Die Vorort-Studenten: Wie es ist, zur Uni zu pendeln

Maren Rampendahl

Die Freiburger Innenstadt ist klein. Zumindest zu klein um den vielen Studenten, die tagsüber in den Hochschulgebäuden sitzen, auch noch eine Wohnung bieten zu können. Deshalb wohnen viele von ihnen in den Umlandgemeinden. Glück oder Unglück?



50 Minuten. So lange muss Ann-Katrin Oschwald täglich Zug fahren, um zur Uni zu kommen. Die 23-jährige studiert Italienisch und Französisch auf Lehramt und wohnt in Offenburg bei ihren Eltern. Seit nun schon sechs Semestern pendelt sie täglich zwischen Wohnort und Uni. Eigentlich wollte Ann-Katrin spätestens nach ihrem Erasmussemester in Rom nach Freiburg ziehen. Als sie wieder da war, fand sie allerdings nichts Passendes. „Wenn schon umziehen, dann nur in einen der zentral gelegenen Freiburger Stadtbezirke, sonst stehe ich wieder vor dem gleichen Problem.“


Da dort kein bezahlbares Zimmer zu finden war, wurde der Koffer doch wieder bei den Eltern ausgepackt, 60 km von der Uni entfernt. „Da gebe ich mein Geld lieber für andere Dinge aus!“ Zum Beispiel für die Fahrkarten der Bahn, denn das Semesterticket ist nur bis Ringsheim gültig. Dennoch: die 50 Euro für die Monatskarte sind nicht zu vergleichen mit den Mietkosten für eine Freiburger Stadtwohnung. Wenn die Wohnungssuche einfacher und die Zimmer günstiger wären, würde Ann-Katrin dennoch sofort nach Freiburg ziehen wollen, sagt sie. Denn besonders abends ist die Anbindung nach Offenburg schlecht: Der letzte Zug fährt um 22 Uhr, der nächste dann erst wieder morgens um vier.

An der Pädagogischen Hochschule in Freiburg sind derzeit fast 4800 Studierende eingeschrieben. Laut Studierendensekretariat wohnen 2095 von ihnen innerhalb der Freiburger Stadtgrenzen. Etwas besser sieht die Situation an der Katholischen Hochschule aus –wenn auch nur verhältnis- und nicht zahlenmäßig: von den 1556 eingeschriebenen Studierenden wohnen nach Angaben der Pressestelle genau 750 in Freiburg. Wie sich die Situation bei den knapp über 22000 Studierenden der Universität verhält ist unklar: Zahlen sind dort nicht verfügbar.



Anne Christine Knoth
(Bild oben) ist 26 Jahre alt und seit diesem Wintersemester an der Uni Freiburg. Doch auch sie wohnt nicht innerhalb der Stadtgrenzen. Für sie ging es im August letzten Jahres direkt von der Mainzer Innenstadt in den 4000-Seelen Ort Stegen. Mit Absicht allerdings.

Nachdem sie in ihrem vorherigen Studium stets zentral gewohnt hat, wollte sie nun, für das Aufbaustudium, lieber ins Grüne. Jetzt wohnt sie zusammen mit ihrem Freund etwa 10 km vom Stadtzentrum entfernt in Stegen bei Kirchzarten. „Wir wollten gerne richtig in den Schwarzwald! Außerdem bietet die Natur so viel an Freizeit- und Sportmöglichkeiten, dass es nie langweilig wird,“ erzählt sie. Anne Christine ist zufrieden mit ihrer Wohnortswahl, sie würde wieder so entscheiden. Allerdings gab es für diesen Entschluss zwei wichtige Faktoren: „Ich wohne mit meinem Freund zusammen, alleine wäre ich niemals so weit raus gegangen. Und ich habe ein Auto. Auch wenn ich es fast nie nutze: im Notfall bin ich mobil.“

Von der Haustür bis zur Uni braucht die Studentin der Interdisziplinären Frankreichstudien 45 bis 60 Minuten. Trotzdem kein Grund zur Klage: Die Zeit nutzt sie zum Lesen und Lernen. Und doch sieht auch sie einige Nachteile am Außerhalbwohnen: „Tagsüber sind die Anbindungen gut, nur abends muss ich immer früher gehen als alle anderen.“ Der letzte Bus fährt um 23:40 Uhr. „Wenn wir rausgehen, dann meist nur direkt nach der Uni, sonst lohnt es sich nicht,“ erklärt sie. Und: „Man beginnt, alles zu planen. Spontan ins Kino, was wir in Mainz oft gemacht haben, geht hier nicht mehr. Das ist schade.“



Mit seiner WG in Gundelfingen hat es Marc-André Kruppa, 23 (Bild oben), dagegen fast noch stadtnah erwischt. Bis zur Stadtmitte sind es gerade einmal sechs Kilometer. „Trotzdem nervt es“, sagt er, „die Anbindungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind gerade spät abends und nachts eher schlecht.“

Während seines Bachelor-Studiums in Bochum hat er beides erlebt: Nachdem er im ersten Semester noch täglich von Leverkusen aus gependelt ist, hatte er sich damals direkt in den ersten Semesterferien eine Wohnung in Bochum gesucht. „Das war um Längen besser. Und den Fehler wollte ich eigentlich nicht nochmal machen, als ich in diesem Wintersemester an die Uni Freiburg gewechselt bin.“

Dann kam es doch anders: Als die Zusage aus Freiburg kam, steckte er noch mitten in der Bachelor-Arbeit. Für Fahrten nach Freiburg reichte die Zeit nicht und über das Internet eine Wohnung zu suchen, ohne vor Ort zu sein, ist fast unmöglich: „Keiner macht dir eine Zusage nur übers Telefon.“ So landete er am Ende doch nicht so zentral, wie er es eigentlich gewollt hatte. Das Hauptproblem für diejenigen, die etwas außerhalb wohnen steht für den Journalistik-Studenten fest: „Du musst dich viel mehr engagieren um nicht den Anschluss an deine Kommilitonen zu verlieren.“ Spontane Treffen dürfen nicht zu spontan sein und am besten nicht allzu lange dauern. Wenn es doch mal spät wird, übernachtet Marc bei Freunden. Gerade am Wochenende kommt das ständig vor. „Ich kenne schon viele Sofas in Freiburg,“ sagt er und grinst.

Egal also ob man gewollt oder ungewollt außerhalb wohnt: Am Ende kristallisiert sich die Stadtanbindung zur späteren Stunde als Hauptkritikpunkt heraus. „Dabei ist es hier in Freiburg eigentlich total gut organisiert im Vergleich zu anderen Städten,“ sagt Anne Christine. „In Mainz hätte ich nicht außerhalb wohnen wollen.“ Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Aber man ist halt verwöhnt.“



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[Bild 1: Ingo Schneider; Bild 2-4: Maren Rampendahl]