Diese Freiburger haben in 48 Stunden ein frivoles Theaterstück geprobt und aufgeführt

Johanna Wagner

Ein Theaterstück zu proben ist schwer genug. Wenn man nur 48 Stunden Zeit dafür hat, ist es hoch kompliziert. Wenn darin Oralsex und Vergewaltigung gespielt werden müssen, scheint es unmöglich. Eine Gruppe Freiburger Studenten hat es dennoch gewagt. Eine Reportage:



Sonntagabend, 18 Uhr, noch eine Stunde bis zum Auftritt:
Geiger trägt einen seidenen Nachtmantel, stöckelt in hohen Schuhen durch den Raum und übt ihren Text. Am Fenster lehnt Häußermann und föhnt einen Kissenbezug. Großmann fragt: "Wann müssen wir fertig sein?" Die einstimmige Antwort: "Seit zehn Minuten!" In den Ecken wird schon wieder geknutscht. Jemand rennt ohne Hose durch den Saal. Der Wahnsinn hat seinen Höhepunkt erreicht.

Draußen vor dem Saal warten die Neugierigen in langen Schlangen. "Entweder wird es mega gut - oder mega peinlich!", sagt Christopher, der auf den Einlass wartet. Es klingt, als hoffe er ein bisschen auf Letzteres.

Freitagabend, Tag der Auslosung

Freitagabend, 17 Uhr 30, noch 48 Stunden: Zwei Tage bevor das Theaterteam von FIST (Freiburger Interessenverband für studentisches Theater) hinter der Bühne die letzten Texte einstudiert, steht noch nicht mal fest, was für ein Stück sie spielen werden. Der Plan: An diesem Abend wollen sie ein Stück auslosen, zwei Tage proben, am Sonntagabend aufführen. 48 Stunden um Rollen zu vergeben, Texte zu lernen, Szenen einzustudieren, Requisiten zu basteln, Bühne bauen. Kann das klappen?

Die Gesichter noch gerötet von einem schönen Frühlingstag, sitzen die Schauspieler vor der Bühne im Thetaersaal der alten Uni. Als die Auslosung beginnt, verstummen sie, die Augen aufs Regieteam gerichtet. Alle vier durften Vorschläge einreichen: Baumann, der jetzt die Hände vors Gesicht hält,  Beichle, der eine Faust ballt, sowie Hardt und Schlögl, die starr nebeneinander stehen. Dann losen sie: Reigen von Arthur Schnitzler.

Ein Skandalstück, uraufgeführt im Jahr 1920. Das Stück zeigt anhand verschiedener Pärchen auf, wie unterschiedlich Menschen mit Sex und Zuneigung umgehen. Die Dirne und der Soldat, das Stubenmädchen und der junge Herr, die junge Frau und der Ehemann, das süße Mädel und der Dichter, die Schauspielerin und der Graf, der Graf und die Dirne.

Schlögl kennt das Stück gut. „Kernthema ist die Doppelmoral bei körperlicher Liebe. Das bedeutet es werden viele….". Schlögl zögert. "...Körperflüssigkeiten ausgetauscht?", ruft jemand fragend in die Runde. Jetzt lachen sie alle. Häusermann, Geiger, Blanchard. Der Dichter, die Dirne und das süße Mädel. Das kann lustig werden.

Samstag, erster Probentag

Samstagmorgen, 8 Uhr, noch 38 Stunden: Das Regieteam gibt den Tagesplan bekannt. Bis zum Nachmittag wird in Zweierteams geprobt - und zwar nicht nur der Text. In Reigen gibt es einige Sexszenen, Quickies müssen glaubhaft inszeniert werden. Großmann und Häußermann proben schon mal den Oralsex. Jemand ruft: "Wir haben Zeit!"

Samstag, 16 Uhr, noch 27 Stunden. Gruppen-Besprechung. Einen Vorteil hat der Zeitdruck, sagt Großmann. "Die Sex und Knutschszenen, die sonst so viel Zeit in Anspruch nehmen würden, gehen so viel schneller und sind weniger awkward."

Samstag, 18 Uhr, noch 25 Stunden. Die Schauspieler huschen durch den Saal, die meisten halbnackt. Texte werden leise aufgesagt und es wird sich beim jeweiligen Partner über den Ablauf versichert. Hinter der Säule proben Schönberger und  Schneider eine Vergewaltigung. Durch den Vorhang dringen Knutschgeräusche. Es folgt der erste und einzige Komplettdurchlauf. "Im Großen und Ganzen filmreif", sagt Baumann.

Samstag, 22 Uhr, noch 21 Stunden. Der Boden ist übersät mit Klamotten, Zetteln und Taschen. Die Schauspieler sitzen im Raum verteilt: An der Wand gelehnt, auf der Bühne und unter dem Tisch murmeln sie Ihren Text vor sich hin. Seiberlich gestikuliert wild, Hense schüttelt immer wieder ihren Kopf. Auf dem Bühnen-Bett liegen Blanchard und Häußermann und üben sich angestrengt in gegenseitiger Verführung. Dann gehen alle heim. Ausschlafen für morgen, der Tag der Show.

Sonntag, zweiter Probentag und Tag der Aufführung

Sonntag, 10 Uhr,  noch neun Stunden. Noch ist das Team von FIST entspannt. Die letzten Proben laufen an, Kostüme werden gerichtet und Frisuren besprochen. Wir haben Zeit!

Sonntag, 12 Uhr, noch sieben Stunden. Die Regie überarbeitet eine Knutschszene – sie brauchen Ruhe. Die Schauspieler haben sie deshalb aus dem Theatersaal verbannt. Im Innenhof laufen Hense und Wiesmann im Kreis umeinander herum und schmettern sich gegenseitig Liebesbekenntnisse an den Kopf.

Sonntag, 14 Uhr, noch fünf Stunden. Das Team ist noch im Zeitplan. Trotzdem werden die Schritte der Beteiligten schneller, die Ansagen des Regieteams knapper. Für das Knutschen ist keine Zeit mehr. Alle gehen den Text im Schnelldurchlauf durch und machen bei Kussszenen Schmatzgeräusche – das geht schneller.

Sonntag, 16 Uhr, noch drei Stunden. Die ersten werfen sich in ihre Kostüme, dann stutzen sie sich gegenseitig die Bärte. Haarspray surrt in der Luft, jemand schleudert Klamotten herum. "Wir haben ja Zeit!" Hysterisches Gelächter.

Sonntag, 18 Uhr 54, noch sechs Minuten. "So, wir bespucken uns jetzt alle und dann geht es los", sagt Schlögl. Die Schauspieler kommen leise in der Mitte des Saals zusammen. Sie bilden einen Kreis und legen die Arme umeinander. So ruhig war es in diesem Saal seit 48 Stunden nicht.

Sonntag, 18 Uhr 58 Uhr, noch 5 Minuten. Der Saal blitzt, die Technik ist startklar. Alle atmen tief durch. Die Schauspieler tauschen Blicke aus. Die Panik der letzten 48 Stunden ist tiefer Ruhe und Zuneigung gewichen. So muss sich eine Expedition kurz vor dem Gipfel des Everest fühlen. Herzerwärmend. Der Vorhang fällt.

Sonntag, 19 Uhr. Die Türen gehen auf, das Licht geht aus. Häußermann und Großmann spielen Oralsex, Schneider und Schönberger die Vergewaltigung, Hense und Wiesmann schmettern Liebesbotschaften. Wenn sie im Text hängen oder etwas vertauschen, improvisieren sie. Dem Publikum fällt das nicht auf. Rauschender Applaus.

Noch bevor das Publikum den Saal verlässt, öffnen die Schauspieler den Sekt. Gegenseitige Beglückwünschungen, Liebe und noch mehr Liebe. Hardt ruft durch den Raum: „Wir sind ein geiler Haufen! Aufräumen und dann wird gefeiert!“ Sie haben jetzt Zeit.

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Foto-Galerie: Johanna Klein

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