Diese Frau beobachtet Mordfallaufklärer

Johanna Schoener

Sie tragen abgewetzte Klamotten, essen Currywurst und halten sich in Spelunken auf. Kriminalermittler, wie man sie aus Romanen und aus Fernsehserien kennt. Für Anne Meiers Krimistudie am Psychologischen Institut durften Testpersonen in die Rolle des Kommissars schlüpfen. Ganz so stereotyp ging es dabei nicht zu.



Einen Mord und vier Verdächtige gab es bei dem Fall, den die Diplompsychologin ihren Testpaaren aushändigte. Die Versuchspersonen bekamen die Vernehmungsprotokolle von verschiedenen Verdächtigen und sollten die Täterschaft dann per Videokonferenz aufklären. Ausgiebiger Krimiseriengenuss oder die Lektüre von Kriminalromanen war dabei nicht unbedingt förderlich. „Die Leute haben recht feste Vorstellungen, wie man einen Kriminalfall löst“, sagt die 27-jährige Anne Meier. „Gibt’s einen Gärtner? Wenn ja: er war’s!“, mutmaßte zum Beispiel ein Probandin. Ein anderer Versuchskommissar sagte: „Das kann nicht die Lösung sein, die ist viel zu einfach.“


Beim Aufdecken des Mordfalls kam man mit solchen Gedanken nicht weiter. Hier war zweierlei gefragt. Zum einen mussten die Versuchspersonen gemeinsam neues Wissen hervorbringen. Sie wurden zwar teilweise mit den gleichen Informationen, mit so genanntem geteilten Wissen versorgt, aber manche Informationen waren auch nur einer Person bekannt („ungeteiltes Wissen"). Hier ging es also ums Kombinieren. Zum anderen mussten aus diesem Wissen die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden. Dass es den Testpaaren schwerer fiel, diese aus dem ungeteilten Wissen herzuleiten als aus dem geteilten, ist eines der bisherigen Ergebnisse von Annes Untersuchungen.

Warum das Ganze? „In der Studie geht es darum herauszufinden, wie Problemlösen und Entscheidungsfinden in Gruppen funktioniert“, erklärt Anne. In der Sozialpsychologie nennt man Aufgaben, bei denen verschiedene Informationen (geteilte und ungeteilte) in einer Gruppe gestreut werden „Hidden Profiles“, weil das richtige „Profil“ zunächst versteckt ist. Die Teilnehmer müssen alle Informationen zusammentragen, um die Aufgabe zu entschlüsseln. „Die Gruppen können in dem Fall immer besser sein als der Einzelne, wenn sie ihre ungeteilten Informationen austauschen“, so Anne.

Die Krimistudie ist Teil von Annes Dissertation, in der sie auch herausbekommen will, wie man zum Beispiel durch gezielte Instruktionen das Problemlösen in Gruppen verbessern könnte. „In vielen Bereichen gibt es Teams, in denen die Einzelnen über unterschiedliches Wissen verfügen“, meint Anne, „zum Beispiel in modernen Unternehmen oder in der Wissenschaft.“

Gefördert wird Anne Meier vom Virtuellen Graduiertenkolleg (VGK). Ende 2005 hat sie mit der Promotion begonnen und die Krimistudie wird sie noch eine Weile beschäftigen. Inzwischen beginnt sie sogar zu recherchieren, wie man Krimis schreibt. Vielleicht muss sie ihren aktuellen Fall, den sie größtenteils von einer Kollegin übernehmen konnte, nämlich noch ein wenig verkomplizieren. Dem sieht sie jedoch gelassen entgegen, schließlich liest sie auch privat gerne Kriminalgeschichten – besonders historische, so wie vor kurzem „Das Urteil am Kreuzweg“ von Iain Pears. Auf den sonntäglichen Tatort dagegen verzichtet sie lieber: „Der bestärkt mir zu sehr die Vorurteile meiner Versuchspersonen.“

Mehr dazu:

Wer selber einmal Kommissar spielen möchte, hat im Herbst nochmal Gelegenheit dazu, vermutlich wird Anne Meier ihre Studie nämlich noch erweitern. Deshalb wurde hier auch noch nichts über den Fall verraten. Bei Interesse könnt ihr Anne Meier via E-Mail kontaktieren (Bezahlung zirka 6 Euro pro Stunde).