Die Telefonzellen-Bücherei in Denzlingen

Antonia Hoeft

Eine Telefonzelle als Bücherei, und das Mitten in Denzlingen! Öffnungszeiten? Bibliotheksausweis? Leihfristen? Spielen hier keine Rolle. fudder-Autorin Antonia hat sich die Bücher-Zelle angeschaut.



"Mitten in Augsburg, in einem Park, steht an einem kleinen See, auch ein offenes Bücherregal, dort bin ich das erste Mal damit in Verbindung gekommen und war ganz begeistert", sagt der Denzlinger Bürgermeister Markus Hollemann (Foto unten). Drei Jahre lang arbeitete er in Zusammenarbeit mit dem Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentnern Deutschlands aus Denzlingen und dem Malverein am Projekt 'offenes Bücherregal'.


Die Idee ein offenes Bücherregal in einer Telefonzelle zu platzieren gibt es schon in anderen Bundesländern wie in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig Holzstein. In Baden-Württemberg ist nun vor zwei Wochen die erste Bücher-Telefonzelle in Denzlingen eingweiht worden.

Man braucht für sie keinen Bibliotheksausweis, und sie hat keine Öffnungszeiten. Die Telefonzelle ist Tag und Nacht geöffnet, denn Bürgermeister Hollemann vertraut seiner Gemeinde blind: „Ich mache mir keine Sorgen um Vandalismus. Die offenen Bücherregale in anderen Gemeinden zeigen, dass Vandalismus eigentlich kein Thema ist. Es handelt sich hierbei ja um ein Projekt von Bürgern für Bürgern, und das wird respektiert.“  

Rund 40 Bücher

In der Telefonzelle befinden sich rund 40 Bücher, alle in einem guten Zustand. Was man dort findet: „Hanni und Nanni“ und „Bernhard und Bianca“, aber auch „Effi Briest“ und ein Kinderbuch mit dem Titel „Papa nervt“. Außerdem: „Die Dornenvögel“ und das „14. Freiburger Literaturgespräch“.



Auf den ersten Blick sticht nichts Besonders heraus, wofür der Bürgermeister folgende Erklärung findet: „Ich habe erst gestern wieder einen Blick in die Büchertelefonzelle geworfen, und von der ersten Ausstattung ist mit Sicherheit kein Buch mehr da. Es hat ein großer Wechsel stattgefunden, das sieht man daran, dass sich der Buchbestand nun auch an ein älteres Publikum wendet. Am Anfang standen nur Bücher für Kinder da.“

Die rote Bücher-Telefonzelle - Inspiration hat sich der Malkurs, der für den Entwurf zuständig war, sicher aus England geholt - steht vor der Otto-Raupp-Schule. Die Mediathek und das Rathaus sind ein Katzensprung davon entfernt. „Ausschlaggebend war die ideale Lage in einer Fußgängerzone zwischen dem Rathaus und der Mediathek, direkt an der Glotter. Auf den Papstbänke kann man dann dort verweilen und dem Rauschen des Wassers lauschen“, so Hollemann.  

Und woher kommen die ganzen Bücher?

Zwei Wochen vor der Einweihung startete der Bürgermeister einen Aufruf in der Presse: „Stiften Sie ihr Lieblingsbuch!“ Innerhalb weniger Tage erhielt das Rathaus Denzlingen eine Vielzahl an Büchern und musste dann eine Auswahl treffen. Im Grunde genommen darf jeder ein Buch in die Bücherzelle hineineinlegen.



Auch der Bürgermeister selbst hat darin schon ein Buch platziert: "Die Quittung" von Volker Wörl. „Das Buch zeigt, wie man mit mehr Ethik und Moral in der Gesellschaft den Krisen begegnen kann und wie man gegen dieses 'immer mehr', 'immer schneller', 'immer höher', 'immer weiter' auch mit Vernunft bestehen kann.“

Schüler aus allen weiterführenden Denzlinger Schulen sorgen gemeinsam mit einem gelernten und jetzt pensioniertem Buchhändler dafür, dass die Bücher-Telefonzelle immer ordentlich und sauber ist, wofür sie Credits bekommen.  

Was kommt als nächstes?

Der Gemeiderat hat schon in Aussicht gestellt, dass es in den nächsten Jahren weitere offene Bücherregale geben könnte, zum Beispiel am Heimethuesplatz oder im Stadtpark. „Ob das aber wieder eine Telefonzelle sein muss, weiß ich nicht. Es gibt vielleicht bis dahin noch andere pfiffige Ideen für offene Bücherregale", sagt Hollemann.

„In jedes Bücherregal gehört sicherlich eine Bibel. Ob diese jedoch so stark ausgeliehen und wieder zurückgebracht wird, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass jeder Haushalt eine besitzt“, sagt der Bürgermeister. Die Bibel steht nun nicht mehr im Bücherregal. Dafür eine etwas zerknitterte Ausgabe von Hitchcocks „Es ist gemordet, Sir“.