Diese Frau liebt Familienfotos

Barbara Paul

Die Freiburger Künstlerin Eva Seelbach, 26, macht mit ihren Familienfotos wilde Sachen. Das Ergebnis hat auch viele Kuratoren der diesjährigen Regionale begeistert. Hier erzählt Seelbach unter anderem vom täglichen Kampf mit der Zukunftsangst.



Hier brodelt es

Über den Dächern Freiburgs mit einem 180 Grad Weitblick in Richtung Schauinsland, hell und geräumig – das Atelier von Eva Seelbach ist so, wie es sich viele Künstler wünschen würden. Die 26-jährige Kunststudentin teilt sich mit drei weiteren Kommilitonen das Obergeschoss der Freien Hochschule für Graphik Design & Bildende Kunst in Freiburg

Treffpunkt zwischen großflächigen Leinwänden und Staffeleien ist das abgewetzte, braune Ledersofa. Daneben steht eine Kaffeemaschine und überfüllte Aschenbecher. „Hier brodelt es richtig“, sagt Eva Seelbach. „Wir diskutieren sehr viel über unsere Arbeiten. Dieser Austausch ist unglaublich wichtig. Die gegenseitige Kritik bringt uns weiter, vielleicht gerade weil hier keine Konkurrenzstimmung herrscht. Die meisten von uns kennen sich seit dem 1. Semester und damit eben auch die jeweilige künstlerische Entwicklung.“



Im Krisenkampf

Eva Seelbach studiert Freie Kunst im 5. Semester. Die Pflichtseminare im Aktzeichnen, in Porträt- und Perspektivmalerei hat sie abgelegt. Jetzt geht es darum, sich die künstlerischen Aufgaben selbst zu stellen, was sehr viel Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet, aber auch enorme Verantwortung.

„Es sind sehr wichtige Fragen, mit denen man sich im letzten Drittel des Kunststudiums auseinandersetzt. Was will ich noch ausprobieren? Wann ist ein Kunstprojekt oder eine Werkgruppe wirklich abgeschlossen? Wie wird es sein, wenn ich mich in spätestens zwei Jahren als Freie Künstlerin auf dem hart umkämpften Kunstmarkt behaupten will?“

Zweifel, Selbstkritik und Zukunftsangst spielen im Leben der jungen Kunstschaffenden permanent eine Rolle. Auch Krisen, gerade künstlerische. Und dann geht es ums Dranbleiben, ums Weiterschaffen, auch, wenn man die gestrige Idee für ein Werk eigentlich am Liebsten verwerfen würde. Dieses Dranbleiben ist sehr schwierig. Trotzdem sei allen bewusst, meint Eva Seelbach, dass die Hochschule eine Art Schutzraum ist: „Es ist immer noch eine Art Netz da, das einen auffängt.“



We are Family

Seit einigen Monaten arbeitet die 26-Jährige an einem Kunstprojekt, für das sie die Farbtöpfe und Leinwände zur Seite geschoben und ihr Atelierbereich in eine Art Fotostudio verwandelt hat. Unmengen an Farbfotographien lagern in Kartons und sind über Tische und Wände verteilt. Die meisten davon stammen aus ihren privaten Familienalben, erzählen von ihrer Kindheit, von Ausflügen mit den Eltern, großen Familienfesten und Schulausflügen. Einige der privaten Aufnahmen sind aber auch gerade erst entstanden.



Zur Kunst werden die Photos, indem sie die dargestellten Geschichten für den Betrachter beinahe gänzlich auslöscht. Sie überklebt, übermalt und schneidet ganze Szenen aus dem Bild heraus, so dass oft nur noch ein dünner Rand stehen bleibt.

Vielmals fotografiert sie auch ein Foto ab und lässt mit einer starken Überbelichtung einen großen Teil des Dargestellten verschwinden. Entscheidend sind die Motivfetzen, die Seelbach bewusst stehen lässt, wie etwa den Umriss eines Hotelzimmers, der Ausschnitt eines Schlafsacks.



Leerstellen

Für den Betrachter sind das Anhaltspunkte, die ihn herausfordern, die ausgelöschten Geschichten wieder zu vervollständigen. Der Blick wandert immer wieder auf die leeren Flächen der Bildoberfläche, die Konzentration lenkt sich auf das Eliminierte, auf das kaum mehr Erkennbare, bis sich dort ein Imaginationsraum auftut. Jeder kann sich nun selbst denken, was er in diesem Hotelzimmer erleben könnte.

Eva Seelbach hat sich schon früh für Photographie interessiert, kaufte sich mit 14 die erste Kamera und beschloss, direkt nach dem Abitur eine Ausbildung bei einer Werbeagentur zu machen. Doch Werbephotographie, das Gestellte und Kalkulierte, war nichts für sie. Sie begann das Kunststudium. Denn sie wollte frei und spontan schaffen.



Private Verfremdung

Über 800 Dias hat Seelbach jüngst digitalisieren lassen, um nicht sämtliche Photoalben der Familie leeren zu müssen. Dass sie sich mit der Masse an Arbeitsmaterial auch einem gewissen Chaos aussetzt, gehört zum Schaffensprozess.

Vor Kurzem schickte sie ihr Kunstprofessor Klaus Merkel nach Wien zu einer Werkschau von „Anna Oppermann (1940– 1993) “, einer Hamburger Künstlerin, deren Arbeiten Seelbach vorher nicht kannte. Klaus Merkel wusste warum, denn Anna Oppermann schuf große Fotoinstallationen, die viel mit Seelbachs Arbeiten gemein haben.

Auch Oppermann arbeitete mit einem Sammelsurium von privaten Fotos, die sie bearbeitet und verfremdet. Für die junge Künstlerin, die sich bisher gegen Vorbilder wehrte, war das ein faszinierender Moment: „Ich dachte nur: zum Glück bin mit meinem Chaos nicht allein!“

Mehr dazu:

Eva Seelbach stellt ihre Photoarbeiten "Einzelbilder" derzeit im Rahmen der achten Regionale aus: Im Freiburger Kunsthaus L6 noch bis zum 13. Januar und in der Städtischen Galerie Stapflehus in Weil bis zum 6. Januar.

Foto-Galerie: Bilder von Eva Seelbach

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.