sicher, dass meine Oma kein Problem mit dem Thema hätte, wenn ich es ihr in Ruhe erkläre. Sie interessiert sich natürlich sehr dafür, was ich mache und weiß, dass ich gerade meine Bachelorarbeit schreibe.
"Meinen Eltern habe ich es neulich erklärt und da bekomme ich absolute Rückendeckung."

Was hält Dein Umfeld von dem Thema?

Es kommt natürlich darauf an, mit wem man darüber redet. Auf WG-Partys bin ich in letzter Zeit der Hit, weil das Thema dafür natürlich spannend und auch kurios ist. Viele sagen "Hey, das ist interessant, dass du über sowas schreibst" und finden es cool. Meinen Eltern habe ich es neulich erklärt und da bekomme ich absolute Rückendeckung.

Bei einer Bachelorarbeit denkt man nicht unbedingt an weibliche Masturbation. Wie bist Du auf die Idee gekommen, gerade darüber zu schreiben?

Tatsächlich ist mir die Webseite Omgyes.com auf Facebook vorgeschlagen worden, weil eine Freundin sie geliked hatte. Mich hat diese Seite dann beschäftigt und ich habe überlegt: "Ich muss bald meine Abschlussarbeit schreiben – kann ich das vielleicht verwenden?". Vor allem, weil das ein Bereich ist, der mich persönlich interessiert – also gerade Körper, Körpererfahrungen, Sexualität und Medien. Und dementsprechend auch, wie Körper und Wissen in Medien dargestellt werden.

"Man sieht, was die Frau tut und sie erklärt, was sie dabei gerade fühlt und wann sie in welche Phase der Masturbation übergeht."

Und wie sieht diese Webseite dann aus?

Das ist eine Webseite, die auf einem Studienprojekt aus den USA basiert. In der Studie wurden Frauen interviewt, mit dem Ziel, die weibliche Masturbation zu untersuchen und die Techniken herauszufinden, die Frauen verwenden, wenn sie masturbieren. Auf der Webseite hat man zwei Teile. Es gibt einen öffentlichen Teil, den sich jeder anschauen kann und in dem das Projekt, die Idee und Motivation vorgestellt wird. Da wird gezeigt, wie sie geforscht haben und man kann zum Beispiel schon ein Video von einer Frau anschauen, die eine Technik erklärt. Um mehr zu sehen, muss man dann einen Account für 39 Euro kaufen.

Sobald man einen Account hat, ist es so, dass man auf die erste bisher produzierte Staffel zugreifen kann. In einer Staffel gibt es insgesamt zwölf Kapitel. Das ist dann aber nicht so gedacht, dass man die Kapitel durcharbeitet und danach ist man irgendwie der Sex-Guru. Es werden einfach Techniken von Frauen vorgestellt, die auf der Studie basieren.

Wie kann man sich die Videos vorstellen?

Man hat in den Kapiteln jeweils mindestens eine Frau, die erklärt, aber auch wirklich erklärt! Das heißt, die Frau sitzt nackt und breitbeinig da und fasst sich an. Man sieht, was sie tut und sie erklärt, was sie dabei gerade fühlt und wann sie in welche Phase der Masturbation übergeht. Und dann stellt die Webseite – und das ist für mich das absolut Spannende daran – Simulationen bereit.

Das heißt, die Vulven dieser Frauen wurden abfotografiert und aus den Fotografien hat man Simulationen zusammengebaut. Man kann sich dann am Tablet oder am Smartphone die Techniken anschauen und sich erklären lassen, wie die Frau das möchte. Danach kann man in der Simulation die Technik mithilfe des Touchscreens ausprobieren und versuchen, diese Frau virtuell zum Orgasmus zu bringen.

"Ich schaue mir an, was behauptet wird und woher das Wissen über weibliche Sexualität kommt."

Bekommt man ein Rating dafür, wie gut man war?

Ratings kriegt man nicht, aber es wird deutlich gemacht, wenn man es schafft: man hört ein zufriedenes Seufzen. Die Webseite versucht sich da auch klar abzugrenzen von Pornographie und der "Rumstöhnerei", die in Pornos teilweise an völlig absurden Stellen ist, an denen man denkt: "Woher kommt das jetzt? Das kann doch gar nicht sein."

Aber es kann auch passieren, dass die Frau in der Simulation sagt: "Let’s try another time", wenn man die Anweisungen nicht befolgt. Dadurch entwickelt sich so etwas wie eine Spiellogik, in der es das Ziel ist, die Frau zum Orgasmus zu bringen. Und das finde ich super interessant. Da wird behauptet, dass es der Orgasmus ist, was den Sex beziehungsweise die Sexualität ausmacht.

Was genau analysierst Du dann?

Ich schaue mir an, was auf der Webseite über die weibliche Sexualität behauptet wird und auch, wie sie nutzbar gemacht wird. Im Prinzip wird das, was man in diesem Rahmen kaufen muss, als gut und wichtig für dein Leben verhandelt. Man kauft sich einen Zugang zu Wissen – im Prinzip ist es, als würde man ein Ratgeberbuch kaufen. Nur, dass es eben eine Webseite ist, die ganz andere Möglichkeiten bietet. Man kann interagieren, man kann Videos anschauen, man kann sich Frauen ansehen, die masturbieren – und das hat gar nichts mit Pornos zu tun, sondern besitzt einen sehr pädagogischen Aspekt.

Ich schaue mir dann an, was behauptet wird und woher das Wissen über weibliche Sexualität kommt – also wie die Studie aufgebaut ist und woher diese Geisteshaltung kommt, dass wir denken, weibliche Sexualität oder Sexualität generell sei wissenschaftlich erfassbar und erforschbar. Und ich stelle mir die Frage, welche Rolle das Medium Internet dabei spielt und wie uns das beeinflusst.

"Sexualität wird zunehmend zu etwas, was als Lebensqualität definierend betrachtet wird."

Wieso denkst Du das Thema ist wichtig für eine wissenschaftliche Analyse – kann man das darin überhaupt verhandeln?

Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Ich denke, das Thema ist wichtig, weil das etwas ist, bei dem sich die Leute im Privaten betroffen fühlen. Und wenn Leute sich dafür interessieren und denken sie brauchen das Wissen, das die Seite anbietet, dann möchte ich wissen, warum.

Ich finde es wichtig, das zu analysieren, auch weil es ein Bereich ist, über den wir uns bis zu einem gewissen Maße definieren. Sexualität wird zunehmend zu etwas, was als Lebensqualität definierend betrachtet wird – also von wegen: "Wenn du keinen guten Sex hast, kannst du kein spannendes Leben führen." Und das ist interessant. Dort wo eine gewisse Optimierungshaltung einer Leistungsgesellschaft nicht vor Privatem zurückschreckt, da muss man aufpassen. Und ich denke, dass wir in der Medienkulturwissenschaft da eine gute Ausbildung bekommen, uns den aktuellen Phänomenen unserer Zeit anzunähern, sie zu beschreiben und Schlüsse zu ziehen.

Stehst Du der Webseite also eher kritisch gegenüber?

Ich finde es eine schwierige Entwicklung, die man sich angeschaut haben sollte. Für junge Frauen, aber auch junge Menschen generell, ist es prägend, was für Bilder über ihre Sexualität kursieren. Welche Ansprüche werden gestellt, wenn behauptet wird: Natürlich kannst du zum Orgasmus kommen, wir müssen nur rausbekommen, wie. Vielleicht gibt es auch einfach Menschen, die das nicht wollen oder die das auf ihre Weise tun wollen.

Und tatsächlich ist es so, dass es sowohl Frauen als auch Männer nutzen. Und es scheint so, dass Männer es unter anderem nutzen, um sich gewissermaßen fortzubilden. Das ist auch wieder spannend. Es ist nicht nur so, dass Frauen die Dinge für sich lernen, sondern es wird direkt eine Anwendbarkeit provoziert. Auf der Facebook-Seite des Unternehmens schreiben zum Beispiel einige Frauen, dass sie die Seite nutzen wollen, um ihren Jungs Sexualunterricht zu geben. Und das finde ich mindestens bemerkenswert.

"Ich bin stolz auf das Thema."

Denkst Du das Thema weibliche Masturbation wird in der Öffentlichkeit zu wenig besprochen?

Ich habe den Eindruck, dass generell unheimlich viel über Sexualität geredet wird, nur vielleicht nicht über das Wichtige. Ich meine damit, dass viel unter dem Vorzeichen der Optimierung und im Sinne von einem besseren Erlebnis darüber geredet wird. Uns werden konkrete Bilder geliefert, an denen wir uns orientieren sollen. Aber selten wird gesagt: "Genieße, was du tust, egal, was du tust und lerne dich selbst dabei kennen."

Der Titel der Bachelorarbeit wird auch in Deinem Lebenslauf stehen – hast Du keine Angst davor, was Dein späterer Arbeitgeber dazu sagen wird?

Ich finde es viel wichtiger, das zu machen, was einen persönlich in dieser Phase des Lebens interessiert, schon deshalb, weil man sich so lange mit einem Thema intensiv beschäftigen muss. Natürlich gibt es viele, die da sehr auf den Arbeitsmarkt schauen, aber man muss auch danach fragen, was man selbst will. Diese Arbeit ist trotz des randständigen Themas wissenschaftlich und ich habe durch mein Studium viel gelernt, was für zukünftige Arbeitgeber interessant sein kann. Unter anderem, eine eigene Meinung zu entwickeln und zu aktuellen medialen Phänomenen und Problematiken Stellung zu beziehen. Wenn sich dann an dem Thema gestört werden sollte, ist es vielleicht besser, wenn ein Arbeitsverhältnis nicht zustande kommt.

Und ich bin stolz auf das Thema. Ich habe am Anfang zwar lange überlegt, wie ich es schlussendlich nenne, weil es auch im Abschlusszeugnis stehen wird, aber dann habe ich gedacht: Wieso denke ich da eigentlich so lange drüber nach, eigentlich muss ich stolz darauf sein, dass ich über so etwas schreiben darf und kann. Das steht dann eben in meinem Lebenslauf und das finde ich gut so.

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