Die Vorleserin

Christoph Müller-Stoffels

Die Promotionsstudentin Annette Leiderer, 29, will in Freiburg einen Vorlesedienst gründen und im April entsprechende Kandidaten in einem Casting auswählen.



Die Idee kam ihr, nachdem sie im Sommer 2008 ihre beiden Hauptfächer Spanisch und Geschichte abgeschlossen hatte und für das Examen in Latein lernte, ihrem dritten Fach. „Ich musste etwas neues machen und fand die Vorstellung schön, anderen etwas vorzulesen und dafür noch ein bisschen Geld zu bekommen.“ Inzwischen werkelt die 29-Jährige an ihrer Promotion in Geschichte. Die Idee mit dem Vorlesedienst hat sie nicht losgelassen.


„Ich will damit nicht die große Kohle machen. Die Preise sollen knapp unter Nachhilfe-Niveau liegen.“ Das hat einen guten Grund, erläutert sie. Nachhilfe sei für Studenten eine gängige und ziemlich langweilige Art, nebenher das Einkommen aufzubessern. „Studenten leben in einer Blase. Ich fände es sehr schön, denen den Zugang zu einer anderen Blase zu ermöglichen.“

Wem will sie vorlesen? Zum Beispiel Senioren. „Allerdings würde es mich auch reizen, mit der Justizvollzuganstalt zusammen zu arbeiten. Ob das tatsächlich möglich ist, wird sich zeigen.“ Wie sich auch zeigen wird, wie sich die Vorlese-Bewerber schlagen werden. „Eigentlich braucht man dafür schon eine stimmliche Vorbildung. Eine halbe Stunde lang schafft man das auch so, ein Stunde nicht.“

Und was soll gelesen werden? „Wir können nur Texte nehmen, deren Verfasser bereits seit mindestens 70 Jahren tot sind.“ Was die Genres angeht, ist die Niederbayerin offen. Romane, Kurzgeschichten, Märchen. „Ob wir auch Zeitungen vorlesen dürfen, muss ich noch klären.“ Sie selbst liest auch gerne Übersetzungen lateinischer Texte, etwa von Seneca, die sie zu genüge aus dem Studium kennt. „Das ist dann für die alten Lateinlehrer“, sagt sie.

Aber auch neuere Autoren stehen auf der Liste. Oscar Wilde, Mary Shelley, Arthur Canon Doyle. Ödön von Horvath würde sie auch reizen. Nur kein Drama. „Beim Vorlesedienst sollen die Texte im Vordergrund stehen. Beim Drama muss man in verteilten Rollen lesen. Der Text tritt dabei immer ein wenig in den Hintergrund.“



Einen Lieblingsautor hat Annette nicht. „Damit täte man zu vielen anderen Unrecht.“ Natürlich gäbe es Autoren oder Bücher für bestimmte Lebensabschnitte. Aber nur einen hoch zu halten, davon hält sie nichts. Dafür gerät sie ins Schwärmen über ihre Lieblingsbücher des vergangenen Jahres. „Das beste Buch für mich war 'Der Grenzgang' von Stefan Thome. Aber auch 'Empörung' von Philipp Roth oder Bernhard Schlinks 'Das Wochenende' waren toll, sehr schöne Bücher!“

Für ihr Casting sucht die Promotionsstudentin, die auch noch als Sekretärin bei den Naturwissenschaftlern arbeitet, Studenten zwischen 20 und 30 Jahren. „Das Lesen sollte locker sein, aber nicht zu locker. Gerade wenn alte Leute die Zielgruppe sind, kann ein zu legerer Student verschrecken.“

Das Casting soll im April starten, der Vorlesedienst kurz darauf. Interessenten können Annette über ihr Facebook-Profil kontaktieren.

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