fudder-Interview

Diese Choreografin sucht Freiburgerinnen und Freiburger, die mit ihr über Liebe sprechen

Gina Kutkat

Sie nennt es Forschungsprojekt: Tänzerin und Choreografin Karolin Stächele sammelt für ihr "LoveArchive" Geschichten über die Liebe. Aktuell sucht sie noch Menschen aus Freiburg, die von ihren Liebeserfahrungen berichten. Daraus erarbeitet sie dann eine Installation.

Für Ihr neues Projekt "LoveArchive" suchen Sie Menschen, die über ihre Liebeserfahrungen sprechen. Was möchten Sie von ihnen wissen?

Stächele: Wie liebst Du? Das ist die Frage, die ich stellen möchte. Dabei geht es um die Form der Partnerschaft oder auch den Ort des Kennenlernens. Je nach Alter interessiert mich auch, wie sich die Art zu lieben verändert hat. Ich möchte wissen, welche Erfahrungen die Menschen mit der Liebe gemacht haben: Gibt es einen Partner oder mehrere? Ist es eine Fernbeziehung? Wie steht jemand zu Online-Dating? Mich interessiert das Persönliche. Je nachdem, wer mir gegenübersitzt, können unterschiedliche Gedanken dabei herauskommen.

"Ich möchte nicht kategorisieren und irgendwelche Schubladen aufmachen."

Was machen Sie dann damit?

Stächele: Ich zeichne alle Gespräche auf, per Video und Audio. Mit den Aufnahmen gehe ich ins Tanzstudio und verwende sie als Basis für den Bewegungsoutput. Wenn ich eine Stelle besonders interessant finde, bringe ich sie in eine andere Form. Sei es, in dem ich einen kurzen Ausschnitt zeige, die Szene transkribiere und den Text vielleicht einem Poetryslammer oder einer Sängerin gebe. Manchmal kommt es vor, dass ich eine Geschichte eins zu eins übernehme. Alles natürlich nur nach Absprache mit den Beteiligten. Mir ist bewusst, dass das ein ganz intimes Thema ist – und Freiburg keine große Stadt. Es gibt aber auch abgefahrene Formen des Verfremdens: Ich kann zum Beispiel eine Stimme neu einsprechen lassen oder der Person ein Pseudonym geben. Letztendlich interessiert mich nicht, wer genau was gesagt hat. Mich interessiert, dass es diese Geschichten gibt.
LoveArchive

Das Forschungsprojekt "LoveArchive" von Karolin Stächele läuft seit Mai 2019 und dauert insgesamt zehn Monate. Bis Mitte Dezember führt die Tänzerin und Choreografin dazu Gespräche in Freiburg. Jeder und jede, der oder die Interesse hat, kann mitmachen und von seinen Gedanken über die Liebe sprechen: karolin@lovearchive.live

Parallel dazu betreibt Stächele ihr Blog "LoveArchive", auf dem sie Tanzperformances, Texte, Literatur und Fotos veröffentlicht.

Im Café Huber im Stühlinger steht außerdem eine Lovebox, in der Gedanken schriftlich festgehalten werden können.

Wieso forschen Sie zum Thema Liebe?

Stächele: Das Projekt ist aus meiner letzten Produktion entstanden, in der es um Leidenschaft ging. Dabei ist immer wieder das Thema Liebe aufgetaucht, das mir aber zu groß war, um es noch mit reinzunehmen. Dann habe ich entschlossen, dass ich dazu forschen und mal ganz anders vorgehen möchte als sonst. Normalerweise hat man für eine Tanzproduktion sechs Wochen Zeit und keine Möglichkeit, auch mal mit normalen Menschen ins Gespräch zu kommen. Mein Wunsch war, ein zehnmonatiges Forschungsprojekt zu starten: Ich wollte abseits der Tanzszene Gespräche führen und Literatur zum Thema lesen, auf Events gehen und in andere Städte reisen.

Sie waren für "LoveArchive" schon in anderen Städten unterwegs. Was macht das Projekt mit Ihnen persönlich?

Stächele: Ich habe bisher nur monogame Erfahrungen gemacht und trotzdem stelle ich fest, dass wir alle von dem selben Thema reden. Ich möchte nicht kategorisieren und irgendwelche Schubladen aufmachen. Es ist egal, ob jemand Frauen, Männer oder mehrere Personen liebt. Ich möchte Dinge ansprechen, über die wir nie reden. Ich spüre, wie sich die Liebe verändert und wie ich selber infrage stelle, wie meine Generation in Sachen Liebe erzogen wurde. Was ich beobachte ist, dass alles bunter wird, Liebe wandelbar ist und sich auch verändern muss. Es ist spannend, mit Menschen zu sprechen, die aus anderen Lebenssituationen kommen. Und es macht mir auch Mut. Dieses Gefühl des Mutgebens möchte ich gerne teilen.

"Es geht um mein Empfinden, nicht um eine Evaluation des Forschungsprojektes."

Sie suchen Freiburgerinnen und Freiburger, die noch mitmachen. Wie läuft das Ganze ab?

Stächele: Ich treffe die Leute am liebsten in ihrem Zuhause, damit wir ungestört über intime Dinge sprechen können. Außerdem bekomme ich einen Einblick, wie jemand lebt. Nach dem Gespräch schicke ich die Aufzeichnungen den Beteiligten zu, damit sie es nochmal sehen oder hören können. Jede Veröffentlichung wird abgesprochen. Ich werde bis Mitte Dezember Gespräche führen, ab dem 26. Januar gibt es dann die performative Installation im E-Werk zu sehen – das ist das abschließende Event. Dort werde ich sehr roh und unbearbeitet meine persönlichen Erlebnisse teilen – quasi wie in einem Tagebuch. Dabei geht es um mein Empfinden, nicht um eine Evaluation des Forschungsprojektes. Es bleibt trotzdem künstlerisch und ästhetisch wahrnehmbar, sodass das Publikum mit eintauchen kann. Ich werde mit fünf anderen Performern am Start sein und alles bleibt ganz intim, weil der Raum nur für maximal 25 Leute gemacht ist.

Karolin Stächele, Jahrgang 1984, trainierte bei TIP – der Freiburger Schule für Tanz, Improvisation und Performance. Seit 2013 arbeitet sie freischaffend als Tänzerin, Performerin, Choreografin und Tanzdozentin. 2014 gründete sie die DAGADA dance company mit ihrer ersten abendfüllenden Arbeit "loser". 2018 kreiert sie im Kollektiv das interdisziplinäre Stück "T." für das Freiburg-Festival. Ihre Arbeiten zeigte sie in Freiburg, Offenburg, Berlin, Leipzig, Köln, Basel/Schweiz, Brest/Frankreich, Haarlem/Niederlande und Prag/Tschechien.Von 2017 bis 2019 erhält sie die dreijährige Konzeptionsförderung der Stadt Freiburg.

  • Was: Forschungsprojekt "LoveArchive"
  • Wann: ab sofort bis Mitte Dezember
  • Wo: Ort wird abgestimmt

  • Was: LoveArchive - eine performative Installation
  • Wann: 26. Januar bis 1. Februar 2020
  • Wo: E-WERK Freiburg / Galerie für Gegenwartskunst

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