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Diese 27-jährige Psychologin begleitet Menschen, die bald sterben

Gina Kutkat

Luise Hahn ist 27 Jahre alt und arbeitet als Psychologin auf der Palliativstation der Uniklinik Freiburg. Ihre Arbeit macht sie glücklich, weil sie die intensiven Begegnungen mit den Menschen schätzt.

Unmittelbar. Intensiv. Tiefberührend. Das sind die drei Dinge, die Luise Hahn sofort nennt, wenn man sie nach den positiven Seiten ihres Berufes fragt. Unmittelbar. Intensiv. Tiefberührend. Das antwortet die 27-Jährige auch, wenn man sich für die negativen Seiten ihres Jobs interessiert. "Die schönen und die schlimmen Aspekte meiner Arbeit sind dieselben", sagt sie. Luise Hahn ist Psychologin der Palliativstation der Universitätsklinik Freiburg und begleitet Menschen, die bald sterben.

Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

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"Im Austausch mit den Patientinnen und Patienten spüre ich sehr direkt, was es für extremen Schmerz geben kann. Gleichzeitig bin ich so dankbar, dass mich die Menschen in diesen Momenten in ihr Leben lassen." Luise Hahn bringt ihren Patienten und ihrer Arbeit viel Wertschätzung entgegen. Die Gespräche, die sie als Psychologin führt, machen sie "froh und glücklich". Aber sie spricht auch über die schlimmen Momente: "Sterben und Tod sind auch hässlich." Das reflektieren zu können, sagt sie, sei wichtig in ihrem Job. Es gibt Gespräche, die bei ihr noch lange nachklingen. Etwa, wenn ihr der Ehemann einer jungen Patientin erzählt, dass sie jetzt eigentlich Kinder geplant hatten. "Dann sitze ich da und werde total berührt." In diesen Momenten, sagt sie, spürt sie dem Gefühl nach, weint auch mal – und lässt los.

Existentielle Themen wie Tod und Krankheit haben sie schon immer fasziniert

Seit einem Jahr ist Luise Hahn Teil eines Teams aus Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten und Sozialarbeitern, das unheilbar Kranke in den letzten Tagen oder Wochen ihres Lebens begleitet. In der Palliativmedizin geht es vor allem um Lebensqualität; Menschen mit einer begrenzten Lebenserwartung werden ganzheitlich behandelt, "also medizinisch, sozial, psychologisch und spirituell", erklärt Luise Hahn. Neun Zimmer und zehn Betten gibt es auf der Palliativstation der Universitätsklinik Freiburg – im Durchschnitt verbringen Patienten dort etwa zehn Tage. Rund 40 Prozent sterben auf der Station, die anderen gehen nochmal nach Hause, ins Hospiz oder ins Pflegeheim.

Luise Hahns Augen leuchten, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Existentielle Themen wie Tod und Krankheit haben sie schon immer fasziniert: "Zunächst aus einer eher popkulturellen Perspektive." Sie hat viele Bücher und Filme zu diesem Thema konsumiert. "Oskar und die Dame in Rosa", eine Geschichte über die letzten Lebenstage eines krebskranken Jungen, hat sie sehr berührt. "Obwohl ich jetzt sagen würde, dass Filme und Bücher das Thema Sterben zu sehr romantisieren." Während ihres Studiums der Psychologie hat sie sich mit der psychologischen Begleitung von Krebspatienten beschäftigt und darüber auch ihre Bachelor-Arbeit geschrieben. Für ihren Master zog Luise Hahn nach Freiburg und setzte sich intensiver mit Palliativmedizin auseinander, erst in der Forschung – seit Juni 2018 als Psychologin auf der Palliativstation.

"Nur weil Leute sterben heißt das nicht, dass sie plötzlich unbedingt einer fremden Person ihr Herz ausschütten wollen." Luise Hahn
Wer ihren Job mache, dürfe keine Berührungsängste haben, sagt sie. "Ich gehe offen auf die Menschen zu und bin einfach für sie da." Als Psychologin steht sie den Patientinnen und Patienten als Gesprächspartnerin zur Seite. "Ich stelle mich jedem vor und biete ihnen die Möglichkeit, mit mir zu sprechen", sagt Luise. Bei Weitem nicht jeder nehme ihr Angebot an. "Nur weil Leute sterben heißt das nicht, dass sie plötzlich unbedingt einer fremden Person ihr Herz ausschütten wollen." Die Menschen, die sich der Psychologin öffnen, sprechen häufig erst über banale Dinge, doch fast immer landet die Kommunikation beim Thema Sterben. "Wer mir von seinem Hund erzählt, kommt bald drauf zu sprechen, dass er sich bald nicht mehr um ihn kümmern kann."
Palliativpflege

Palliativpflege, international auch Palliative Care genannt, konzentriert sich auf die letzte Lebensphase von Menschen, die unheilbar erkrankt sind. Diese Menschen sollen ganzheitlich betreut und begleitet werden. Die Palliativpflege berücksichtigt dabei körperliche Beschwerden, aber auch psychosoziale Belastungen und spirituelle Bedürfnisse. Maßstab sind Lebensqualität und Selbstbestimmung der Menschen. Sie sollen bis zuletzt erhalten werden. Deshalb arbeiten in der Palliativpflege verschiedene Berufsgruppen zusammen: Ärzte, Pflegefachkräfte, Psychologen, Seelsorger und ehrenamtliche Begleiter.

Luise Hahn hat mit ihren 27 Jahren noch nicht viel eigene Erfahrung mit dem Thema Sterben. Dem Vorwurf, sie wüsste in ihrem jungen Leben doch nichts vom Tod, begegnet sie gelassen. "Nur, weil ich eine Erfahrung noch nicht gemacht habe, heißt das nicht, dass ich Menschen in dieser Situation nicht beistehen kann." Zu Luise Hahns Job gehört nicht nur das Gespräch mit den Patienten, sie kümmert sich auch um die Angehörigen und um ihr Team. "Wir arbeiten eng zusammen, alleine könnte man diesen Job nicht machen." Außerdem unterrichtet sie junge Medizinstudierende im Bereich Palliativmedizin und ist Teil des Forschungsteams der Klinik für Palliativmedizin der Uniklinik.

Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod

Es ist die Kombination aus den unterschiedlichen Bereichen, die ihr an ihrem Beruf so gut gefallen. "Und, dass ich ganz flexibel arbeiten kann." Die ständige Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens führe dazu, dass sie sich auch mit ihrem eigenen Tod mehr auseinandersetzt. "Es ist mir präsenter, dass sich das Leben jederzeit radikal ändern oder eben vorbei sein kann." Wenn Luise Hahn nach einem harten Arbeitstag abschalten möchte, hilft ihr ein Hobby ganz besonders: Sie tanzt und unterrichtet in ihrer Freizeit Lindy Hop. "Das Tanzen hat etwas rein Körperliches", sagt sie. Und es strahlt vor allem eines aus: pure Lebensfreude.
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