Frauengeschichte

Diese 6 Dinge hat fudder beim frauengeschichtlichen Stadtrundgang gelernt

Charlot Behrens

Schon gewusst, dass es in Freiburg einen frauengeschichtlichen Stadtrundgang gibt? Historikerin Birgit Heidtke führt die Teilnehmenden bei sechs Stopps durch Wiehre und Altstadt. fudder-Autorin Charlot ist mitgelaufen.

Seit 25 Jahren erzählt Birgit Heidtke von der feministischen Geschichtswerkstatt regelmäßig bei historischen Stadtrundgängen Wissenswertes zum Thema Frauengeschichte in Freiburg. Die Führung schlägt in der Wiehre und der Altstadt einen Bogen durch die Stadt von den ersten Freiburgerinnen im Parlament 1919 bis zu aktuellen Leerstellen in der Frauenpolitik. fudder-Autorin Charlot Behrens ist am 13. März mitgelaufen, als es anlässlich des Jubiläums des Frauenwahlrechts um die Frage "100 Jahre gleiche Rechte?" ging.


1. Der frauengeschichtliche Stadtrundgang zieht wenig junge Leute an

Die elf Teilnehmer des Stadtrundgangs waren alle über 40, teilweise schon ein paar mal dabei gewesen, und weiblich - bis auf ein älterer Herr, der auch zum Treffpunkt am Café Bicicletta gekommen war, und gefragt hatte ob er denn auch mitkommen dürfe. Er durfte natürlich. Das Interesse der jüngeren Generation scheint nicht besonders groß zu sein, denn auch Birgit Heidtke bestätigt, dass das Publikum meist eher älter ist.

Woran liegt das? Ist es, weil das Wort "Stadtrundgang" abschreckt, und irgendwie an Schulausflüge mit der Geschichtsklasse erinnert? Oder ist es, weil sich die jüngere Generation schlichtweg nicht für das Thema interessiert?

2. Viele Menschen haben kein Wahlrecht, obwohl sie schon lange hier leben

Beim dritten Stopp ist die Gruppe am ehemaligen Haus von Emilia Mortillaro in der Brombergstraße angelangt. Sie kam 1968 aus Portugal nach Freiburg und hat 1975 in der Uniklinik als Reinigungsfrau angefangen. Sie setzte sich für mehr Rechte für Migrantinnen ein, wurde 1989 in den Personalrat der Uniklinik gewählt und hat sogar 1998 das Bundesverdienstkreuz bekommen. Trotzdem bekam sie das Wahlrecht im Personalrat erst mit Portugals Eintritt in die EU. Auch heute gibt es in Deutschland mehr als acht Millionen Menschen, die von der Bundestagswahl ausgeschlossen sind, weil sie keinen deutschen Pass haben. Obwohl sie hier leben, arbeiten und Steuern zahlen.

3. Nur Zusammenarbeit und Zusammenhalt bringt voran

Am St. Elisabeth Krankenhaus in der Dreisamstraße, dem vierten Stopp des Rundgangs, erzählt Birgit Heidtke von Mathilde Otto. Mathilde Otto übernahm 1912 die Führung des Elisabethvereins in Freiburg und gründete 1925 die St. Elisabeth Schwesternschaft. Sie war 1919 eine der drei weiblichen Landtagsabgeordneten aus Freiburg, von 1924 bis 1927 die einzige Stadträtin in Freiburg und 1919 unter den 15 Prozent Frauen im ersten weimarer Bürgerausschuss.

Die Frauen dort haben durch ihre Unterbesetzung schnell gemerkt, dass sie zusammen und parteiübergreifend arbeiten müssen, um etwas zu erreichen. Gerade in der heutigen Zeit kommt diese Erinnerung wie gerufen: Besonders auf Social-Media-Kanälen stehen Frauen untereinander fast immer im Konkurrenzkampf und machen sich gegenseitig eher runter.

4. Gleichberechtigung in der Politik ist noch Wunschdenken

Seit 1919 dürfen Frauen wählen und können selbst gewählt werden. Doch selbst 100 Jahre später müssen Frauen noch auf eine an der Bevölkerung orientierte Frauenquote für alle politischen Gremien warten. Noch 1986 lag der Anteil der abgeordneten Frauen im Landtag in Baden-Württemberg bei 0,8 Prozent. Jetzt werden viele sagen: "Ja aber heute sieht das doch alles viel besser aus." Besser sieht es aus – aber ausgewogen noch nicht. Gerade Baden-Württemberg ist davon noch weit entfernt. Hierzulande beträgt die Frauenquote im Landesparlament gerade mal 26,6 Prozent.

5. Hast Du gewusst, dass das Harmonie-Kino eine zentrale Rolle in der Geschichte der Frauen spielt?

Der letzte Stopp des Rundgangs befindet sich am Hintereingang des Harmonie-Kinos. Schon früher war dort ein Gasthaus, in dessen großem Saal 1919 die zweite große Frauenversammlung des Freiburger Frauenkomitees stattgefunden hat. Dort wurde ein Forderungskatalog mit neun Punkten verabschiedet. Eine Forderung war zum Beispiel, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar gemacht wird – das wurde dann erst 1997 umgesetzt. Außerdem wurde eine, an der Bevölkerung orientierte, Geschlechterquote für alle politischen Gremien gefordert.

6. Birgit Heidtke ist eine versierte Historikerin

Birgit Heidtke beschäftigt sich seit 1990 mit dem Thema Frauengeschichte. Sie recherchiert und schreibt darüber und hat auch an dem Buch "Margarethas Töchter: Stadtgeschichte der Frauen von 1800 bis 1950 am Beispiel Freiburgs" mitgeschrieben. Die Historikerin hat den zwei Stunden andauernden Stadtrundgang sehr interessant und aufschlussreich gestaltet. Sie steckt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrer Leidenschaft an. Es wird nicht einfach ein auswendig gelernter Text herunter gerattert, sondern Birgit Heidtke geht mit den Teilnehmern ins Gespräch und gibt dem Rundgang einen ganz individuellen und persönlichen Touch. Hingehen lohnt sich.
  • Was: Frauengeschichtlicher Stadtrundgang
  • Wann:nächster Termin am 18. Oktober 2019 um 18 Uhr
  • Wo: Brombergstraße 17, Café Biccicletta (Startpunkt)
  • Eintritt: 10 Euro