Die WG-Typologie

Meike Riebau

Die Wohngemeinschaft. Seifenoper, Therapiezentrum und Kasperletheater in einem. Die WG-Mitbewohner sind diejenigen, mit denen wir nachts um drei am rotweinbefleckten Tisch noch beduselt Gespräche über den Sinn des Lebens führen, diejenigen, die Freuden und Leiden des Beziehungslebens hautnah mitbekommen und diejenigen, mit denen wir genervt Grundsatzdiskussionen über Kleinscheiß wie Mülltrennung und ungespültes Geschirr führen. Der Mikrokosmos WG ist ein empfindliches Gleichgewicht “in dem jedes Lebewesen auf den anderen angewiesen ist”, wie es in einem Bio-Film heißen würde. Eine Typologie.



Der Schmarotzer

"Oh, das ist aber leckere Marmelade da", denkt er sich und stibitzt ein bisschen davon, nimmt gleich noch Christophs Brot und zur Krönung obendrauf Anjas heißgeliebten "Momente der Liebe"-Tee. Ob aus politischer Grundeinstellung (“Wir sollten alles teilen!”) oder bloßer Faulheit (“Aldi ist so weit weg!”) - der Schmarotzer ist nur in kleinen Dosen erträglich. Du kannst dich zwischen zwei Handlungsoptionen entscheiden:
  • Jedesmal Krawall schlagen. Vergiftet auf Dauer das WG-Klima.
  • Ignorieren und ein bisschen mehr einkaufen. Die Lieblingslebensmittel eventuell verstecken.

Der Chiller

13 Uhr, die Tür öffnet sich quietschend, herausgeschlurft kommt ein verwuscheltes Etwas in Boxershorts. Ein gegrummeltes “Morgen”, zack, Badezimmertür zu - das war es erstmal an Kommunikation. Abends dagegen kommt er so richtig auf Touren. Händereibend betritt er gegen 23 Uhr dein Zimmer. “So, was machen wir jetzt?”. Mit keinem anderen kann man so gut Nichtstun, nachts ins Schwimmbad einbrechen oder um vier Uhr morgens im Crash landen.

Die Gestresste

"WG-Essen? Ist diese Woche schlecht, morgen hab ich den ganzen Tag Uni, danach sind wir noch zum Klettern mit Mona und Rike verabredet, und Abends hat der Professor noch auf einen kleinen Umtrunk geladen. Die nächsten Tage bin ich dann in Straßburg, für meinen Chef, sorry." Sie ist echt ne Liebe, aber es grenzt an ein Wunder, wenn du sie mehr als viermal im Monat siehst. Und selbst dann wahrscheinlich nur, wenn sie das Bad - perfekt gestylt - in aller Herrgottsfrühe verlässt, während du dir gerademal den Schlaf aus den Augen reibst. Wie sie ihr Pensum bewältigt, ist allen ein Rätsel, aber andererseits muss jetzt schon jedes Eisessen zunächst mit ihrem PA abgesprochen werden. Auch nicht schön.

Mr. Lover-Lover

Zieht eigentlich nur in eine WG, in der Hoffnung, die hübsche Mitbewohnerin klar zu machen. Oder deren Freundin(nen). "Sag mal, die Susi, hat die eigentlich einen Freund?" wird ganz beiläufig beim Sonntagsfrühstück gefragt. Rein zufällig läuft er natürlich auch immer, wenn Susi zu Besuch ist, mit nacktem Oberkörper durch das Haus. Oder schmeißt gekonnt den Grill an und bietet ihr das erste Stück Fleisch an. Aber die Baggerei sollte man nicht überwerten, er sieht es schließlich auch sportlich: Ein Korb ist nur ein Grund, beim nächsten Mal besser zu werden. Außerdem ist er auf der WG-Party der erste, der gröhlend auf den Tischen “Westerland” mitsingt - und auch sonst betätigt er sich gerne als Eisbrecher.

Der Organisator

Kaputte Glühbirnen, Vermietergespräch, ausgegangenes Klopapier oder das nächste WG-Essen, der Organisator hat immer alles im Griff. Ohne ihn würde alles aus dem Ruder laufen (glauben alle, inklusive ihm selber). Er braucht dieses Nestbau-Feeling, gebraucht zu werden. Die Grenze zwischen hilfreich und nervtötend ist aber manchmal nur hauchdünn - aber der arme Kerl merkt eben gar nicht, wann das Übermama-Syndrom zum Vorschein kommt.

Die männliche Zicke

Sehr viel anstrengender und häufiger vorkommend als die weibliche Zicke. Weil Schmollen, Hundeblick und einsilbige Antworten bei Männern einfach komisch wirken. Er wird dir nie sagen, dass etwas nicht stimmt, sondern es dich spüren lassen. "Sag mal, hab ich was falsch gemacht”, fragst du zaghaft, woraufhin er dich anschaut mit einem Blick, als habe er schon mit allem abgeschlossen. “Nein, nein." Pause. “Ich hab mich nur ein bisschen übergangen gefühlt, als du mich nicht gefragt hast, ob ich mit euch an den See will.” Pause. "Dabei weißt du genau, wie gern ich an den See gehe." "Ja, aber?", versucht man einzuwerfen, aber jetzt ist er nicht mehr zu bremsen. So kann die Unterhaltung noch ewig weitergehen, wenn du nicht irgendwann zu seinen Füßen liegst und "Mea culpa, mea culpa" schreist.