Die Stimme des Freiburger Hauptbahnhofs

David Weigend

Jutta Kern, 32, arbeitet als Zugansagerin im Freiburger Hauptbahnhof. Sie muss sich schon genau überlegen, wann sie ihren Platz mal kurz verlässt. Denn ohne sie wären viele Passagiere ziemlich orientierungslos. Ein Arbeitsbesuch.



Wenn man die Stimme des Freiburger Hauptbahnhofs in natura hören will, also ohne den Filter des Lautsprechers, muss man in ein Bürogebäude der Bahn gehen, auf der Stühlingerseite des Bahnhofs. Oben im dritten Stock läuft man durch einen Flur, dessen Wand ein eingerahmtes Kätzchenpuzzle ziert.


Wir sind hier in der so genannten 3-S-Zentrale: Service, Sicherheit, Sauberkeit. Am Ende des Flurs befindet sich der Raum für die Zugansager: Drei Arbeitsplätze, eine große Kaffeemaschine, Eisenbahnerspinde, in der Mitte ein Tisch mit einem Stapel „InTouch“-Zeitschriften.



Am Fenster sitzt Jutta Kern. Wenn sie nach vorn schaut, blickt sie auf acht Monitore. Wenn sie nach rechts schaut, sieht sie drei Stiefmütterchen und dahinter den Hauptbahnhof, also den Körper, dessen Stimme sie ist: „Meine Damen und Herren am Gleis Zwo, willkommen in Freiburg. Ihre nächste Reisemöglichkeit: Die Breisgau S-Bahn nach Breisach, Abfahrt 14 Uhr 37 vom Gleis 5; mit der Breisgau S-Bahn nach Waldkirch, Abfahrt 14 Uhr 41 von Gleis 4; mit der Regionalbahn nach Titisee-Neustadt, Abfahrt 14 Uhr 40 von Gleis 7; Intercityexpress nach Berlin Ostbahnhof, Abfahrt 14 Uhr 57 vom Gleis 1.“

Die Kommas müsste man eigentlich weglassen, denn Jutta Kern macht keine Pausen in ihrem gleisigen Singsang. Ebenso hat sie ihre Sprech-Eigenarten. Im -sach von Breisach hebt sie die Stimme, Titisee betont sie dagegen mit fallender Intonation. „Das werde ich wohl nie wegbekommen“, sagt Kern.



Frau Kern spricht diese immergleichen Sätze ins Mikrofon auf ihrem Schaltpult, leicht vornüber gebeugt; mit dem linken Zeigefinger drückt sie eine grüne Taste, die blinkt. Das ist der Sprechknopf für Gleis Zwo. In der rechten Hand spielt sie mit einem Kugelschreiber herum. Wenn Kern die Durchsage beendet hat, lässt sie den Knopf los und ist drei Sekunden lang still, denn in dieser Zeit ist sie noch on air. Einmal hat sie das vergessen und laut losgeschimpft. Der Service Point hat sie dann angerufen und sie darauf hingewiesen, dass sich alle Reisenden im Bahnhof schieflachen würden.

Jutta Kern, Mutter in Teilzeit, ist in Opfingen groß geworden, das hört man ihr an. Sie hat Eisenbahnerin im Betriebsdienst gelernt und arbeitet seit zehn Jahren im Ansagedienst. Das liegt ihr: „Man ist immer im Trockenen. Der direkte Kundenkontakt ist auch nicht so meins. Da muss man sich oft anmotzen lassen.“



Warum macht diesen Job ein Mensch und kein Automat? Weil er zu komplex ist. Wenn es Verspätungen gibt, was ja nicht selten vorkommt und für Jutta Kern eine attraktive Abwechslung darstellt im Durchsagealltag, dann telefoniert sie mit dem Fahrdienst in Karlsruhe. „Ich liebe Störungen! Man muss zack, zack denken und schnell reagieren: kann ich diesen Anschlusszug den Leuten noch anbieten oder nicht?“

Im Falle einer Verspätung oder einer Warnung kann man Kerns mit viel Sprudel und Kaffee geölte Stimme auch in Kenzingen, Herbolzheim, Orschweier und Ringsheim vernehmen.

Auf Ringsheim hat man in der 3-S-Zentrale sowieso den Fokus gerichtet, wie Kerns rechter, oberer Monitor zeigt: „Da ist besonders viel los, wegen dem Europapark.“



Juttas beste Freundin bei der Arbeit ist „die Iris“. Ein Computerprogramm, das die Ansagerin mit fast allen wichtigen Informationen versorgt: „Zum Beispiel hohes Fahrgastaufkommen. Oder abweichende Wagenreihung. Oder: ,Ausladen eines Rollstuhls in Bad Bellingen, fünf Minuten Verspätung.'“

Frau Kern arbeitet im Schichtdienst, heute von 14.15 Uhr bis 23 Uhr. „Hubert, wann hab ich heut Pause?“, ruft sie zu ihrem Kollegen hinüber. Es ist erstaunlich, wie schnell sie zwischen Bahnsteig-Sprech und Büroalemannisch wechselt. „18.15 Uhr bis 18.45 Uhr“, hört man die Antwort. Huberts Kopf sieht man nicht, nur einen orangefarbenen Gymnastikball in der Ecke. In der Pause wird Kern wahrscheinlich rübergehen zu den Kollegen von der Bahnhofssicherheit.

Durch deren Überwachungskameras sieht man schon allerhand Sachen. „Wenn sich die Leute unbeobachtet fühlen, popeln sie in der Nase oder pinkeln irgendwo hin.“



Kern sagt, die Züge würden wohl auch ohne sie fahren. Aber es wäre eben nicht so nett, wenn jemand aussteige und von niemandem begrüßt werde. Kerns Chef, Wolf-Dieter Sutter, sagt: „Eine individuelle Stimme ist für den Kunden angenehmer. Diese Computerstimmen klingen ja auch recht abgehackt.“

Wir verabschieden uns und schauen ein letztes Mal auf die Delphine an Jutta Kerns Ohrläppchen. Auf Gleis 2 werden wieder die ankommenden Passagiere begrüßt und wir wissen jetzt: das macht kein Roboter, sondern eine symphatische Frau, die gern kegelt, Pilates mag, mit dem Rad zur Arbeit kommt und nur ungern englische Durchsagen spricht.

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fudder.de: Die Stimme der Freiburger Straßenbahn