Die Tagebuch-Fachfrau: "Tagebücher können unglaublich unterschiedlich sein"

Carolin Buchheim

Tine Nowak ist Kuratorin der Ausstellung "@bsolut privat – Vom Tagebuch zum Weblog", die zurzeit im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen ist. Eine echte Tagebuch-Fachfrau. Carolin hat mit ihr über Tagebücher, Blogs und Life-Tracking gesprochen.



Frau Nowak, gibt es das Tagebuch aus Papier noch, oder ist es dank dem Internet vom Aussterben bedroht?

Natürlich gibt es das Tagebuch noch! Es gibt schließlich viele unterschiedliche Menschen, die über ihr Leben schreiben. Da wäre es merkwürdig, wenn die nicht auch ganz unterschiedliche Mittel nutzen würden, um das zu tun. Es gibt viele alte Menschen, die noch Tagebuch auf Papier schreiben. Aber auch viele jüngere Menschen, Teenies und Kinder schreiben ganz klassisch Tagebuch auf Papier.

Warum tun manche das – im Gegensatz dazu – im Internet?

Tagebücher im Internet haben eine ganz andere Qualität. Jeder, der schreibt, will eigentlich auch gerne gelesen werden. Das ist bei dem, der auf Papier schreibt, nicht so viel anders, als bei dem, der das im Internet tut. Im Internet ist es dem Tagebuchschreiber allerdings viel bewusster, eben weil er es öffentlich tut.

Moment – ein Papiertagebuch wird also auch geschrieben, damit es gelesen wird?

Ja, selbst wenn es manchmal nur darum geht, dass man selbst vielleicht in zwanzig Jahren sein eigener Leser werden wird. Denn wenn man ein Tagebuch liest, das zwanzig, dreißig Jahre alt ist, dann ist man nicht mehr die Person, die das geschrieben hat.

Woher kommt das Bedürfnis, Tagebuch zu schreiben?

Auf diese Frage gibt es keine einzelne, richtige Antwort. Denn es gibt viele unterschiedliche Gründe, Tagebuch zu schreiben. Menschen sind grundsätzlich sehr stark mit sich selbst beschäftigt – schließlich ist jeder das Zentrum seines eigenen Lebens und in jedem einzelnen Leben kann es unglaublich viele unterschiedliche Schreibanlässe geben. Die können schöner Natur sein, oder auch ganz schrecklicher.

Nennen Sie einige Beispiele.

Manche Menschen schreiben, um zu dokumentieren, was ihnen gerade wiederfährt; also ein Schreibgrund, der von Außen aufgedrückt wird. Ein typisches Beispiel wären da Kriegstagebücher. Da ist es egal, ob das jetzt Irakblogger sind, die so ganz andere Dinge berichten, als das was wir sonst in den Medien zu sehen und hören bekommen, oder ob das auf Papier ist. In den frühen Dreissiger Jahren hat zum Beispiel Fritz Solmitz aus seiner Haft bei den Nazis in Miniaturschrift auf hauchdünnen Zigarettenpapier Notitzen geschrieben. Solmitz starb, und in seiner Uhr kamen die Notizen zu seiner Frau und dienten im Prozess gegen einen der Gefängnisaufseher als Beweismittel.

Dann gibt es auch noch die, die schreiben, weil sie in einer Phase sind, über die sie reflektieren wollen. Vielleicht ist das eine Pahse, in der so viel um einen passiert, dass man das Schreiben braucht, um selber durchzublicken. In persönlichen Krisenzeiten, in Krankheit, wenn man dem Tode nahe ist, aber auch in der Pubertät. Ein etwas banalerer Punkt kann zum Beispiel auch eine Reise sein. Man ist lange unterwegs, im Bus, im Zug, und verbringt die Reise bewusster, indem man auch darüber schreibt.



Auf Life-Tracking-Seiten im Netz halten Menschen nur einzelne Fakten fest, wie die Farbe des an einem bestimmten Tag getragenen T-Shirts, oder pro Tag einige Sätze. Ist das noch Tagebuchschreiben?

Es kommt darauf an, wie man „Tagebuch“ definiert. Ein Tagebuch kann natürlich eine therapeutische Ich-Erzählung sein, die sehr lang und sehr tiefgehend ist. Im Vorfeld der Ausstellung ist uns bei den Recherchen im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen allerdings aufgefallen, dass die scheinbare Banalität dieser Netzangebote auch auf Papier zu finden sind. Wir sind zum Beispiel auf Papier-Tagebücher in kleinen Sparkassen-Terminkalendern gestoßen, in denen jemand über Jahrzehnte hinweg aufgeschrieben hat, was er mittags gegessen hat.

Das ist genau der Vorwurf, der Bloggern heute immer gemacht wird – niemand will lesen, was du zu Mittag gegessen hast.

Ich glaube, dieser Vorwurf wird Bloggern nur gemacht, weil die meisten Tagebücher, die man öffentlich zu lesen bekommt, berühmte Tagebücher von Literaten oder Zeitzeugen sind. Die Masse an kleinen Tagebüchern von Alltagsschreibern, die bekommt man nicht zu Gesicht. Im Internet aber, da sieht man sie. Und denkt dann vielleicht „Oh, ist das banal!“

Aber wenn man sich mal Tagebücher von Goethe und anderen Literaten anguckt, die wirklich täglich schreiben, dann sind die in vielen Dingen nicht weniger banal. Goethe hat einen Schreibkalender geführt. Darin findet sich ein Eintrag „Alles in Ordnung“. Und nichts anderes. Wir haben ein Klischee im Kopf: ein Tagebuch ist das intime Journal mit einem Schlösschen davor. Aber wenn man tatsächlich in die Archive reingeht, dann merkt man, dass Tagebücher unglaublich unterschiedlich sein können.

Jeder ist anders und deswegen ist jedes Tagebuch, jedes Lebensdokument anders?

Ja. Ich weiß, man mag ja gerne so kurze Schlüsse, eindeutige Positionen. Aber ein Tagebuch behandelt Leben und Leben ist einfach verdammt unterschiedlich.

Die Life-Tracking-Websites sind also eine moderne Version des Papiertagebuchs?

Es kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Leute, die solche Websites nutzen, machen das ja nicht nur aus dem Dokumentationsgedanken heraus. Das Life Tracking hat auch noch einen unterhaltenden Wert. Man guckt, was man macht und dann hat man schnell ein Ergebnis. Außerdem bietet diese neue mediale Form weitere Möglichkeiten, wie die der statistischen Darstellung.

Was ist die schönste Sache, die ihnen bei der Arbeit mit Tagebüchern begegnet ist?

Meine Lieblingsgeschichte ist tatsächlich eine, die sowohl das digitale, als auch das materielle Schreiben miteinander vereint und dazu auch noch im Zusammenhang mit einer Familiengeschichte steht.

Anke Gröner hat ein Blog, und zwar seit einigen Jahren. 2006 im Herbst hat sie ihrem Opa einen Eintraggewidmet, indem sie - sehr stark - über Kindheitserinnerungen an Zeiten bei ihren Großeltern schreibt. Der Großvater hat Holz gefällt, denn die Großeltern hatten einen Holzofen. Der Nachmieter, der das Grundstück der Großeltern geräumt hat, hat die Holzstapel des Großvaters auseinander geräumt. Und dabei hat er Holzklötze gefunden, die beschrieben sind - und zwar mit Tagebuchnotizen des Großvaters. Zum Teil gibt es da Grüße - ‚Gruß Opa’ - oder Nachrichten – 'Kirschblüte, Hubschrauber ist abgestürzt' -aber auch persönliche Nachrichten, wie dass es der Großmutter nicht gut geht, und sie ins Krankenhaus kommt. Da klingt auch die Sorge so durch, was da so wird.

Es sind nicht sehr viele Klötze, insgesamt noch nicht einmal zwanzig, die übrig geblieben sind. Wahrscheinlich sind auch viele über die Jahre vom Großvater verbrannt worden. Die Familie hat den Kasten mit den Holzklötzen überreicht bekommen, da war der Großvater schon Jahre tot und hatte plötzlich eine Stimme, die eigentlich schon längt verstummt ist. Das ist natürlich eine ganz bewegende Geschichte. Und Anke Gröner hat daraus einen Blogbeitrag gemacht, ein Foto dazu getan, und das alles ihrem Großvater gewidmet.